Nachfolger:in gesucht – gefunden wird meist ein Mann

Es ist eine stattliche Zahl: Über 100'000 Unternehmen suchen schweizweit eine:n Nachfolger:in. Vor allem für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) ist dies eine schwierige, teilweise unlösbare Aufgabe. Laut Angaben des Bundes verschwindet fast jedes dritte KMU, weil es niemanden für die Übernahme findet.
Die Bischag AG aus Laufen (BL) kann sich diesbezüglich zurücklehnen. Die Nachfolge ist gesichert. Chantal Henz macht weiter. Aktuell führt die 26-Jährige den Betrieb, der spezialisiert ist auf Kran-, Hebe- und Transportlösungen, gemeinsam mit ihrem Vater Beat Henz. Verläuft alles nach Plan, zieht sich Beat Henz im Verlauf des nächsten Jahres schrittweise aus dem Unternehmen zurück und übergibt den Betrieb mit seinen 59 Mitarbeiter:innen – sieben davon Frauen – an seine Tochter. Chantal Henz ist die älteste Tochter in der Familie. Ihre jüngere Schwester arbeitet ebenfalls im Betrieb mit. Damit entspricht die Bischag AG einem verbreiteten Muster: Mehr als die Hälfte aller Nachfolgen bleibt in der Familie.
Neun Nachfolger, eine Nachfolgerin
Gleichzeitig ist die Bischag AG eine Ausnahme. Noch immer gibt es einen grossen Geschlechter-Gap in Sachen Nachfolge. Söhne, und allgemein Männer, treten deutlich öfter in die Fussstapfen ihrer Vorgänger:innen als Töchter und Frauen. Für die Schweiz gibt es keine aktuellen Zahlen zu diesem Gap. Eine Erhebung aus dem Jahr 2016 ergab jedoch, dass bei neun von zehn Wechseln ein Mann zum Zug kommt. «Bei Betriebsübergaben werden auch heute noch Söhne – vor allem Erstgeborene – bevorzugt», sagt Sabrina Schell, Professorin an der Berner Fachhochschule und Expertin für Familienunternehmen. Söhne seien in vielen Köpfen als natürliche Nachfolger gespeichert, ganz im Gegensatz zu Töchtern, so Schell. Obwohl Frauen heute oft gleich gute oder sogar bessere Voraussetzungen mitbringen als Männer. «Wir wissen aus Studien, dass Frauen oft besser ausgebildet sind als Männer. Dennoch werden sie deutlich seltener als Nachfolgerinnen angefragt.»
Sabrina Schell, Professorin Berner Fachhochschule
Sie brachte sich selbst ins Spiel
Auch Chantal Henz flog unter dem Radar ihres Vaters. Sie absolvierte einen Teil ihrer KV-Lehre im Betrieb. Anschliessend arbeitete sie fünf Jahre im Betrieb mit und übernahm viel Verantwortung in unterschiedlichen Bereichen. Dennoch sah sie ihr Vater nicht als Nachfolgerin. Einerseits aufgrund ihres jungen Alters – Chantal Henz war 22 Jahre alt, als ihr Vater 2022 begann, die Übergabe zu planen. Andererseits, so glaubt sie, wollte er sie vor dem Druck, der Verantwortung und den Herausforderungen der männerdominierten Baubranche schützen.
Als Chantal Henz aber von den Übergabeplänen ihres Vaters erfuhr, traf sie für sich eine Entscheidung: Sie wollte den Betrieb weiterführen. «Ich wusste, ich muss jetzt die Hand heben und mich bemerkbar machen. Sonst wird die Zukunft ohne mich geplant.» Und das tat sie. Sie stellte ihrem Vater und einem Coach, der die Nachfolgeplanung begleitete, ihren Plan vor: eine erweiterte Geschäftsleitung, bestehend aus allen Abteilungsleitern. Sie selbst würde Administration, Finanzen und Personal vertreten und die Geschäftsführung übernehmen. An einem Kick-off-Treffen der potenziellen Geschäftsleitungsmitglieder verkündete sie ihr Vorhaben.
Frauen zweifeln an ihren Fähigkeiten – im Gegensatz zu Männern
Sich selbst als Nachfolgerin ins Spiel zu bringen, braucht Mut und Selbstvertrauen. Etwas, was Frauen häufig fehlt. Eine aktuelle Studie der Universität St. Gallen zeigt: Mehr als die Hälfte der Frauen glaubt, die eigenen Fähigkeiten reichen nicht für eine Firmenübernahme aus. «Dieses Gefühl von ‹nicht können› ist für Frauen die grösste Hürde. Es hält sie davon ab, sich in Position zu bringen», sagt Sabrina Schell. Dabei handle es sich um eine subjektive Wahrnehmung. «Tatsächlich fehlen Frauen diese Fähigkeiten nicht. Im Gegenteil: Bei Aus- und Weiterbildung können sie mit Männern problemlos mithalten. Trotzdem zweifeln viele an ihren eigenen Kompetenzen.» Ganz im Gegensatz zu Männern. Nur ein Fünftel von ihnen, glaubt von sich, nicht die nötigen Fähigkeiten zu besitzen.
