
Warum es jetzt die Individualbesteuerung braucht
Warum kündigen eigentlich so viele Mütter ihren Job? Weil er sich finanziell oft schlicht nicht lohnt: Nicht im Verhältnis zum Stress der Vereinbarkeit. Nicht im Verhältnis zum tiefen Teilzeiteinkommen. Nicht nach Abzug von Kita-Kosten. Und erst recht nicht nach den Steuern.
Nadine Jürgensen
Und hier liegt das Problem: Wir leben in einem System, das Frauen für ihre Erwerbsarbeit bestraft. Und das macht besonders Mütter finanziell abhängig.
Wir wissen längst, was es bräuchte, um das zu ändern: Gleichberechtigte Elternzeit, Lohngleichheit, bezahlbare Kitas, fair bezahlte Kinderbetreuung, Männer, die selbstverständlich Care-Arbeit leisten – und eine Besteuerung, die Erwerbsarbeit von Frauen nicht bestraft.
Die Lösungen liegen auf dem Tisch. Aber sie stossen auf Widerstand. Eine Massnahme ist jetzt greifbar: die Individualbesteuerung. Darüber können wir in der Schweiz am 8. März abstimmen.
Nadine Jürgensen
Warum ich Ja stimme? Nicht, weil ich persönlich profitiere. Im Gegenteil. Der Lohnunterschied zwischen mir und meinem Mann ist mittlerweile zu gross, dass wir als Ehepaar sogar leicht mehr Steuern bezahlen würden. Und trotzdem sage ich bewusst Ja.
Die Individualbesteuerung ist nicht nur eine Steuervorlage. Sie ist ein gesellschaftliches Signal.
Ein Ja zur Individualbesteuerung ist ein Ja zu einer gleichberechtigteren Zukunft unserer Kinder. Wenn meine Töchter wissen, dass sie ihr ganzes Leben selbst für ihre Steuererklärung verantwortlich sind, gibt ihnen das offiziell Verantwortung für ihre Finanzen gegenüber dem Staat.
Nadine Jürgensen
Fertig die Zeiten, in denen man nur über die AHV-Nummer des Mannes Einsicht in die Steuerunterlagen bekommt – selbst dann, wenn es die Frau ist, die die Steuererklärung jedes Jahr ausfüllt.
Individualbesteuerung ist die finanzielle Ermächtigung der Frauen.
Rund , die Erwerbsarbeit und unbezahlte Care-Arbeit heute bereits gleichberechtigt teilen und ungefähr gleich viel verdienen, werden von der Vorlage profitieren und weniger Steuern zahlen. Damit lohnt sich die Erwerbstätigkeit der Mütter mehr. Und nur so kann die Motherhood-Penalty sinken, die in der Schweiz heute rekordhohe bis zu 68 Prozent beträgt.
Für hat die Vorlage keine Auswirkungen.
14 Prozent der Paare werden leicht stärker belastet, weil sie heute von einem Heiratsbonus profitieren – also Paare, bei denen vor allem eine Person arbeitet und ein sehr hohes Einkommen erzielt.
Das ist bei uns der Fall, da ich einen tiefen Start-up-Lohn habe. Ich finde aber: Paare in einer solch komfortablen finanziellen Situation können diese Mehrbelastung verkraften. Ich sehe die Individualbesteuerung als das, was sie ist: eine Investition in die Zukunft meiner beiden Töchter.
Céline hat letzte Woche über die Wut der Frauen geschrieben. Eine Wut, die ich nur zu gut kenne. Mit dieser Vorlage haben wir die Möglichkeit, unserer Wut eine Stimme zu geben – und einen wichtigen politischen Schritt zu machen.
Nadine Jürgensen
Und damit ist es nicht getan: Wir brauchen weiterhin Reformen unserer Sozialsysteme, einen Elternurlaub, ein funktionierendes Kita-Gesetz und endlich Lohngleichheit. Die Lücken bleiben frappant. Aber jetzt können wir zumindest eines tun:
Die Steuerlücke schliessen.
Wie sich die Individualbesteuerung als Ehepaar auswirkt, lässt sich nachrechnen.




