
«Bei Fehlern mit Geld geht es selten um Mathematik. Es geht um Gefühle»
Geld gilt als das Rationalste überhaupt. Sie schreiben in Ihrem Buch* aber, dass die meisten unserer finanziellen Entscheidungen emotional gesteuert seien. Was denn nun?
Wir haben nie gelernt, Geld durch eine emotionale Brille zu betrachten. Dazu kommt diese Vorstellung in der Ökonomie und in der Politik, dass Anreize unser Verhalten steuern und dass wir rationale Entscheidungen treffen. Aber bei Fehlern mit Geld geht es selten um Mathematik. Es geht um Gefühle. Ich höre manchmal junge Menschen sagen: «Ich kann nicht mit Geld umgehen, weil ich schlecht rechnen kann.» Was hat das miteinander zu tun? Die Berechnungen macht eine App oder eine Tabelle. Die Fehler passieren woanders.
Wo merken wir, dass unsere Entscheidungen rund ums Geld nicht immer rational sind?
Etwa indem wir zu viel für ein Geschenk ausgeben, ohne recht zu wissen warum. Oder indem wir zwanghaft Dinge kaufen, ohne zu verstehen, was uns dazu treibt. Oder indem wir uns schuldig fühlen, wenn wir uns etwas Gutes gönnen – und nicht erklären können, weshalb.
Warum behandeln wir Geld denn nach wie vor als «rationales» Thema?
Wir gehen immer noch davon aus, dass Menschen bei Geld vernünftig handeln. Als würden sie mit den richtigen Informationen automatisch das «Richtige» tun. Das ist ein Mythos, der schon lange kursiert. Im Investmentbereich hat man sich zwar stärker damit befasst, warum Menschen nicht rational agieren: Behavioral Finance ist entstanden, weil viel Geld verdienen kann, wer das Verhalten von Anleger:innen versteht. Aber in der persönlichen Finanzbildung ist der Zwanziger noch nicht gefallen.
Emotionen werden in unserer Gesellschaft oft abgewertet. Welche Folgen hat das im Bezug auf Geld?
Da stimme ich zu. Und das nützt niemandem; weder Frauen noch Männern. Die Männer, die zu mir kommen, sind oft voller Scham, weil sie in ihren privaten Finanzen etwas «falsch» gemacht haben. Manche sind im Beruf CEO oder CFO – privat haben sie aber ein riesiges Chaos angerichtet. Und sie denken: Ich sollte doch gut mit Geld umgehen können! Ich bin ein Mann, ich bin erfolgreich – wie konnte mir das passieren? Wenn wir es normalisieren, dass das nichts mit fachlichem Versagen oder «weniger männlich sein» zu tun hat, sondern damit, ein Mensch zu sein, ein emotionaler Mensch, dann ändert das etwas.
Ein Konzept in Ihrem Buch, das mir sehr einleuchtet, ist die Selbstsabotage – dieses Gefühl, ausgeben zu müssen, bis nichts mehr da ist. Können Sie kurz erklären, warum jemand so etwas macht?
Die entscheidende Frage ist: Was gewinne ich, indem ich meine Finanzen sabotiere? Oft gibt es dafür eine nachvollziehbare psychologische Logik. Manchmal ist es Erleichterung: «Jetzt habe ich nichts mehr, also muss ich mich nicht schuldig fühlen, weil ich etwas habe.» Manchmal ist es die Gewissen, gerettet zu werden – und sich dabei umsorgt zu fühlen. Eine Klientin gab jeden Monat ihr gesamtes Geld aus. Ich vermutete, dass sie einfach zu viel ausgibt – bis ich fragte: «Was passiert, wenn Sie kein Geld mehr haben?» Sie sagte: «Ich rufe meinen Vater an.» Darauf fragte ich sie: «Wann reden Sie sonst noch mit Ihrem Vater?» Und sie erklärte mir, das sei einzige Mal, dass sie noch Kontakt habe mit ihm. Plötzlich ergab alles Sinn: Die Geldsabotage hielt die Beziehung am Leben. Wir sind also nicht «verrückt». Jedes Verhalten hat eine psychologische Ursache im Hintergrund.
Vicky Reynal
Wer kommt typischerweise zu Ihnen in die Finanzpsychotherapie?
Meine Klient:innen sind sehr verschieden – von sehr vermögenden Leuten bis zu Menschen, die ich zum Sozialtarif berate. Auch geschlechtlich variiert es. Bevor ich mich auf Finanzpsychotherapie spezialisiert habe, kamen mehr Frauen zu mir. Danach immer mehr Männer. Für manche älteren Männer machte der Begriff «Finanz»-Psychotherapie den Schritt zur Therapeutin weniger beschämend. Und Männer tragen oft eine kulturell aufgezwungene Last; sie sollen für andere sorgen. Wenn das schiefläuft oder sie ihren eigenen Erwartungen nicht gerecht werden, ist die Scham enorm. Dann ist es eine Erleichterung, einen Ort zum Reden zu haben. Meine Klient:innen kommen aus der ganzen Welt – von Singapur bis Tennessee, und auch einige aus der Schweiz.
