
Angehörigenpflege: Unsichtbar, unbezahlt, unverzichtbar
Vielleicht, so hofft Michelle Galliker, wacht sie eines Morgens auf und stellt fest: Es war alles nur ein Traum. Die 37-Jährige weiss, dass dieser Wunsch vermutlich nicht in Erfüllung gehen und sie ihr «altes Leben» nicht zurückbekommen wird. Trotzdem hofft sie.
Michelle Gallikers Alptraum begann vor etwas mehr als acht Jahren und kam über Nacht. Ihr Sohn war damals ein Jahr alt und hatte sich bislang altersentsprechend entwickelt. Eines Nachts plagte ihn nach einer Impfung hohes Fieber. «Eine bekannte Reaktion», sagte der Kinderarzt. Doch der Einjährige war danach nicht mehr derselbe. Er konnte sich kaum noch bewegen und weinte viel. Die Situation verbesserte sich nicht. Seine Muskeln blieben schlaff, seine körperliche und kognitive Entwicklung verzögerte sich. Es folgten Untersuchungen, Abklärungen und Ratlosigkeit. Nach vier Jahren erfuhr die Familie: Ein seltener Gendefekt verursacht die Symptome.
Heute ist Michelle Gallikers Sohn zehn Jahre alt und besucht eine Sonderschule. Er braucht einen Rollstuhl und einen Rollator, sprechen kann er seit zwei Jahren. Seine kognitive Entwicklung entspricht der eines Drei- bis Vierjährigen. In praktisch allen Lebensbereichen ist er auf Hilfe angewiesen. Diese leistet vor allem seine Mutter. Einige Monate nachdem ihr Sohn erkrankt war, hängte Michelle Galliker ihren Beruf an den Nagel. Bis dahin war sie Key-Account-Managerin in einem grossen Unternehmen gewesen und hatte Vollzeit gearbeitet. «Es war eine Traumstelle», sagt sie heute. Aber die Erkrankung, die Ungewissheit und die zweite Schwangerschaft waren zu viel. Sie kündigte. Seither leistet sie die Pflege- und Familienarbeit.
Samantha Taylor
Angehörige: Der grösste Pflegedienst der Nation
In der Schweiz pflegen laut Erhebungen des Bundesamts für Gesundheit (BAG) rund 600'000 Personen Angehörige. Rechnet man auch betreuende Personen mit, steigt die Zahl auf 1,6 Millionen Menschen. Zur Klärung: Zur Pflege gehören Dinge wie Ernährung, Mobilität, Körperpflege. Als Betreuungsaufgaben gelten Dinge wie Gesellschaft leisten, Hilfe zur sozialen Teilhabe oder die Organisation von Terminen.
Die Geschichten von pflegenden und betreuenden Angehörigen unterscheiden sich teils stark. Manche sind Eltern wie Michelle Galliker. Andere pflegen ihre:n Partner:in nach einem Unfall oder während einer Krankheit, und manche sind Geschwister oder Freund:innen, die für einander sorgen. Die grösste Gruppe sind Erwachsene, die ihre betagten Eltern pflegen. «Pflegende Angehörige spielen im Gesundheitssystem eine zentrale Rolle. Sie sind der grösste Pflegedienst der Nation», sagt Pflege- und Gesundheitswissenschaftlerin Iren Bischofberger. Das Bundesamt für Statistik (BFS) schätzt den Wert von Pflege und Betreuung für Angehörige auf rund 3,4 Milliarden Franken jährlich. Wie in anderen Care-Bereichen auch leisten Angehörige den Grossteil dieser Arbeit unbezahlt. Und – auch in diesem Punkt wiederholt sich ein Care-Muster – Frauen pflegen und betreuen deutlich öfter als Männer. Sie übernehmen knapp zwei Drittel dieser Arbeit, Männer ein Drittel.
