Wenn das Postfach zur Zeitbombe wird: Wege aus der Schuldenfalle

Sie sitzt mir gegenüber und sagt einen Satz, den ich leider immer wieder höre: «Ich weiss ehrlich gesagt gar nicht so genau, wie hoch meine Schulden eigentlich sind.»
Es ist nicht so, dass Laura* nicht rechnen kann oder unvernünftig wäre. Im Gegenteil: Sie organisiert Familie, Job und Alltag, kümmert sich um ihre Kinder und hat ihr Leben grundsätzlich im Griff. Und trotzdem gibt es dieses eine Thema, das sich irgendwann verselbstständigt hat: die Schulden
💡 Wusstest du, das es auch einen Gender Schulden Gap gibt? Studien zeigen, dass Frauen eher Kredite aufnehmen und sich verschulden, um ihre Einkommenslücken zu überbrücken. Männer dagegen haben die Tendenz, sich für Luxusgüter wie Autos oder Uhren zu verschulden. Mehr dazu liest du hier.
Damit ist sie nicht allein. In der Schweiz sind rund 414'000 Menschen verschuldet. Oft beginnt die Verschuldung nicht mit einem grossen Fehlentscheid, sondern mit einem einschneidenden Lebensereignis wie einer Trennung, Krankheit, einem Jobverlust oder einer unerwarteten Ausgabe. Besonders häufig betreffen Schulden Steuerrechnungen, Krankenkassenprämien, Kreditkarten oder Konsumkredite. Überdurchschnittlich gefährdet sind Alleinerziehende und Familien mit Kindern.
Am häufigsten machen jedoch Menschen zwischen 18 und 30 Jahren Schulden. Dies ist kein Zufall, denn Schuldenmachen war noch nie so einfach wie heute. Wir können rund um die Uhr online einkaufen, mit wenigen Klicks bezahlen und die Rechnung erst später begleichen. Das fühlt sich oft nicht wie Schulden an, sondern eher wie eine praktische Zwischenlösung.
Delia Bohren
So ging es auch Laura. Da war eine Rechnung, deren Bezahlung sie auf später verschob. Eine Kreditkartenabrechnung, die sie nicht vollständig beglich. Und einige Online-Bestellungen, die sie über einen sogenannten Buy-Now-Pay-Later-Anbieter laufen liess, weil es im Moment einfach bequemer war. Alles Beträge, die einzeln betrachtet überschaubar wirkten – und die viele von uns kennen.
Genau hier liegt die Gefahr: Kleinvieh macht auch Mist. Schulden entstehen oft schleichend und bleiben lange unsichtbar. Die gute Nachricht: Schulden lassen sich Schritt für Schritt wieder abbauen. Entscheidend ist, nicht länger wegzuschauen. Je früher du aktiv wirst, desto grösser sind die Handlungsmöglichkeiten und desto einfacher lässt sich verhindern, dass aus offenen Rechnungen eine dauerhafte finanzielle Belastung wird.
Delia Bohren
Der erste Schritt: Hinschauen
Wenn du Schulden hast, ist das Wichtigste, dir einen vollständigen Überblick zu verschaffen. Sammle alle offenen Rechnungen, Mahnungen und Kreditverträge an einem Ort und beantworte folgende Fragen:
- Wie hoch sind meine gesamten Schulden?
- Bei wem habe ich Schulden?
- Welche Zinsen und Mahngebühren fallen an?
- Welche Rechnungen sind bereits betrieben worden?
- Wie viel Geld steht mir monatlich zur Verfügung?
- Wie hoch sind meine fixen Ausgaben?
Erstelle anschliessend ein realistisches Budget. Nur wenn du weisst, was monatlich übrig bleibt, kannst du einen Rückzahlungsplan aufstellen.
🛟 Du brauchst Hilfe? Wenn die Situation unübersichtlich geworden ist, musst du sie nicht allein lösen. Kostenlose Unterstützung bieten beispielsweise kantonale Schuldenberatungsstellen, Budgetberatungen oder Sozialdienste.
Der zweite Schritt: Melde dich frühzeitig bei Gläubiger:innen
Aus Scham oder Angst warten viele Menschen mit Schulden lange, bevor sie das Gespräch mit ihren Gläubiger:innen suchen. Dabei lohnt es sich, frühzeitig Kontakt aufzunehmen. Viele Gläubiger:innen sind bereit, gemeinsam nach einer Lösung zu suchen. So kann es beispielsweise möglich sein, eine Ratenzahlung zu vereinbaren, Zahlungsfristen zu verlängern oder Mahngebühren zu reduzieren. Manche verzichten auch auf weitere Mahnungen, solange ein vereinbarter Rückzahlungsplan eingehalten wird.
