Die andere Seite der Tragödie im Wallis

Ich bin bis aufs Mark erschüttert und traurig über die Tragödie in Crans-Montana. Doch da ist auch Wut. Diese Tragödie ist die Folge fehlender Verantwortungsübernahme und systemischen Wegsehens: das Wirtepaar, das Brand- und Jugendschutzvorschriften nicht einhielt, die Gemeindebehörden, die ihrer Kontrollpflicht und die Kantonsbehörden, die ihrer Aufsichtspflicht nicht nachkamen.
Das Wallis ist ein Tal des Schweigens, formulierte es der Journalist Kurt Marti. Patriarchale Strukturen waren lange prägend. Was der Pfarrer, der Lehrer, der Vater sagten, war nicht zu hinterfragen. Dies hallt bis heute nach: «Wer sind Sie, so etwas zu fragen?», entgegnete der Gemeindepräsident von Crans-Montana einem Journalisten an einer Pressekonferenz. Dies widerspiegelt das Selbstverständnis einer lokalen Machtelite.
Danica Zurbriggen Lehner
Ebendieser Gemeindepräsident wird in einem im Walliser Boten zum Opfer stilisiert. Er sei schlecht beraten, werde vorgeführt von den Medien, heisst es darin. Hingegen dürfe man nicht vergessen, dass es eine Kellnerin war, die die Bar in Brand setzte. Im Leitartikel stand wörtlich: «Und eines sollten wir bei allen Vorverurteilungen, Besserwissereien und Vorurteilen nicht vergessen: Auslöser der verheerenden Brandkatastrophe war eine Kellnerin, die auf den Schultern eines Mannes sitzend mit einer Wunderkerze die Schallschutzelemente an der Decke in Brand setzte.»
Diese Aussage liess mich fassungslos zurück. Eine Frau muss es gewesen sein, wer sonst. Beispielhaft kommt hier eine Misogynie zum Ausdruck, die in unserer Gesellschaft allgegenwärtig ist. «Himpathy», das disproportionale Mitgefühl, das privilegierte Männer erfahren, ist damit untrennbar verbunden, schreibt Kate Manne im Buch «Down Girl». Genau das findet in besagtem Leitartikel statt: «Nun ist Féraud ein Opfer der Medien und der Politik. Es ist teils beschämend, wie mit dem Milizpolitiker umgegangen wird.» Doch der Gemeindepräsident Féraud ist nicht Opfer, er ist Teil davon, warum so eine Tragödie geschehen konnte. Die Staatsanwaltschaft liess die Gemeinde Crans Montana denn auch nicht als Nebenklägerin im Prozess zu.
Danica Zurbriggen Lehner
Die Walliser Gesellschaft und Politik ist noch immer eine Männerdomäne. Dies scheint auf den ersten Blick nicht relevant zu sein. Und nein, es geht hier nicht darum, die Tragödie für politische Zwecke zu nutzen. Diese Unterstellung wird folgen. Und ist wiederum bloss eine Standardreaktion ertappter Mächtiger, analysiert die Autorin Petra Morsbach in einem mit der Süddeutschen Zeitung. Die rhetorischen Mittel zeigten sich im Verhalten: autoritärer Stil, moralische Entrüstung, gekränkte Unschuld, Generalisierungen statt Fakten.
Natürlich sind nicht alle Männer so im Wallis #notallmen. Aber fast immer sind es Männer, die dem Kanton einen zweifelhaften Ruf bescheren. Ein Beispiel: Der Ex-Nationalrat Yannick Buttet wurde 2024, trotz zweifacher Verurteilung wegen Nötigung und sexueller Belästigung, von einem Gremium aus zehn Männern und einer Frau für das Amt des Präsidenten der Walliser Tourismuskammer vorgeschlagen und einstimmig gewählt. Ein Lichtblick: Die Kritik war riesig, am Ende trat er zurück. Die Kritik richtete sich insbesondere gegen die bis heute verbreitete Taktik, sich gegenseitig Ämter zuzuschieben. Dadurch entstehen Abhängigkeiten und Loyalitäten, die dazu führen, dass man schweigt oder wegsieht, statt Kritik zu äussern.
Danica Zurbriggen Lehner
In den Dachverbänden der Walliser Wirtschaftsorganisationen sitzen nur 12 Prozent Frauen. Im fünfköpfigen Staatsrat ist eine Frau vertreten, in den Gemeinderäten 29 Prozent. Mehr Diversität würde mehr Perspektiven eröffnen, mehr Frauen würde neue Aspekte bedeuten, und zudem könnten die gewohnten Machtstrukturen aufgebrochen werden.
Vielleicht geht bei der Fassungslosigkeit und Wut die Trauer im Moment etwas unter. «Es geht alles zu schnell», schrieb mir jemand. Dieses Gefühl kann ich gut nachvollziehen. Es ist das Tempo der heutigen Welt. Dennoch sind wir Walliserinnen und Walliser nun gezwungen, innezuhalten und über unser Selbstverständnis nachzudenken. Nur wenn wir strukturelle Probleme benennen und angehen, können wir aus dieser Tragödie lernen und eine Veränderung bewirken.

Danica Zurbriggen Lehner ist im Saastal aufgewachsen und lebt mit ihrer Familie in Zermatt. Sie war Vize-Präsidentin der neo – die sozialliberale Mitte (ehemals CSP) und Mitglied des Verfassungsrats. Heute arbeitet sie als Studiengangleiterin und Dozentin an der PHBern. 2025 war sie für den Prix Courage nominiert aufgrund ihrer mutigen Kritik über die Wahl Yannick Buttets zum Präsidenten der Walliser Tourismuskammer. Dieser wäre trotz Verurteilung wegen sexueller Belästigung damit der Chef seines Opfers geworden. Buttet zog sich infolge des öffentlichen und medialen Drucks schliesslich vom Chefposten zurück.
Bild: Joan Minder



