
Warum Schmuck die erste Bank der Frauen war
Dieses Jahr habe ich mir zum ersten Mal Schmuck gewünscht. Früher dachte ich immer, Schmuck sei bloss romantisch, eine schöne Erinnerung. Erst jetzt habe ich verstanden, dass es um viel mehr geht: um Freiheit, Selbstbestimmung und Sicherheit.
Nadine Jürgensen
Historisch gesehen war Schmuck die Bank der Frauen – weil Banken den Frauen verwehrt blieben. Über Jahrhunderte konnten Frauen Vermögen besitzen, aber nicht selbst darüber verfügen. Bis vor wenigen Jahrzehnten durften sie kein eigenes Bankkonto haben, und ihr Vermögen wurde durch den Ehemann verwaltet. Also wurden sie kreativ und trugen ihr Vermögen dorthin, wo es keiner Erlaubnis bedurfte: am eigenen Körper – in Gold, in Steinen, in Dingen, die man verkaufen, verstecken oder im Notfall mitnehmen konnte.
In Indien bezeichnet das Konzept des Stridhan das Eigentum einer Frau. umfasst sämtliches bewegliches und unbewegliches Eigentum, das einer Frau freiwillig vor, während oder nach ihrer Ehe gegeben wird. Auch Schmuck ist deshalb rechtlich ihr Vermögen und bietet finanzielle Sicherheit.
Nicht nur in Indien haben Frauen Schwierigkeiten, finanzielle Unabhängigkeit zu erreichen, auch wenn das Gesetz in Indien heutzutage formell den Zugang zu Banken grundsätzlich erlaubt. Kulturelle Gepflogenheiten und Traditionen hindern Frauen aber nicht nur in Indien, sondern auch in Ländern wie Iran, Afghanistan oder Sudan, Konten zu eröffnen, Verträge zu unterschreiben oder Geld ohne die Erlaubnis eines Ehemanns oder männlichen Verwandten abzuheben.
Nadine Jürgensen
In vielen westlichen Ländern durften Frauen erst nach 1960 ein eigenes Bankkonto eröffnen, ohne dass ihr Mann zustimmen musste. In Deutschland war dies 1962 möglich, in den USA 1974, in Österreich 1975 und in der Schweiz sogar erst 1988. Diese Zahlen zeigen, wie lange rechtliche Ungleichheiten bestanden. Noch immer haben keine eigene Bankverbindung.
In einer Welt, in der Frauen systematisch vom Finanzwesen ausgeschlossen waren, wurde Schmuck zur privaten Bank. Ein Mittel, um ihre Zukunft zu sichern, ihre Familie zu schützen und eine eigene Form von wirtschaftlicher Macht auszuüben. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Schmuck bis heute mehr bedeutet als eine romantische Geste. Er symbolisiert Wertschätzung und Wertanlage zugleich.
Übrigens: Die erste Frau, die eine Bank gründete, war Madame Karoline Kaulla, deren Bank später in die Deutsche Bank überging. In den USA war es Maggie Lena Walker, die erste Frau und erste Afroamerikanerin, die ein Bankhaus leitete. Und in der Schweiz? Bis heute hat noch keine Frau eine Bank gegründet. Wir träumen immer noch von einer eigenen Bank von Frauen für Frauen – vielleicht gibt es sie eines Tages, die ellexx Bank. So oder so: Auf ein Neues!



