
Generation Z-urückschritt
«Eine Ehefrau soll immer ihrem Mann gehorchen.»
«Der Ehemann soll das letzte Wort haben bei wichtigen Entscheidungen, die in seinem Zuhause getroffen werden.»
Etwa ein Drittel der jungen Männer stimmt diesen Aussagen zu. Das sind mehr als in jeder anderen Generation.
Mit diesem Ergebnis sorgte eine globale Studie zum Weltfrauentag des Meinungsforschungsinstituts Ipsos jüngst für Aufsehen. Die Befragung in 29 Ländern mit rund 23’000 Teilnehmenden kommt zum Schluss, dass die Männer der Gen Z punkto Gleichstellung konservativer eingestellt sind als die jeder anderen Generation.
Amélie Galladé
Doch nicht nur ein Drittel der Männer der Generation Z – also jene, die zwischen 1997 und 2012 geboren sind – vertreten konservativere Haltungen als ihre Grossväter, sondern auch manche junge Frauen. Die eingangs zitierte Aussage, eine Frau müsse sich ihrem Ehemann fügen, befürworten 18 Prozent der Gen-Z-Frauen. Bei den Babyboomern, den 62- bis 80-Jährigen, liegt die Zustimmung bedeutend tiefer. In dieser Frage zeigt sich die Tendenz: Je jünger, desto konservativer.
Dass fast jede fünfte Frau meiner Generation meint, sie müsse jederzeit ihrem Mann gehorchen, gibt zu denken und verdeutlicht den aktuellen Rückschritt. Wirklich überrascht hat mich dieses Ergebnis jedoch nicht. Traditionelle Geschlechterrollen wirken fort und erleben in gewissen Social-Media-Bubbles einen besorgniserregenden Aufschwung. Zugleich fügen sie sich in das konservative politische Klima einiger der untersuchten Länder, etwa in den USA, in Ungarn oder in der Türkei. Die Schweiz war nicht Teil der Erhebung, hingegen ein Dutzend europäische Länder, darunter Deutschland, Schweden oder Frankreich.
Junge Frauen links, junge Männer rechts – ein Geschlechtergraben zieht sich durch die Gen Z. Damit sorgte die Financial Times Anfang 2024 international für Schlagzeilen. Auch in der Schweiz zeigt sich ein politisches Auseinanderdriften innerhalb der jungen Generation, ebenso beim Thema Gleichstellung. Mittlerweile gebe es jedoch Anzeichen für eine Entspannung, ordnete der Politologe Michael Hermann Anfang dieses Jahres in der NZZ ein.
Das gängige Bild von rechten jungen Männern und linken jungen Frauen trifft in der Tendenz vielleicht zu, erklärt die Entwicklungen in meiner Generation aber nur teilweise. Die aktuelle Ipsos-Studie zeigt nämlich, dass die Bruchlinien nicht nur zwischen den Geschlechtern verlaufen, sondern auch zwischen unseren eigenen Haltungen und der Wahrnehmung von gesellschaftlichen Erwartungen. Viele halten ihr Umfeld für konservativer, als es tatsächlich ist. So gehen 35 Prozent aller Befragten davon aus, dass in ihrem Land eine Mehrheit der Menschen findet, die Verantwortung für die Kinderbetreuung liege hauptsächlich bei Frauen; nicht einmal die Hälfte davon vertritt persönlich diese Haltung. Ähnlich verhält es sich beim Erwerbsmodell: 40 Prozent meinen, Männer seien der gesellschaftlichen Ansicht nach fürs Geldverdienen zuständig, hingegen sind nur 24 Prozent der Befragten dieser Meinung.
Heejung Chung, Direktorin des Global Institute for Women’s Leadership an der King’s Business School, stellt fest, dass diese Kluft bei Männern der Gen Z besonders ausgeprägt ist. Diese sähen sich nicht nur einem starken Druck ausgesetzt, rigiden Männlichkeitsbildern zu entsprechen. Einige erwarteten auch, dass Frauen wieder stärker in traditionelle Rollen zurückkehrten.
