40 Jahre lang um ein normales Leben kämpfen

Während Bomben fallen und die Machtkämpfe an der Spitze des Regimes eskalieren, erzählen Frauen aus Teheran von einer anderen Realität: von einem jahrzehntelangen Kampf um etwas, das anderswo selbstverständlich ist – ein normales Leben.
Über die Autorin: Unsere Autorin ist im Iran aufgewachsen und lebte jahrelang in Teheran und war an internationalen journalistischen Projekten beteiligt. Seit 2017 lebt sie im Exil in Deutschland, steht täglich mit Frauen im Iran in Kontakt und analysiert die Situation für ellexx. Um sie, ihre Familie und Freundinnen zu schützen, publizieren wir ihren Kommentar unter dem Pseudonym Raha.
Unsere Autorin Raha steht täglich mit Frauen im Iran in Kontakt. Eine von ihnen ist Mahbubeh. Ihre Geschichte zeigt, warum viele Iranerinnen trotz Krieg nicht nur Angst, sondern auch Hoffnung empfinden, dass sich nach fast 40 Jahren Unterdrückung endlich etwas ändern könnte.
Raha
Frauen als zentraler Bestandteil der politischen Systemstrategie
Frauen spielen für die Herrschaftsstruktur im Iran eine existenzielle Rolle. Sie sind nicht nur Teil der Gesellschaft, sondern ein zentraler Bestandteil der politischen Systemstrategie. Indem der Staat Frauen eine bestimmte Kleiderordnung – den Hijab – aufzwingt, macht er seine ideologische Identität sichtbar und verleiht dem Land ein islamisches Erscheinungsbild. Auf diese Weise legitimiert sich der Staat als «islamischer Staat» und übt seine Macht im Namen göttlicher Gebote aus. Wer sich dieser Ordnung widersetzt, gilt nicht nur als politischer Gegner, sondern als jemand, der die göttliche Ordnung infrage stellt.
«Kein Mensch freut sich über einen Krieg»
Mahbubeh war noch nicht geboren, als sich im Iran die Islamische Revolution ereignete und die Mullahs die politische Macht übernahmen. Heute ist sie Mutter eines fünfzehnjährigen Mädchens. Trotz ihres Studiums der Wirtschaftswissenschaften – das sie teilweise auch im Ausland absolviert hat – sieht sie für sich und ihr Kind keine Zukunftsperspektive.
Mahbubeh
«Glaub nicht, dass ich eine Verräterin bin», betont Mahbubeh in Sprachnachrichten, die wir seit dem Kriegsausbruch vermehrt austauschen. «Wenn ich heute meine Hoffnung auf amerikanische Bomben setze, dann nicht, weil ich Krieg will. Kein Mensch freut sich über den Krieg. Aber wir haben alle Wege versucht: zivilen Ungehorsam, Streiks, Demonstrationen. Wir haben gewählt – und wir haben auch nicht gewählt. Nichts hat etwas verändert. Wir, das Volk, das anders denkt, haben in diesem Land nichts zu sagen. Über uns wird entschieden, nicht von uns. Wenn die aktuellen Angriffe dieses System nicht zu Fall bringen, fürchten wir, dass alles so weitergeht wie bisher – zurück zu genau jenem Zustand, der zu den jüngsten Massakern geführt hat.»
Die falsche Hoffnung auf Reformen
Mahbubehs Familie gehört zu jener Generation, die ihre Hoffnung auf Reformen in die Wahlen gesetzt hat. Doch sie wurde enttäuscht: Der Wächterrat prüfte Kandidat:innen vorab und liess nur regimetreue zu. Die Folge: Im Parlament sassen immer wieder fast ausschliesslich Männer – und einige wenige Frauen aus einem engen, systemtreuen Machtzirkel, die letztlich niemanden ausser sich selbst repräsentierten. Frauen, in schwarze Schleier gehüllt, sollten angeblich Millionen anderer Frauen vertreten. Doch ihre Rolle beschränkte sich darauf, offen frauenfeindliche Gesetze zu billigen oder allenfalls geringfügig zu korrigieren. Dazu gehören das niedrige Mindestalter für die Ehe – 13 Jahre für Mädchen, 15 für Jungen –, die erlaubte Polygamie, das für Mütter nur schwer zu erlangende Sorgerecht für Kinder sowie ein Scheidungsrecht, das überwiegend zugunsten der Männer ausgestaltet ist. Frauen müssen für eine Ausreise die Zustimmung ihres Ehemannes einholen. Hinzu kommen Gesetze, die Väter faktisch vor der Höchststrafe schützen, wenn sie ihr eigenes Kind töten. Ebenso ist der verpflichtende Hijab gesetzlich festgeschrieben.
Mahbubeh
Wir wollten nur ein normales Leben
«Über all die Jahre hinweg wurde Frauen ein normales Leben verwehrt», führt Mahbubeh aus. «Sie wurden aus den unterschiedlichsten – oft absurden – Gründen vorgeladen, verwarnt, verloren ihre Arbeits- oder Studienplätze, landeten im Gefängnis oder sahen sich gezwungen, das Land zu verlassen. Schon eine harmlose Wasserschlacht Jugendlicher an einem Sommertag im Park, das Tragen langer Stiefel, das fröhliche Nachstellen des Songs ‹Happy› von Pharrell Williams auf einem Hausdach, das Verbreiten eines Videos, Singen, ein Fussballspiel im Stadion ansehen oder Fahrrad fahren – all das reichte aus, damit viele vorgeladen wurden. Dabei wollten wir doch nur eines: ein normales Leben. Wir wollten den Wind durch unsere Haare streichen spüren, eine Hose tragen und eine Bluse, die nicht bis zum Knie reicht. All das sind Dinge, die in vielen anderen Ländern ganz selbstverständlich sind.»