Vicky Reynal
Rund um schlechte Finanzentscheidungen ist viel Scham im Spiel. Was macht Scham mit Menschen in finanzieller Not?
Scham lähmt. Nehmen wir Schulden. Viele Menschen blenden sie aus, obwohl sie wissen, dass frühes Handeln besser wäre. Sich damit zu befassen, würde bedeuten: Ich habe versagt. Ich bin ein:e Versager:in. Andere werden mich dafür verachten. Also wird das Problem immer grösser. Ich glaube nicht, dass Beschämen ein Ausweg ist. Wir alle machen Fehler, und niemand hat beim Thema Geld alles im Griff. Aber oft fehlt uns einfach die finanzielle Grundbildung – wir haben keinen Kompass, um Finanzentscheidungen zu navigieren, und sind gelähmt von Unsicherheiten.
Wie kommen wir aus der Scham heraus?
Wir können nicht ändern, was passiert ist – aber wir können ändern, was wir als Nächstes tun. Und oft sind wir unsere härtesten Kritiker:innen. Ich habe mit Menschen gearbeitet, die Geldgeheimnisse vor ihrer Partnerin oder ihrem Partner verheimlichen. Ihre Angst ist: «Sie wird mich verlassen. Sie wird mir nie vergeben.» Aber in acht von zehn Fällen ist die andere Person viel verständnisvoller, als man erwartet. Die Leute schätzen Ehrlichkeit – auch wenn sie spät kommt. Das hilft Menschen, aus der Scham herauszukommen und ins Handeln zu finden. Wichtig ist, Scham in Schuld zu verwandeln: Geldschulden mögen auf Fehler zurückgehen, die ich gemacht habe, aber das macht mich nicht zur Versagerin. Schuld bezieht sich auf das, was wir getan haben. Scham auf das, was das über uns «aussagt». Das ist ein wichtiger Unterschied: Aus Fehlern kann man lernen und weitergehen – aber Scham hält uns in einem selbstabwertenden Modus gefangen.
Vicky Reynal
Die meisten Geldgeschichten führen zurück in die Kindheit. Ist es wirklich so simpel?
Vieles schon, aber nicht alles. Menschen machen auch später prägende Erfahrungen. Auch eine Insolvenz mit Mitte 20 zum Beispiel kann das Verhältnis zu Geld grundlegend verändern. Was in der Kindheit geprägt wird, sind unsere Persönlichkeit, unsere tiefsten Ängste und Wünsche: Sind wir eher ängstlich oder impulsiv? Fürchten wir Nähe oder Ablehnung? Diese Muster entstehen in frühen Beziehungen, und sie beeinflussen, wie wir mit Geld umgehen.
Können Sie ein Beispiel nennen, wie kindliche Prägungen unseren Umgang mit Geld beeinflussen?
Manchmal inszenieren Menschen beispielsweise Selbstsabotage, damit sie gerettet werden – weil Gerettetwerden sich nach Fürsorge anfühlt. Andere wachsen in Knappheit auf und werden zu Workaholics, um sicherzustellen, dass sie nie wieder Mangel erleiden müssen. Da sind auch tiefer greifende Kräfte am Werk: Wenn das Elternhaus instabil war, etwa durch Sucht oder Gewalt, kann diese Grundangst sich in den Finanzen zeigen: Wenn immer eine Angst präsent ist, dass nie genug Geld da sein wird. Konkurrenzkampf unter Geschwistern erzeugt ein Knappheitsdenken: nicht genug Liebe, nicht genug Geld – im Sinne von: Wenn jemand anderes etwas hat, kann ich nicht genug haben.
Vicky Reynal
Sie schreiben auch über Menschen, die das Gefühl haben, Geld im übertragenen Sinn nicht zu «verdienen». Woher kommt das?
Manche können sich nicht mal eine Massage gönnen, ohne sich schuldig zu fühlen. Wenn man das anschaut, findet man oft einen Anteil, der sich nie wirklich wertvoll gefühlt hat – häufig verbunden mit frühen Erfahrungen wie einem depressiven oder abwesenden Elternteil, das einem nie das Gefühl gegeben hat: «Deine Anwesenheit bereitet mir Freude!» Das ist es, was Selbstwertgefühl aufbaut. Wenn wir als Kinder nicht genug Erfahrungen machen, dass die Welt positiv auf uns reagiert, schliessen wir daraus, dass etwas mit uns nicht stimmt. Mit dieser inneren Landschaft fällt es schwer, sich als Erwachsene gute Dinge zu gönnen – Geld, oder das, was Geld kaufen kann.
Vicky Reynal
Eltern wollen Kindern «Finanzbildung» mitgeben. Sie sagen aber: Es geht nicht nur um rationales Wissen. Wie können Eltern emotionales Wissen über Geld vermitteln?