Das überrascht leider kaum, wenn «Manfluencer» wie Andrew Tate mit radikalen Geschlechterideologien auf Social Media junge Männer erreichen, während «Tradwives» in unseren Feeds den Rückzug der Ehefrauen aus dem Erwerbsleben ins Häusliche romantisieren – obwohl sie mit Social Media nicht selten gutes Geld verdienen. Zugespitzte Positionen und Darstellungen werden von Algorithmen verstärkt und durch mediale Aufmerksamkeit belohnt. Sie prägen, was wir als «real» wahrnehmen, obwohl sie nicht die Realität spiegeln.
Die Ergebnisse geben auch Grund zur Zuversicht: Für mehr als zwei Drittel der befragten Menschen weltweit ist Gleichstellung ein wichtiges Anliegen. Sobald es konkret wird, scheiden sich jedoch die Geister.
Amélie Galladé
Gleichzeitig meinen 44 Prozent der Befragten, darunter Männer wie Frauen, und mehr als die Hälfte der jungen Männer, dass wir zu weit gegangen wären in der Gleichstellung von Frauen und nun Männer diskriminiert würden. Das ist ein Problem.
Bekannte Rollenbilder geraten ins Wanken und werden neu verhandelt – das wirft Fragen auf und kann verunsichern. Männer scheinen auf den ersten Blick Privilegien zu verlieren: weniger Macht und Einfluss, mehr Konkurrenz und keine vorgegebene Rollenverteilung mehr. Da scheint der Kurzschluss naheliegend, in altbekannte Muster zurückzuverfallen. Dabei bedeutet der Wegfall von Geschlechterrollen aus vergangenen Zeiten auch weniger Druck, einem bestimmten Bild zu entsprechen, und mehr Freiheit in der eigenen Lebensgestaltung und Entfaltung.
Gleichstellung ist nur möglich, wenn alle am gleichen Strick ziehen. Doch was tun, wenn konservative Haltungen in der jungen Generation wieder an Einfluss gewinnen?
Sensibilisierung für Gleichstellungsthemen beginnt bei der Erziehung und in den Klassenzimmern. In Grossbritannien ist die Auseinandersetzung mit problematischen Vorstellungen von Geschlechterrollen Teil des Unterrichts. Nach der öffentlichen Debatte um die Netflix-Serie «Adolescence», in der ein 13-Jähriger in Incel-Foren radikalisiert wird und seine Mitschülerin ermordet, wird an den britischen Oberstufen nun auch über Rollenbilder, Misogynie und KI-Pornografie aufgeklärt. Zudem veröffentlichte das Bildungsministerium eine Erhebung zur Verbreitung von Frauenfeindlichkeit unter Jugendlichen. Daten und Monitorings sind unerlässlich. Nur wenn Ungleichstellung sichtbar gemacht wird, kann sie wirksam angegangen werden. Um den Befürchtungen vor Gleichstellungsmassnahmen zu begegnen, braucht es einen offenen Diskurs. So lässt sich der Vorstellung den Wind aus den Segeln nehmen, Männer würden verlieren, was Frauen zusteht – obwohl Gleichstellung allen zugutekommt.
Letztlich zeigen diese Befragungen Tendenzen auf. Es greift zu kurz, die gesamte junge Generation als rückschrittlich oder gespalten abzustempeln, ist das Alter doch nur ein Merkmal von vielen. Doch im Unterschied zu früheren Generationen sind wir mit den sozialen Medien aufgewachsen. #MeToo hat gezeigt, dass sie Gleichstellung sichtbar machen und Reformen vorantreiben können. Aber ebenso können sie Polarisierung und Rückschritte verstärken, indem sie misogynen «Manfluencern» ein Millionenpublikum junger Männer verschaffen. Ihr Einfluss auf die Gleichstellung ist nicht zu unterschätzen.





