Unsichtbar im Beratungsgespräch

Frauen bekommen in der Finanzberatung häufiger teurere Produkte empfohlen. Das ist kein Zufall, sondern belegt. Ein Kommentar von Nadine Jürgensen.
Nadine Jürgensen
Bild: Unsplash, Getty Images

Vor einigen Jahren sass ich neben meinem Mann in einem Bankberatungsgespräch. Der Berater hielt ausschliesslich Augenkontakt zu meinem Mann, auch wenn er von «Ihren» Optionen sprach. Ich? Ein Anhängsel, das brav am Kaffee nippte. Ich fühlte mich nicht nur weniger kompetent, sondern auch gläsern.

Was anmutet wie eine Szene aus der Nachkriegszeit, ist heute noch immer Realität. Und es ist kein Einzelfall.

Nadine Jürgensen
«Ein Anhängsel, das brav am Kaffee nippte. Ich fühlte mich nicht nur weniger kompetent, sondern auch gläsern.»

Eine Studie des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung zeigt: Frauen erhalten bei Banken und Versicherungen schlechtere Konditionen, weniger Rabatte – und ihnen werden häufiger teurere Finanzprodukte empfohlen. Eine Ungleichheit, die zwangsläufig zu höheren Kosten für Kundinnen führt. 73,2% der Fondsempfehlungen an Frauen fallen in die teuerste Produktkategorie, heisst es in der Studie.

Leibniz-Institut für Finanzmarktforschung
«Frauen erhalten bei Banken und Versicherungen schlechtere Konditionen, weniger Rabatte — und ihnen werden häufiger teurere Finanzprodukte empfohlen.»

Das deckt sich mit meiner eigenen Erfahrung. Im Nachgang zu jenem gemeinsamen Termin vereinbarte ich einen Einzeltermin mit demselben Bankberater. Ich hatte eine kleine Erbschaft und wollte sie anlegen. Was mir empfohlen wurde: ein bankeigener Fonds mit Gebühren von über 1.8% (wie ich später herausfand) und mittlerem Risiko. Dabei wäre ich durchaus bereit gewesen, für eine höhere Rendite auch mehr Risiko einzugehen. ETFs kamen gar nicht erst zur Sprache. Gebühren? Kein Thema.

Ich habe den Berater damals nicht gechallenged. Weil ich mich nicht getraut habe. Das wird mir für immer eine Lehre bleiben. 

Warum passiert das? Die Studienautor:innen schreiben, dass Frauen oft weniger Selbstvertrauen haben, wenn es um Geldangelegenheiten geht. Das zeigen auch die sogenannten «Big Three», drei international anerkannte Standardfragen der Finanzökonomie, entwickelt von den Professorinnen Annamaria Lusardi und Olivia Mitchell. Interessant dabei: Der Unterschied bei den Antworten zwischen Männern und Frauen reduziert sich von 28% auf 9%, sobald die Antwortmöglichkeit «Ich weiss es nicht» gestrichen wird. Frauen wissen mehr, als sie sich zutrauen.

Das Problem ist aber nicht nur strukturell, es ist auch ein Wissensproblem. Wer weiss, welche Fragen zu stellen sind, lässt sich nicht mehr abspeisen. «Haben Sie auch günstigere Produkte mit tieferen Gebühren? Wie viel verdient die Bank an diesem Produkt? Haben Sie passive ETFs im Angebot?». Drei Fragen, die den Unterschied machen können.

Nadine Jürgensen
«Frauen wissen mehr, als sie sich zutrauen.»

Meine wirklich gute Beratungserfahrung machte ich erst Jahre später – mit einer unabhängigen Finanzexpertin. Keine Bank im Hintergrund, deren Produkte gepusht werden. Keine Interessen, die nicht in meinem Sinn sind. Ich habe mich noch nie so ernst genommen und gut beraten gefühlt.

Frauen werden in der Finanzberatung benachteiligt. Das ist keine Vermutung, das ist belegt. Es wird Zeit, dass wir aufhören, brav am Kaffee zu nippen.

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Veröffentlicht: 1. Juni 2026

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