Iren Bischofberger
Pflege – vor allem ruinös für Frauen
Dass diese Verteilung so ist, wie sie ist, hängt mit den traditionellen Rollenbildern zusammen. «Die Gesellschaft schreibt Care-Arbeit grundsätzlich den Frauen zu», sagt Valérie Borioli Sandoz, Geschäftsführerin der Interessengemeinschaft Angehörigenbetreuung (IGAB). Hinzu kommt: Frauen sind öfter Teilzeit erwerbstätig und Pflegeberufe nach wie vor weiblich geprägt. «Diese Tatsachen sorgen dafür, dass Frauen noch mehr Care-Arbeit aufgebürdet wird. Mit der Begründung, sie hätten ja Zeit oder das nötige Fachwissen», so Borioli Sandoz.
Valérie Borioli Sandoz
Neben einer hohen körperlichen und psychischen Belastung hat Pflege für viele auch finanzielle Folgen – vor allem für Frauen. Wer pflegt und betreut und dafür zumindest teilweise auf Erwerbsarbeit verzichtet, hat einen tieferen Lohn und, je nach Dauer der Situation, weniger Rente. In der ersten Säule, der AHV, kann man sich sogenannte Betreuungsgutschriften zwar anrechnen lassen, in der zweiten Säule, der Pensionskasse, gibt es diese Möglichkeit nicht. Statistisch ist nicht erfasst, wie viele Angestellte ihr Pensum reduzieren oder aufgrund von Pflege- und Betreuungsaufgaben ganz ausscheiden. Eine gemeinsame Studie der Berner Fachhochschule und der Gewerkschaftsorganisation Travail.Suisse ergab jedoch: Fast jede fünfte erwerbstätige Person kümmert sich in einer Form um einen erwachsenen Angehörigen. Lediglich ein Drittel dieser Personen erhält Unterstützung seitens des/der Arbeitgeber:in. Auch Bischofberger betont, dass die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf je nach Pflegesituation, aber auch je nach Job, schwierig sein kann.
Samantha Taylor
Karin Böhnke ist Textildesignerin. Sie arbeitete neben ihrer 60-Prozent-Anstellung 15 Jahre lang zusätzlich als selbstständige Foodstylistin. Die Selbstständigkeit reduzierte sie in den vergangenen Jahren, im letzten Jahr gab sie sie schliesslich ganz auf. Grund dafür ist ihre Tochter. Diese erhielt vor zwei Jahren eine Entwicklungsstörung aus dem Autismus-Spektrum diagnostiziert. Zwar besucht die Achtjährige die Regelschule. Neben ihrem Schulalltag benötigt sie jedoch viele Pausen, Zeit zu Hause, Unterstützung bei alltäglichen Tätigkeiten und klare Strukturen. Das liess sich für Karin Böhnke, die sich unter der Woche alleine um ihre Tochter kümmert, nicht mit zwei Jobs und ihrem hohen Erwerbspensum vereinbaren. Zwar kommt die 49-Jährige finanziell auch mit ihrem 60-Prozent-Pensum über die Runden, aber: «Meine finanzielle Situation im Alter ist für mich unsicher.» Auch Michelle Galliker schaut diesbezüglich sorgenvoll in die Zukunft. «Der Ausblick auf meine Rente belastet mich.» Wenn ihr Sohn älter ist und nicht mehr zu Hause lebt, will sie deshalb in einem möglichst hohen Pensum erwerbstätig sein. Wenn sie denn überhaupt eine Chance erhält. Wiedereinstiege nach längerer Pflegezeit sind nicht selbstverständlich.
Wie viel ist Pflege wert?