Das Schlüsselwort ist nicht nur Finanzbildung – es ist emotionales Finanzbewusstsein. Sie können Ihrem Kind helfen, zu benennen, was es fühlt, wenn es Geldentscheidungen trifft. Fangen Sie früh an; wenn Sie mit Taschengeld beginnen. Ein Kind gibt vielleicht alles sofort für ein Lego-Set aus. Geben Sie ihm die Freiheit – und fragen Sie dann mit echtem Interesse: Wie fühlt sich das an? «Super, ich bin aufgeregt.» Lassen Sie das Kind diese Verbindung herstellen. Dann sieht es vielleicht, wie die Schwester spart, und fühlt Neid. Benennen Sie das sanft: «Bist du neidisch?» Das ist emotionale Bildung.

Vicky Reynal hat sich als Psychotherapeutin auf die emotionalen Aspekte von Geld spezialisiert. Sie hat ausserdem einen MBA der London Business School. Vicky Reynal lebt in Grossbritannien.
Vicky Reynal's Buch
«Deine Psyche, dein Umgang mit Geld und du. Wie wir gesündere Finanzentscheidungen treffen – und dabei sogar glücklich werden», Kösel, 2025

Viele Geldprobleme sind nicht nur individueller Natur – sie sind strukturell, durch unser Wirtschafts- und Politsystem geprägt. Gerade unter den Geschlechtern gibt es grosse Vermögensunterschiede. Sehen Sie diesen Aspekt auch?
Gewisse Unternehmen wissen, dass der nächste grosse Vermögenstransfer zu Frauen stattfinden wird, also versuchen sie, Frauen als Kundinnen zu gewinnen. Aber schaffen sie wirklich frauenfreundliche Strukturen, oder nähern sie sich allem weiterhin aus einer männlichen Perspektive an? Ich habe kürzlich einen Artikel gelesen, dessen Hauptaussage war: Hört auf zu sagen, das Problem sei mangelndes Selbstvertrauen von Frauen. Selbst mit Selbstvertrauen ist es schwer, in einem System erfolgreich zu sein, das von Männern entworfen wurde und von ihnen beherrscht wird.
Frauen hatten historisch begrenzte finanzielle Autonomie. Sind hier auch noch immer transgenerationale Muster am Werk?
Wir müssen uns an neue Dynamiken anpassen, besonders in Beziehungen. Wir merken vielleicht, dass wir einen Anspruch auf gleichberechtigte Mitsprache bei Entscheidungen haben und dass wir Kinder gleichberechtigt betreuen dürfen – weil beide Partner arbeiten. Aber das passiert nicht immer. Vielleicht gleiten wir da tatsächlich manchmal in vertraute Dynamiken ab und sind damit mitverantworlich. Ein Teil von uns zieht es zu dem hin, was vertraut ist – was wir unsere Mütter tun sahen. Ein anderer Teil will sich behaupten und ein neues Gleichgewicht einfordern. Diese Muster brauchen Generationen, um sich zu verändern.
Vicky Reynal
Ich habe das Gefühl, dass Frauen heute einem neuen Druck ausgesetzt sind – als müssten sie mehr verdienen, mehr investieren, einfach um keine Last zu sein. Investier doch endlich mal!
Frauen denken: «Ich investiere nicht, weil ich nichts davon verstehe – aber ich weiss, dass ich sollte.» Angebote dafür begegnen uns überall. Die Scham steigt. Ich verallgemeinere ungern, aber Frauen tendieren oft dazu, im Umgang mit Geld konservativer zu sein; Männer etwas mutiger. Muss denn alles gleich sein – oder können sich gewisse Unterschiede auch ergänzen? Vielleicht denken Frauen längerfristiger, mehr an die Sicherheit der Familie. Können wir eine finanziell selbstbestimmte Art des Seins gestalten, die nicht «wie Männer sein» bedeutet? Es geht ums Selbstvertrauen stärken, ja – aber auch darum, Unsicherheiten und Vorurteile anzugehen, die wir nicht einmal wahrnehmen. Manchmal haben wir unbewusste Vorurteile gegenüber uns selbst. Da geht es um viel mehr als um reines Wissen.

Zum Schluss: Wie sind Sie zur Finanztherapie gekommen?
Meine Familie hatte eine schwierige, komplizierte, dramatische Geschichte mit Geld. Ich selbst habe davon profitiert, dass ich in meiner eigenen Therapie darüber sprechen konnte. Es hat mir geholfen zu verstehen, warum Menschen gewisse Entscheidungen trafen. Ich erkannte meine Angst, dass sich dieselben Dinge wiederholen würden. Und ich lernte, bewusster zu handeln, damit ich die Fehler nicht wiederhole. Das hat mir enorm geholfen – und ich wollte anderen Menschen diese Erfahrung ebenfalls ermöglichen.


