Warum die Wohnungskrise Frauen besonders trifft

Eine bezahlbare Wohnung zu finden ist in der Schweiz nicht einfach, teils fast unmöglich. Wie gut die Chancen sind, ist auch eine Geschlechterfrage. Auch hier sind Frauen oft die Verliererinnen.
Samantha Taylor
Unsplash, Natalia_Blauth

Angela* muss raus. Nicht heute und nicht morgen, aber in den nächsten Monaten. Sie muss ihre Wohnung in der Stadt Bern verlassen. Eine Wohnung, die bezahlbar war. 1000 Franken Miete für eine Singlewohnung. Für die Stadt Bern ein Schnäppchen. Aber nun will die Eigentümerschaft die in die Jahre gekommene Siedlung sanieren. Alle Mieter:innen erhielten vor einigen Monaten die Kündigung. Betroffen sind über 100 Haushalte. Darunter zahlreiche Frauen, die finanziell nicht gut und vor allem auf sich alleine gestellt sind. Manche sind alleinerziehend, andere befinden sich auf Stellensuche, und einige stehen kurz vor der Pensionierung. Angela, die hier lieber anonym bleiben möchte, sucht aktuell ebenfalls einen neuen Job. «Für viele von uns wird es schwierig, eine Wohnung zu finden», sagt sie. Einerseits gebe es wenig bezahlbare Wohnungen, andererseits falle man mit einem tiefen Einkommen bei Vermieter:innen oft gleich von Anfang an durch.

Samantha Taylor
«Der Wohnungs-Index belegt, dass Mietwohnungen schweizweit derzeit so kurz auf dem Markt sind wie nie zuvor. Der Schnitt liegt bei 24 Tagen.»

Freie Wohnungen sind rarer denn je

Der Schweizer Wohnungsmarkt ist ein hartes Pflaster. Wer ein neues Zuhause sucht, muss geduldig, ausdauernd und kompromissbereit sein. Die prekärsten Zustände herrschen in der Stadt Zürich. Da kommen gut und gerne mal 300 Personen zu einer Wohnungsbesichtigung, lange Schlangen vor Häusern gehören fast schon zum Stadtbild. Wohnraum ist hier ein rares Gut. Das zeigen auch die Zahlen. Die Leerwohnungsziffer betrug bei der letzten Erhebung im Sommer 2025 0.1 Prozent. Das heisst, von 1000 Wohnungen stand nur gerade eine leer. Aber auch in anderen Städten und Regionen im Land ist der Wohnungsmarkt angespannt. Im Kanton Genf lag die Leerwohnungsziffer bei 0.34, in der Stadt Bern bei 0.44 und im Kanton Zürich bei 0.48 Prozent. Schweizweit ist die Quote bei der letzten Erhebung zum fünften Mal in Folge gesunken, auf ein Prozent. Erst Mitte März schrieb das Bundesamt für Wohnungswesen (BWO) in einer Mitteilung, dass die Wohnungssuche in der Schweiz «schwierig bleibt». Der Markt sei so knapp wie seit 2014 nicht mehr.  Das zeigt sich auch daran, wie kurz freie Wohnungen ausgeschrieben sind. Der jährliche Online-Wohnungs-Index belegt, dass Mietwohnungen schweizweit derzeit so kurz auf dem Markt sind wie nie zuvor. Der Schnitt liegt bei 24 Tagen. In Regionen, in denen Wohnungsknappheit herrscht, sind es manchmal nur wenige Tage oder gar Stunden.

Gleichzeitig steigen die Mieten seit Jahren. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage des Mieterinnen- und Mieterverbandes ergab, dass vier von zehn Haushalten mehr als 30 Prozent ihres Einkommens für die Miete ausgeben. Budgetberatung Schweiz empfiehlt, für diesen Posten im Idealfall 25 bis maximal 30 Prozent des Einkommens aufzuwenden. Gerade Haushalte mit wenig Geld – oder, wie das BWO es bezeichnet, «mittlere oder tiefe Kaufkraft» – leiden besonders. Dazu zählen Haushalte von Alleinstehenden, die ein Bruttoeinkommen von unter 6000 Franken im Monat haben, und Familien mit zwei Kindern, die monatlich weniger als rund 12’000 Franken Einkommen haben. Das Bundesamt für Statistik definiert diese Gruppen in einer aktuellen Mitteilung als «untere Einkommensmitte» und betont, dass in dieser Gruppe, die Wohnkosten oft eine hohe finanzielle Belastung darstellen: «Hier ist etwa jede zehnte Person mit Wohnkosten von über 40 Prozent des verfügbaren Haushaltseinkommens konfrontiert.».

Pauline Crettol
«Frauen verdienen weniger, zahlen aber gleich viel für das Wohnen bei immer teurer werdenden Mietpreisen. Das ist herausfordernd.»

