
Ist 2026 wirklich das neue 2016?
Wer derzeit durch Social Media scrollt, begibt sich auf eine Zeitreise. Nutzer:innen teilen wieder Selfies mit Hundefilter im Gesicht, Skinny Jeans und Choker-Halsketten sind zurück, das Ganze ist unterlegt mit Songs wie «Love Yourself» von Justin Bieber oder Zara Larssons Partyhit «Lush Life». Darunter stehen Beschreibungen wie «Take me back» oder «2026 is the new 2016».
Es sind Rückblicke auf das Jahr 2016. Das letzte Jahr, in dem die Welt vermeintlich noch in Ordnung gewesen war.
Amélie Galladé
Dass früher alles besser war, kommt diesmal nicht wie üblich von den Älteren und bezieht sich nicht auf eine Zeit vor 30 oder 40 Jahren. Es sind die Jungen, die Gen Z und die Millennials, die zehn Jahre in die Vergangenheit zurückblicken. Dies tun sie nicht nur mit einem Filter für positive Erinnerungen, sondern auch mit einem Filter auf wortwörtlich jedem Bild, wie das 2016 eben so war.
Eine gewisse Verklärung liegt in der Natur der Nostalgie; unser Gedächtnis erinnert sich an einzelne Ankerpunkte in der Zeit, die uns Halt geben können. Es drängt sich die Frage auf, ob vor einem Jahrzehnt wirklich alles besser war.
2026 startete mit tragischen Nachrichten; 2016 begann mit der Kölner Silvesternacht, in der Männer Hunderte sexuelle Übergriffe an Frauen verübt hatten und insgesamt mehr als 1’300 Menschen von Straftaten betroffen waren. 2016 gewann Donald Trump die US-Präsidentschaftswahl gegen Hillary Clinton; heute befindet er sich in seiner zweiten Amtszeit. Wie die Trump-Wahl in den USA führte 2016 auch die Abstimmung über den Brexit in Grossbritannien zu einer Spaltung oder brachte diese zum Ausdruck. 2016 hatte die Annexion der Halbinsel Krim bereits zwei Jahre, und islamistische Terroranschläge in Europa prägten das Sicherheitsgefühl; heute herrscht seit bald vier Jahren Krieg in Europa. Die Aufzählung liesse sich fortführen.
In Anbetracht der Ereignisse steht fest: Auch damals war nicht alles in Ordnung. Seither hat sich vieles verändert, etwa konnten sich 2016 die wenigsten von uns etwas unter «Covid-19» vorstellen. Die Geschwindigkeit, mit der Ereignisse stattfinden, scheint zuzunehmen. Heute halten uns Nachrichten aus aller Welt in Echtzeit vor Augen, wie fragil unsere Welt ist.
Entsprechend geht es beim 2016-Nostalgie-Trend weniger um rationale Argumente als um eine Sehnsucht.
Wir sind die ersten Generationen, die bereits im Jugendalter mit dem Internet und Social Media aufgewachsen sind.
Amélie Galladé
2016 war TikTok noch Musical.ly und bestand hauptsächlich aus Lip-Sync-Videos, in denen Menschen das Singen von Songtexten nachahmten und dazu tanzten. Das Jahr 2016 war der Beginn von Instagram in der Form, wie wir die App heute kennen, indem der Algorithmus schrittweise eingeführt wurde. Kaum mehr vorstellbar: In vor-algorithmischen Zeiten wurden Posts in chronologischer Reihenfolge angezeigt, ganz demokratisch erhielt jeder Beitrag die gleiche Sichtbarkeit. Heute entscheidet der Algorithmus, wann wir was zu sehen bekommen – mit dem Ziel, uns möglichst lange auf der App zu halten.
2016 genügte das Foto eines Sonnenuntergangs oder eines Drinks mit ein, zwei Filtern drauf, um die eigene Followerschaft zu begeistern, die Anzahl Likes war nebensächlich. Heute ringen die Urlaubsfotos von Freunden mit Beiträgen von Influencer:innen und Werbeanzeigen um unsere Aufmerksamkeit. Ständig müssen wir abstrahieren zwischen der Realität und den präsentierten Schönheitsidealen auf Social Media – manchmal ohne zu wissen, ob es sich überhaupt um einen Menschen oder nicht vielmehr um ein KI-Erzeugnis handelt, mit dem wir uns gerade vergleichen. Vor zehn Jahren war es nicht einmal möglich, mehr als ein Bild pro Post hochzuladen, und es gab noch keine Kurzform-Reels, die zum Doomscrollen verleiten.
Vielleicht ist der 2016-Trend auch Ausdruck unserer Sehnsucht nach den sozialen Medien, bevor ausgeklügelte Algorithmen unser (Konsum-)verhalten beeinflussten.
Amélie Galladé
Ziel dieser Algorithmen ist, eine positive oder negative Reaktion auszulösen, damit wir mit den Beiträgen interagieren. Dadurch entstehen Echo-Kammern, Filterblasen (sogenannte «Bubbles») verstärken sich und Weltanschauungen driften zunehmend auseinander. Der 2016-Trend ist eine Antwort darauf: Wir besinnen uns auf gemeinsame Erfahrungen – sei es das Spiel Pokémon Go, der Hype um Fidget Spinner, breit gezogener Eyeliner oder eben der Hundefilter mit rausgestreckter Zunge auf Snapchat.
Kollektive Erinnerungen aus dem Jahr 2016 sind ein gemeinsamer Nenner in einer zunehmend polarisierten Welt. Trotz aller Nostalgie sollten wir nicht resignieren, im Gegenteil. Veränderung findet im Hier und Jetzt statt, und wir brauchen Energie und Zukunftsoptimismus, um in unserem Einflussbereich etwas zu bewirken.
Statt in ein digitales 2016 zurückzukehren, gilt es vielmehr, unseren Social-Media-Konsum bewusst zu gestalten und so den negativen Effekten von Algorithmen ein Stück weit entgegenzuwirken. Etwa, indem wir gezielt Accounts folgen oder entfolgen und damit zumindest teilweise kuratieren, was uns angezeigt wird. Ebenso wichtig ist es, Inhalte kritisch zu prüfen, bevor wir sie teilen, und sich Zeitlimits zu setzen, um nicht dem Doomscrolling zu verfallen.
Das Wichtigste jedoch in einer zunehmend fragmentierten Welt bleibt, gemeinsame Erfahrungen mit Menschen im echten Leben zu sammeln, sich mit anderen Perspektiven und Meinungen auseinanderzusetzen, einander zuzuhören und miteinander im Dialog zu bleiben.
Vielleicht können wir so auch ein Stück des Gefühls von 2016 wieder aufleben lassen.