Die Mädchen der Enghelab-Strasse
Ein besonderer Tag im Winter 2017 veränderte vieles: Vida Movahed stieg auf einen Stromkasten in der Enghelab-Strasse in Teheran, band ihr weisses Kopftuch an einen Stock und schwenkte es als symbolischen Protest gegen den verpflichtenden Hijab. Mit dieser Aktion erklärte sie: «Ich gehe als Einzelne auf den höchsten Punkt dieser Strasse, damit ihr mich alle sehen könnt, und auf diese Weise erkläre ich, dass ich dieses Tuch auf meinem Kopf nicht will.» In diesem Moment war Vida Movahed die Vertreterin jeder einzelnen von uns Frauen, die den Hijab nicht tragen wollten und ihre Identität durch ihn verloren sahen.
Diese Geste wurde zum Beginn einer Bewegung, die später als «Die Mädchen der Enghelab-Strasse» bekannt wurde. Über vierzig Jahre hinweg, unter Verlust von Leben, Freiheit und Besitz und oft unter Gefängnisstrafen, haben Frauen Schritt für Schritt Freiräume zurückerobert. Beispielsweise die relative Freiheit bei der Kleiderwahl nach den Protesten der Bewegung «Frau, Leben, Freiheit».
Raha
Doch der Widerstand hat seinen Preis: Verschärfte Videoüberwachung, Warn-SMS, Gesetzesentwürfe zur Strafverschärfung und die Verweigerung staatlicher Dienstleistungen gehören zu den Massnahmen, die Frauen auch nach «Frau, Leben, Freiheit» erdulden müssen. Hinzu kommmen weitere Demütigungen. So erklärte der Parlamentsabgeordnete Hamid Rasai, dass geschiedene Frauen, die die islamischen Hijab-Regeln nicht akzeptieren, auch von islamischen Rechten wie dem Anspruch auf Unterhalt ausgeschlossen werden sollten. Die Botschaft war klar: Die Macht liegt immer noch in den Händen der Herrschenden.
Die Generation Z
Die neue Generation, die Generation Z – zu der auch Mahbubehs Tochter gehört –, ist furchtlos und vernetzt. Sie lebt mit sozialen Medien, kommuniziert grenzenlos mit der Welt, kennt internationale, Musik, Filme und Mode, weiss, wer die Grammys oder Oscars gewinnt. Sie hat sich eigene Vorbilder gewählt – Künstlerinnen und Künstler, Aktivistinnen und Aktivisten, politische Figuren.
Viele distanzieren sich stark von Religion und allem Religiösen. Weil die Islamische Republik versucht hat, die iranische Identität zu unterdrücken, wenden sich viele bewusst der eigenen persischen Kultur und Geschichte zu, um ihre Identität zu bewahren. Manche bemühen sich sogar, arabische Lehnwörter im Alltag zu vermeiden und stattdessen persische Begriffe zu verwenden.
Mahbubeh
Sie sind gebildet. Und doch: Aufgrund der katastrophalen wirtschaftlichen Lage – geprägt von Sanktionen und Korruption – haben viele keine Arbeit und keine Perspektive. Sie haben wenig zu verlieren. Viele wanderten in den Westen aus, doch auch dort fanden nicht alle das erhoffte Glück. Nach einem Jahr in England kehrte Mahbubeh mit ihrer Familie in den Iran zurück:
«Ich liebe dieses Land, diese Stadt, ihre Strassen, die zum Alborzgebirge führen, und die Sonne, die immer scheint. Selbst während der Bombardierungen verlasse ich Teheran nicht. Diesmal bleibe ich und hoffe, dass sich nach all dem Leid dieser Tage die Lage doch noch zu unseren Gunsten wenden wird.»
Tiefe Enttäuschung und Wut
Die Iranerinnen und Iraner haben in den Jahren 1999, 2009, 2017, 2019, 2022 und 2025 immer wieder ihren Unmut auf den Strassen zum Ausdruck gebracht. Doch das Ergebnis war jedes Mal dasselbe: Gefängnisstrafen, harte Urteile und grosse Entbehrungen. Tausende verloren ihr Leben in Protesten, viele erblindeten durch Schussverletzungen und tragen lebenslange Schäden an Körper und Seele. Ein grundlegender Kurswechsel blieb aus – zurück blieben tiefe Enttäuschung und Wut.
Mahbubeh
«Die Reformisten und ihre Clique sind für uns passé – erledigt. Über die Oppositionsgruppe der Volksmudschahedin, die sich seit 1981 im Exil befindet, braucht man gar nicht erst zu sprechen – die Menschen verachten sie. Separatisten will ebenfalls niemand, denn kein Stück dieses Landes darf verloren gehen. Viele derjenigen, die heute noch im Gefängnis sitzen, sind zwar politische Aktivisten, aber keine führenden politischen Persönlichkeiten. Manche werden sogar als Verräter abgestempelt. Und die Linken? Für viele von uns sind sie Fantasten aus Oz. Reza Pahlavi, der Sohn des letzten Königs des Iran, hat ebenfalls seine Anhänger und Gegner und ist bislang nicht in der Lage, die Massen auf die Straße zu bringen», sagt Mahbubeh, während jeden Abend Bombenträger über ihnen hinwegfliegen.
Was nun?
Am frühen Morgen des 9. März wurde Mojtaba Khamenei, der Sohn des iranischen Staatsoberhaupts Ali Khamenei, der zuvor bei einem gemeinsamen Angriff der Vereinigten Staaten und Israels getötet worden war, zum neuen Obersten Führer des Iran gewählt.
«Und was nun, Mahbubeh?», frage ich sie.
«Sie können immer wieder eine neue Führung einsetzen. Dieses Regime hat seine Legitimation längst verloren.»



