
Menopause und Matriarchat: Eine Beweisführung
Der Club der Lebewesen, deren Weibchen eine Menopause haben, ist ein sehr exklusiver mit nur ganz wenigen Mitgliedern. Wissenschaftlich belegt ist sie nur bei uns Menschen sowie einigen Zahnwalen – namentlich Orcas, Grindwalen, Belugas und Narwalen. Weiterhin verdichten sich die Hinweise darauf, dass auch Elefantenweibchen eine Menopause erleben. Oder, wie es uns das Patriarchat seit Jahrhunderten verkauft: dass sie in einem gewissen Alter ihre Gebärfähigkeit «verlieren». Und somit auch die Bedeutung für den Fortbestand der Spezies sowie jeglichen sozialen Wert.
Mit diesem Narrativ von Wert und Verlust wirft das Patriarchat ältere Frauen seit Jahrtausenden auf den Müllhaufen der Geschichte. Dabei ist das Argument löchriger als ein Sieb: Wer würde sich schon in die Behauptung versteigen, dass Orcas, Elefanten und Menschen zu den Verlierern der Evolution gehören? Ausgerechnet die grössten, gefährlichsten und intelligentesten Arten ihres jeweiligen Lebensraumes, und ausserdem – im Falle der Orcas und Menschen – die global am weitesten verbreiteten und somit anpassungsfähigsten? Eben – niemand. Ausser natürlich unser patriarchal-darwinistisch indoktriniertes Wissenschaftssystem, das «Survival of the Fittest» ständig mit körperlicher Stärke und Uga Uga verwechselt.
Seit weibliche Lebensrealitäten in die Forschung Einzug gehalten haben und sich diese darum weniger mit dem Pseudo-Beweis vermeintlich männlicher Überlegenheit beschäftigt und dafür mehr mit der Schaffung von tatsächlichem Wissen, kommt dieses Weltbild ins Wanken. Ein Beispiel dafür ist die sogenannte Grossmutter-Hypothese. Sie besagt, dass Weibchen mancher hochsozialer Arten evolutionär wertvoller für ihre Gruppe werden, wenn sie aufhören, selbst Nachwuchs zu produzieren. Nicht trotz ihres Alters – sondern gerade wegen ihm. Die Evolution scheint beschlossen zu haben, dass weibliches Wissen, weibliche Erinnerung und Erfahrung für das langfristige Überleben einer Spezies wichtiger sind als die Fähigkeit, mit 53 noch möglichst viele Kinder zu gebären. Denn: Kinder zu gebären ist gefährlich. Insbesondere bei Säugetieren birgt Fortpflanzung ein hohes Sterberisiko für die Mutter, das im Laufe ihres Lebens exponentiell wächst.
Rosanna Grüter
Wenn Weibchen einer hochsozialen und hochintelligenten Spezies also ab einem gewissen Alter von diesem Druck befreit sind, dann haben sie Zeit, zu führen. Und genau das tun sie bei sämtlichen Arten mit Menopause, abgesehen von uns Menschen: Die ältesten Orca-Weibchen führen ihre Gruppen zu Fischgründen, die sonst niemand mehr kennt. Gerade in Jahren mit Nahrungsknappheit steigt die Überlebenschance eines Pods (so nennt man Orca-Familien) messbar, wenn eine alte Matriarchin dabei ist – weil sie sich an Wanderrouten und Jagdgebiete erinnert, die jüngere Tiere nicht kennen. Die Matriarchin ist die einzige Lehrerin und eindeutige «Chefin» eines Pods und unterrichtet ausschliesslich ihre weiblichen Nachkommen in sämtlichen Überlebensstrategien. Männchen bleiben demgegenüber für immer bei der Mutter und werden von ihr durchgefüttert. Forschende vermuten, dass Orcas ohne Matriarchin regelrecht das kulturelle Gedächtnis verlieren würden und ihre Überlebensfähigkeit ohne sie massiv abnehmen.

Bei Elefanten zeigt sich etwas Ähnliches. Alte Weibchen erkennen nach Jahrzehnten noch Wasserstellen, Wanderrouten und Gefahrenzonen. Sie wissen, im Gegensatz zu alten Bullen, ganz genau, welche anderen Herden freundlich sind, welche rivalisierend, wann ein Risiko droht und wann nicht. Herden mit erfahrenen alten Weibchen an der Spitze treffen nachweislich bessere Entscheidungen, reagieren ruhiger auf Bedrohungen und überleben Dürreperioden häufiger als Gruppen ohne sie.
Und auch bei uns Menschen häufen sich die Hinweise darauf, dass Grossmütter evolutionär weit mehr sind als ein nettes familiäres Extra. Studien zeigen, dass Kinder mit Grossmüttern häufiger überleben – insbesondere mit Grossmüttern mütterlicherseits. Diese halfen (und helfen!) bei Nahrung, Pflege, Wissenstransfer, emotionaler Stabilität und sozialem Zusammenhalt. Oder anders: Der Mensch wuchs historisch nicht nur in einer Kernfamilie auf, wie es heute in unserer patriarchalen Gesellschaft der Fall ist, sondern in grossen weiblichen Netzwerken.