Die finanzielle Situation von Frauen hat Folgen fürs Wohnen

Zu dieser Gruppe gehören Angela und ihre Nachbar:innen. Aber auch zahlreiche andere Frauen. Aufgrund ihrer Biographien ist die finanzielle Ausgangslage für eine Wohnungssuche für Frauen oft schwierig. Bis heute arbeiten mehr Frauen als Männer in Tieflohnberufen. Sie sind häufiger Teilzeit erwerbstätig, um Familie oder Pflege von Angehörigen mit dem Beruf vereinbaren zu können. Und schliesslich verdienen Frauen in der Schweiz noch immer weniger als Männer. Der Gender Pay Gap liegt aktuell bei 16 Prozent. Wobei fast die Hälfte davon nicht durch tiefere Pensen oder die Branchenwahl erklärt werden kann. Diese finanzielle Ungleichheit verstärkt sich mit dem Alter. Frauen erhalten fast ein Drittel weniger Rente als Männer. 

All das hat laut Pauline Crettol Folgen fürs Wohnen und die Chancen von Frauen auf dem Wohnungsmarkt. Crettol ist Co-Leiterin des Generalsekretariats des Mieterinnen- und Mieterverbandes Schweiz. Sie kritisiert: «Frauen verdienen weniger, zahlen aber gleich viel für das Wohnen bei immer teurer werdenden Mietpreisen. Das ist herausfordernd.» Die Zahlen bestätigen ihre Aussage. So gibt fast die Hälfte der Frauen mehr als ein Drittel ihres Einkommens für Miete aus. 

Pauline Crettol
«Besonders schwierig ist die Situation für Alleinerziehende, alleinlebende ältere Frauen sowie Migrantinnen. Sie sind besonders vulnerabel.»

Wer umzieht verliert

Besonders schwierig ist die Situation laut Crettol für Alleinerziehende, alleinlebende ältere Frauen sowie Migrantinnen. Sie seien besonders vulnerabel. «Alleinerziehende stehen nach einer Trennung oft vor einer zu grossen und zu teuren Wohnung. Sie müssen etwas Kleineres suchen.» Ältere, alleinlebende Frauen – aber manchmal auch Ehepaare – bewohnen hingegen häufig Wohnungen, die ihren Bedürfnissen nicht mehr entsprechen. Die Wohnung oder das Haus sei nach dem Auszug der Kinder oft zu gross. Am Ende stehen dann aber beide Gruppen vor demselben Problem: Der Umzug ist mit Mehrkosten verbunden. «Kleinere Wohnungen neu zu beziehen ist heute oft teurer, als in grossen, schon länger bewohnten Wohnungen zu bleiben», sagt die Co-Generalsekretärin. Grund dafür ist der Unterschied zwischen der sogenannten Bestandes- und Angebotsmiete. Erstere ist jene Miete, die bestehende Bewohner:innen bezahlen, letztere ist der Mietpreis, zu dem Wohnungen neu ausgeschrieben werden. Der Gap zwischen diesen Mietpreisen wird immer grösser. Die Angebotsmieten sind seit 2021 um rund 16 Prozent gestiegen, die Bestandesmieten hingegen nur um 5 Prozent. «Die Wohnkosten-Schere zwischen umziehenden und sesshaften Haushalten öffnet sich weiter», heisst es beim Bundesamt für Wohnungswesen. Pauline Crettol kritisiert, dass die Angebotsmieten zu hoch seien. «Vermieter nutzen einen Mieterwechsel häufig gezielt aus, um die Miete zu erhöhen.» Oder anders gesagt: Wer umzieht, verliert. 

Pauline Crettol
«Vermieter nutzen einen Mieterwechsel häufig gezielt aus, um die Miete zu erhöhen.»

Welcher Kompromiss schmerzt am wenigsten?

Eine Entspannung auf dem Wohnungsmarkt ist laut BWO nicht in Sicht. Genauso wenig wie eine Lösung. Die Ansätze seitens der Politik sind unterschiedlich. Manche fordern weniger Vorschriften beim Bauen, damit Projekte schneller und einfacher umgesetzt werden können. Andere sehen die Zukunft in mehr Verdichtung, damit bestehende Flächen besser genutzt werden. Und wieder andere verlangen nach mehr Regulierung bei neuen Bauprojekten, um einen höheren Anteil an preisgünstigen Wohnungen zu sichern. 

Angela kann nicht auf politische Lösungen warten. Ihre Situation drängt. Ihr Auszug rückt näher, und die Suche harzt. Darum überlegt sie sich, wie viele andere in dieser Situation auch, welcher Kompromiss für sie der tragbarste ist: Soll sie aus der Stadt ziehen und ihr Umfeld verlassen? Soll sie nach einer noch kleineren Wohnung suchen. Oder soll sie ihr Budget mit einer eigentlich zu teuren Wohnung strapazieren? Angela weiss es nicht. Sie will aber die Hoffnung auch noch nicht aufgeben: «Vielleicht habe ich ja Glück und finde etwas Bezahlbares in der Nähe. Auch diese Fälle gibt es immer wieder, wenn auch selten.»  

*Name von der Redaktion geändert

ellexx Rechtsschutz

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Veröffentlicht: 28. Mai 2026