Wichtig ist, dass du dich proaktiv meldest. Wenn du wartest, bis eine Betreibung eingeleitet wird, hast du meist deutlich weniger Verhandlungsspielraum. Lass dir deshalb jede Vereinbarung schriftlich bestätigen und bewahre die Unterlagen sorgfältig auf.
Der dritte Schritt: Schulden strategisch abzahlen
Nicht alle Schulden sind gleich dringend. Grundsätzlich solltest du folgende Prioritäten setzen:
- 1Miete und Wohnkosten
- 2Krankenkassenprämien
- 3Steuern
- 4Konsumschulden wie Kreditkarten oder Konsumkredite
Gerade bei Krankenkassenprämien kann eine längere Nichtbezahlung dazu führen, dass du auf einer kantonalen Liste landest und nur noch für Notfallbehandlungen versichert bist.
Bei Konsumschulden und Krediten gibt es zudem zwei mögliche Strategien für den gezielten Abbau:
Die Schuldenlawine
Die sogenannte Schuldenlawine ist aus finanzieller Sicht die effizienteste Methode. Dabei konzentrierst du dich zuerst auf die Schuld mit dem höchsten Zinssatz. Hast du beispielsweise Kreditkartenschulden mit 17 Prozent Zinsen, einen Konsumkredit mit 12 Prozent Zinsen und einen Privatkredit mit 6 Prozent Zinsen, zahlst du zuerst die Kreditkarte ab. Anschliessend nimmst du den Konsumkredit und danach den Privatkredit in Angriff. Der Vorteil: Du sparst Zinskosten und bist oft schneller schuldenfrei.
Die Schuldenschneeball-Methode
Für manche Menschen funktioniert Motivation besser als Mathematik. Bei der Schuldenschneeball-Methode zahlst du deshalb zuerst die kleinste Schuld zurück – unabhängig vom Zinssatz. Angenommen, du schuldest einer Freundin CHF 1'000, hast Kreditkartenschulden von CHF 2'000 und einen Konsumkredit über CHF 5'000. In diesem Fall würdest du zuerst die Schuld bei deiner Freundin begleichen, danach die Kreditkartenschulden und zuletzt den Konsumkredit. Der Vorteil dieser Methode: Jede vollständig zurückgezahlte Schuld ist ein Erfolgserlebnis. Das kann motivieren und dabei helfen, den Schuldenabbau konsequent durchzuziehen.
Der vierte Schritte: Neue Schulden vermeiden
Wenn du deine Schulden abgebaut hast, ist ein letzter wichtiger Schritt, dieselbe Situation künftig zu vermeiden.
Eine wichtige Grundlage ist ein regelmässig geführtes Budget. Wenn du weisst, wie viel Geld monatlich hereinkommt und wofür du es ausgibst, erkennst du finanzielle Engpässe frühzeitig und kannst rechtzeitig gegensteuern. Ebenso sinnvoll ist der Aufbau einer Notfallreserve. Idealerweise deckt diese drei bis sechs Monatsausgaben ab und hilft dabei, unerwartete Kosten wie eine Autoreparatur, eine hohe Zahnarztrechnung oder einen vorübergehenden Lohnausfall aufzufangen, ohne neue Schulden machen zu müssen.
Auch ein bewusster Umgang mit Konsum kann viel bewirken. Gerade bei grösseren Anschaffungen lohnt es sich, eine Nacht oder sogar einige Tage darüber zu schlafen. Besonders vorsichtig solltest du bei Buy-Now-Pay-Later-Angeboten sein. Sie vermitteln das Gefühl, dass ein Einkauf heute nichts kostet, obwohl die Rechnung lediglich in die Zukunft verschoben wird.
*Name geändert.

Delia Bohren ist unabhängige Finanzexpertin, Primarlehrerin und Praxiscoach an der FHNW. Sie verfügt über umfassendes Fachwissen in den Bereichen Investieren, Vorsorge und Finanzplanung. Als ehemalige Mitarbeiterin bei der Schuldenberatung weiss sie, wie wichtig ein niederschwelliger Zugang zu Finanzwissen ist. Heute setzt sie sich dafür ein, Finanzthemen verständlich und alltagsnah zu vermitteln – mit besonderem Fokus auf finanzielle Selbstbestimmung und Chancengerechtigkeit.
Bild: Ha Vy Nguyen