Die Politik hat das Thema der finanziellen Situation von pflegenden Angehörigen lange Zeit ausgeblendet. Seit rund 20 Jahren kommt es aber immer mehr aufs Tapet. Ein Grund ist laut Bischofberger, dass Frauen vermehrt erwerbstätig sind und nicht mehr einfach so zur Verfügung stehen. Ausserdem gelangen pflegende Angehörige nach und nach in den ersten Arbeitsmarkt. Denn seit einigen Jahren können sie sich für die geleistete sogenannte Grundpflegeleistungen bei einer Spitex anstellen lassen. Der Stundenlohn beträgt im Schnitt 35 Franken. Die Spitex-Betriebe wiederum stellen diese Leistungen den Krankenkassen in Rechnung. Die Versicherten und die Wohngemeinde bezahlen ebenfalls einen Beitrag an die Kosten. Das Bundesgericht hat diese Praxis bereits 2006 gutgeheissen und in einem Urteil von 2019 bestätigt. Seither hat die Zahl der Anstellungen von pflegenden Angehörigen zugenommen. 2024 leisteten Spitexdienste in der Schweiz insgesamt 25,6 Millionen Pflegestunden. Das entspricht einem Anstieg von rund 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr und ist der grösste Sprung seit 2011. Laut Bund sei dies vor allem auf die vermehrte Anstellung von pflegenden Angehörigen zurückzuführen.
Samantha Taylor
Karin Böhnke und Michelle Galliker erhalten für ihre Pflegeleistungen seit Kurzem ebenfalls einen Lohn. Beide sind bei der Caritas Schweiz angestellt. Wenn sie ihren Kindern bei Dingen wie dem Duschen, dem Gang zur Toilette, dem Anziehen oder dem Essen helfen, können sie das abrechnen. Beide müssen genau Buch führen. Wie viele Stunden ihnen zustehen, bestimmt die Caritas. Sowohl Michelle Galliker als auch Karin Böhnke kommen im Schnitt täglich auf rund zwei Stunden «Grundpflege». Das entspricht zwar einem Bruchteil ihrer effektiv geleisteten Arbeit, aber es sei besser als nichts, finden beide. «Es bügelt meine finanzielle Situation immerhin ein bisschen aus», sagt Michelle Galliker.
Angehörige pflegen und verdienen
Valérie Borioli Sandoz befürwortet das System grundsätzlich. «Bisher wurde diese Arbeit gratis geleistet. Weil vor allem Frauen dachten, sie gehört zu ihren Pflichten», sagt Borioli Sandoz und ergänzt: «Die Anstellung von Angehörigen ist ein wichtiger Systemwechsel.» Dem stimmt auch Irene Bischofberger zu. Sie stellt fest: «Seit der Debatte um die Anstellung von pflegenden Angehörigen wird sichtbar, wie viele Stunden diese Personen bisher als Schattenbelegschaft gearbeitet haben.» Jetzt, da diese Gruppe langsam den ersten Arbeitsmarkt betrete und ihre Leistung etwas koste, nehme man sie endlich wahr und ernst.
Valérie Borioli Sandoz
Sowohl Borioli Sandoz als auch Bischofberger zeigen sich in gewissen Punkten aber auch kritisch. «Es braucht klare Regeln, Qualitätsvorschriften und gesetzliche Grundlagen für Spitex-Anbieter:innen, die als Arbeitgeber:innen auftreten», unterstreicht Borioli Sandoz. Im Ständerat gingen zu diesem Thema im März zwei Motionen ein. Es geht dabei vor allem um die Kosten. Bischofberger hält ihrerseits fest: «Die Opportunitätskosten für Frauen, die ihre Erwerbsarbeit in einem höheren Lohnbereich und mit einem hohen Pensum zugunsten dieser Tätigkeit reduzieren, sind hoch.» Das werde noch zu wenig anerkannt.
Karin Böhnke fand bis vor Kurzem ganz selbstverständlich, was sie alles für ihre Tochter leistet. Sich dafür bezahlen zu lassen, hat sie Überwindung gekostet. Inzwischen sieht sie neben dem finanziellen Aspekt weitere Vorteile. Ihre unsichtbare Arbeit wird gesehen. «Ich brauche keine Lorbeeren, aber eine gewisse Wertschätzung ist für pflegende Angehörige wichtig.» Einen ganz konkreten Wunsch hegt Michelle Galliker. Sie hofft, dass die Arbeit besser bezahlt wird und mehr in die Rentenberechnung einfliesst. «Heute ist es einfach nicht fair: Ich und viele andere arbeiten ja nicht weniger, weil wir das möchten, sondern weil es schlicht nicht anders geht.»