Rosanna Grüter
Interessanterweise spiegelt sich diese weibliche Kontinuität sogar in unserer Biologie selbst. Ein zentraler Bestandteil unseres Erbguts wird ausschliesslich über die mütterliche Linie weitergegeben: die mitochondriale DNA. Mitochondrien – oft als «Kraftwerke der Zellen» bezeichnet – produzieren die Energie, ohne die kein menschliches Leben möglich wäre. Und diese winzigen biologischen Überlebensmaschinen erben wir nicht von beiden Elternteilen, sondern ausschliesslich von unserer Mutter. Die Zellenergie jedes heute lebenden Menschen führt also direkt zurück auf eine ununterbrochene Kette weiblicher Körper, über Tausende von Generationen hinweg.
Irgendwie berührt mich dieser Gedanke. Dass ausgerechnet dort, wo unser Körper seine elementarste Lebensenergie speichert, eine ununterbrochene Spur unserer Mütter und Grossmütter verborgen liegt. Während das Patriarchat seit Jahrtausenden Stammbäume nach Vätern benennt, Familiennamen vererbt und Besitzlinien über Männer organisiert, läuft unterhalb dieser kulturellen Konstruktion eine zweite, viel ältere Realität weiter: die biologische Erinnerung an alle Frauen in unserer Linie, zurück zum Anbeginn der Menschheit.
Das Spannende daran ist, dass Mütter und Grossmütter in patriarchalen Gesellschaften bis heute konsequent unterschätzt werden. Orientierung, Erinnerung, soziale Intelligenz, emotionale Regulation, kollektive Organisation, langfristiges Denken – all das gilt kulturell oft als «weibliche Soft Skills», evolutionär betrachtet könnten es jedoch genau jene Kompetenzen gewesen sein, die eine hochsoziale Spezies überhaupt erst an die Spitze ihrer jeweiligen Ökosysteme gebracht haben.
Rosanna Grüter
Und nicht nur dort. Auch moderne Studien und Managementanalysen kommen seit Jahren auffallend häufig zum selben Schluss: Unternehmen mit Frauen in Führungspositionen wirtschaften im Durchschnitt erfolgreicher. Sie erzielen höhere Eigenkapitalrenditen, treffen langfristigere Entscheidungen, geraten seltener in destruktive Risikospiralen und scheinen insgesamt resilienter gegenüber Krisen zu sein. Selbst die mittlerweile fast schon verzweifelt neoliberal durchoptimierte Wirtschaftswelt stolpert also langsam über denselben Befund wie die Evolutionsbiologie: Gruppen funktionieren besser, wenn Frauen Macht besitzen.
Rosanna Grüter
Man könnte das natürlich als Argument für «mehr Diversität» lesen. Aber vielleicht greift selbst das noch zu kurz. Vielleicht ist Diversität innerhalb patriarchaler Systeme gar nicht das Ziel, sondern bloss eine Übergangsphase. Eine Art vorsichtige Annäherung an etwas, das wir seit Jahrtausenden mit aller Gewalt zu unterdrücken versuchen: weibliche Führung als gesellschaftliches Grundprinzip.
Denn ein Matriarchat ist nicht einfach ein Patriarchat mit umgekehrten Vorzeichen, nicht einfach «Frauen machen jetzt dasselbe wie Männer, nur in Pink und mit Rüschen». Historisch und anthropologisch beschreibt der Begriff Gesellschaften, die stärker auf Kooperation, soziale Verantwortung, gemeinschaftliche Organisation und langfristige Stabilität ausgerichtet sind – oft mit älteren Frauen als zentralen Wissens- und Entscheidungsfiguren. Weniger Uga-Uga-Hierarchie, dafür mehr kollektives Überleben.
Was für eine groteske Ironie eigentlich: Ausgerechnet jene Eigenschaften, die patriarchale Gesellschaften Frauen ab einem gewissen Alter systematisch aberkennen – Sichtbarkeit, Autorität, Kompetenz, Relevanz – könnten evolutionär betrachtet genau die Gründe dafür sein, warum wir überhaupt so erfolgreich geworden sind. Menopause ist nämlich kein biologischer Defekt, sondern eine evolutionäre Beförderung: raus aus der Einzelreproduktion, rein in die strategische Leitung des gesamten Projekts Menschheit.
Rosanna Grüter
Oder anders: Wir Frauen sollten ab 40 nicht unsichtbar werden, sondern den Laden übernehmen. Und zwar zum Wohl von allen. Schliesslich zerstören weder Orcas noch Elefanten den Planeten, sondern wir Menschen mit unserem kläglich missglückten Experiment «Patriarchat».
