
In guten wie in schlechten Zeiten
Trigger-Warnung, dieser Kommentar könnte eine Beziehungskrise auslösen. Ich habe monatelang mit mir gerungen, darüber zu schreiben, weil es mich persönlich trifft und schwer verstört.
Aber von vorne: Wer macht häufiger Schluss? Frauen oder Männer? In 70 Prozent der Fälle trennt sie sich. Nicht ohne vorher versucht zu haben, noch zu kitten und retten, was zu retten ist. Frauen trennen sich vor allem, wenn sie sich emotional nicht mehr gut aufgehoben fühlen.
Wenn hingegen Männer Frauen verlassen, hat das vor allem einen Grund.
Guess what?
Sex? Nein.
Geld? Nein.
Patrizia Laeri
Die Statistik zeigt ein Muster, das mich in den Grundfesten erschüttert hat. Die meisten Männer verlassen ihre Frauen, wenn diese krank werden.
Pardon? Wie war das? Also genau dann, wenn sie am dringendsten auf den Partner angewiesen wären, besonders hilfsbedürftig sind? Wie kann das sein?
Psychologin Bella DePaulo liefert in einem Artikel für Psychology Today die bittere Erklärung: Weil die Frau sich dann nicht mehr um sich selbst und vor allem nicht mehr um andere kümmern kann. Sie kann keine Sorgearbeit mehr leisten, weil sie auf einmal selbst versorgt werden muss.
Besonders verstörend ist für mich, dass dieses Muster selbst dann bestehen bleibt, wenn Menschen besonders schwer an Krebs erkranken, so wie mein eigener Mann an einem Hirntumor. Ich habe ihn 391 Tage lang in den Tod begleitet. Noch nie hat mich etwas so an die körperlichen Grenzen gebracht wie den eigenen Mann zu pflegen. Trotzdem habe ich nicht eine Sekunde lang darüber nachgedacht, zu gehen. So erleben es die meisten Frauen. Todkranke Männer werden in 2.9 Prozent der Fälle verlassen. Ganz anders bei den Patientinnen. Sogar in dieser verletzlichsten aller Lebenslagen wird mehr als jede fünfte schwerkranke Frau, sprich 21 Prozent, verlassen. Es ist sechsmal wahrscheinlicher für Frauen in diesen hilfsbedürftigen Situationen vom Partner im Stich gelassen zu werden.
Patrizia Laeri
Viele hätten dazu keine Studien gebraucht, es deckt sich mit dem, was Frauen seit Jahrzehnten anekdotisch erleben. Für Frauen ist Fürsorge Selbstverständlichkeit. Für viele Männer offenbar nicht.
Dies akzentuiert sich im Gender Care Gap. Frauen in der Schweiz leisten pro Woche durchschnittlich rund 12 Stunden mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer – sprich täglich eineinhalb Stunden mehr. Das kostet Frauen nicht nur mehr Zeit, sondern Geld, Lohn, Karrierechancen, wirtschaftliche Eigenständigkeit — und letztlich ihre Altersvorsorge.
Wir pflegen. Wir bleiben.
Und wir zahlen dafür einen Preis, der sich erst Jahre später zeigt — auf dem AHV-Ausweis, auf dem Bankkonto, bei der Trennung. Deshalb ist finanzielle Unabhängigkeit nicht ein Nice to Have. Sie ist die einzige Vorsorge, die uns in keinem Fall im Stich lässt.