Besonders gross ist bei Frauen die Unsicherheit in Sachen Finanzen. Lediglich 12 Prozent gaben an, Erfahrung im Umgang mit Finanzierung und Investitionen zu haben (Männer: 53 Prozent). Bei der Frage nach strategischen Entscheidungen sieht es anders aus. Diese trauen sich Frauen und Männer fast im selben Mass zu (Frauen 88 Prozent, Männer 94 Prozent). Ein gutes Zeichen, findet Schell. Denn Finanzwissen könne man sich aneignen, Unternehmertum weniger.
Niemand wollte sie dabeihaben
Auch Chantal Henz fragte sich vor dem Treffen mit den Geschäftsleitungsmitgliedern immer wieder: Kann ich das? Die Frage sollte sie noch lange begleiten. Nicht zuletzt, weil ihre Pläne auf massiven Widerstand stiessen: «Meine Vision wurde mit grosser Skepsis aufgenommen. Das Gremium liess mich unmissverständlich spüren, dass es keine Notwendigkeit für meine Position sah und mir auch keinen Platz in der zukünftigen Unternehmensführung zugestehen wollte.» Sie sei zu jung, habe zu wenig Ahnung von der Branche und wolle doch sicher mal Familie, so die Argumente der Männerrunde. Mit diesem Ausmass an Ablehnung hatte die damals 22-Jährige nicht gerechnet. Doch sie blieb hartnäckig, und ihr Vater stellte sich hinter sie. Das Gremium musste Chantal Henz aufnehmen. «Ich habe lange gespürt, dass ich nicht willkommen bin. Man hörte kaum auf mich und setzte schon gar nichts um, das ich einbrachte.» Ihr Vater war zwar für sie da, liess sie ihre Probleme aber alleine lösen. «Er und ich wollten nicht, dass ich den Papa-Bonus habe.»
Chantal Henz liess sich nicht entmutigen. Sie arbeitete sich ein, stellte sich Konflikten, versuchte Brücken zu bauen, schlug wieder und wieder Veränderungen vor, setzte Entscheidungen durch, passte sich an, lernte, mit wem sie wie umgehen, musste und absolvierte ein BWL-Studium. So wurde sie in den vergangenen vier Jahren nach und nach zur Co-Geschäftsführerin.
Chantal Henz, Co-Geschäftsführerin Bischag AG
Hohe emotionale Belastung
Wer ein Unternehmen übernimmt, sieht sich mit gewissen Hürden konfrontiert – unabhängig vom Geschlecht. Man muss sich Respekt und Akzeptanz verschaffen, nach innen, aber auch nach aussen. Man muss das Unternehmen weiterentwickeln, Veränderungen vorantreiben, unpopuläre Entscheidungen treffen, Kontakte pflegen und neue knüpfen. «Männliche Nachfolger haben dieselben Herausforderungen wie weibliche. Aber Frauen müssen ihr Können oft mehr unter Beweis stellen. Sie werden kritischer beobachtet», weiss Sabrina Schell.
Das bestätigt auch Henz. Für sie waren die letzten Jahre anstrengend. Nicht in erster Linie aufgrund der Arbeitslast. «Es war vor allem eine emotionale Herausforderung.»
Sie wurde kritisch beobachtet und brauchte viel Kraft, um sich zu behaupten. An manchen Tagen ging das besser, an manchen liess sie ihre Maske fallen. Es flossen Tränen, oder sie wurde laut. «Vieles davon hat mich stärker gemacht, es hat aber auch Narben hinterlassen.»
Trotzdem bereut Chantal Henz ihre Entscheidung nicht. Das Unternehmen liegt ihr am Herzen: «Ich bin ein Stück weit in diesem Betrieb aufgewachsen und identifiziere mich damit. Inzwischen habe ich auch viel in dieses Unternehmen investiert. Ich will das Vermächtnis meiner Familie weitertragen», sagt sie. Trotzdem wünscht sie sich, dass es künftig für Frauen ohne solchen emotionalen Verschleiss möglich sein wird, ein Unternehmen zu übernehmen.
Sabrina Schell, Professorin Berner Fachhochschule
«Wartet nicht, bis ihr gefragt werdet»
Sabrina Schell sieht trotz der Herausforderungen vor allem Vorteile darin, ein Unternehmen zu übernehmen – als Familienmitglied, als Mitarbeiter:in oder auch als externe Person. Eine Firma weiterzuführen, könne äusserst sinnstiftend sein. Schliesslich seien KMUs das Rückgrat der Wirtschaft. «Ausserdem ist es eine interessante Karriereperspektive.» Das bestätigen die Zahlen: So ist eine Firmenübernahme deutlich sicherer als eine Neugründung. 95 Prozent der Unternehmen, welche die Nachfolgefrage lösen, gibt es auch nach fünf Jahren noch. Bei Neugründungen überlebt nur gerade die Hälfte.
Schell ermutigt Frauen, diesen Schritt zu gehen, auch weil sie ganz klare Stärken mitbringen: «Ich will nicht in Stereotype verfallen, aber Frauen gestalten solche Prozesse psychologisch häufig empathischer.» Ausserdem zeigen laut Schell Erhebungen, dass Nachfolgerinnen einen offeneren Umgang mit Wissen pflegen, eher transformative Innovationsstrategien voranbringen und so teilweise anschlussfähiger sind.
Die Botschaft von Schell und Henz ist dieselbe: «Wartet nicht, bis ihr gefragt werdet. Werdet aktiv und bringt euch früh in Position!»



