Mütter haben gute Gründe

Eine neue Studie der Schweizer Ökonomin Ursina Schaede und ihres Forschungsteams kommt zum Schluss, dass viele Mütter die langfristigen finanziellen Folgen von Teilzeitarbeit unterschätzen. Würden Frauen besser über die Folgen für Einkommen und Rente informiert, würden sie ihr Pensum erhöhen, so die Autorinnen.
Und tatsächlich: In einem Feldversuch im Rahmen der Studie erhöhten teilzeitbeschäftigte Volksschullehrerinnen mit Kindern in der Deutschschweiz ihr Erwerbspensum leicht, nachdem sie Informationen zu den langfristigen finanziellen Folgen von Teilzeitarbeit erhalten hatten.
Die Schlussfolgerung liegt nahe: Mütter arbeiten Teilzeit, weil sie nicht richtig rechnen. Doch die Frauen sagen in der Studie klar, was ihnen wichtig ist: An erster Stelle steht das Wohl ihrer Kinder, danach folgen Zeit mit der Familie und flexible Arbeitszeiten. Bemerkenswert ist, was danach geschieht. Statt nachzufragen, was Mütter meinen, wenn sie vom Wohl ihrer Kinder sprechen, dreht sich plötzlich alles darum, wie man sie zu mehr Erwerbsarbeit bewegen kann. Weshalb zählt das, was Mütter zu sagen haben, so wenig?
Anja Peter
Mütter reduzieren ihr Pensum nicht grundlos
Teilzeitarbeit hat viel mit den Bedingungen zu tun, unter denen Familien heute leben: mit langen Erwerbsarbeitszeiten, dem ständigen Hetzen zwischen Job, Kita und Haushalt. Und dem Versuch, gleichzeitig auch noch die emotionale Verantwortung zu stemmen.
Dazu kommt: Eltern tragen in der Schweiz den grossen Teil der Betreuungskosten selbst. Gleichzeitig gehört die Schweiz laut Unicef bei der Zugänglichkeit und Bezahlbarkeit der familienergänzenden Kinderbetreuung zu den Schlusslichtern der wohlhabenden Länder. Berufsorganisationen berichten seit Jahren von Personalmangel, hoher Belastung und knappen Ressourcen. Wenn Personal fehlt und die Belastung steigt, gerät die Qualität der Betreuung unter Druck.
Wenn Mütter das Wohl ihrer Kinder ins Zentrum stellen, meinen sie damit auch die Bedingungen, unter denen Kinder heute aufwachsen, Familien funktionieren und gearbeitet wird. Doch statt ernst zu nehmen, was Müttern wichtig ist, lenkt die Studie den Fokus darauf, dass sie die finanziellen Folgen ihrer Entscheidungen nicht ausreichend verstanden hätten und nicht gut genug rechnen würden. Die verlockend einfache Lösung: mehr Informationen, etwas Finanzbildung – und schon würden Mütter ihr Pensum erhöhen. Und damit scheint auch die Rechnung aufzugehen: Würden Mütter mehr arbeiten, gäbe es weniger Vorsorgelücken. So einfach ist es aber nicht. Die Ursache der Rentenlücke liegt nicht in einem Mangel an Arbeit, sondern darin, welche Arbeit bezahlt und sozial abgesichert wird. Und das Problem ist ganz sicher nicht, dass Mütter zu wenig arbeiten.

Wie viel Mütter wirklich arbeiten
Die Erwerbsquote von Müttern in der Schweiz liegt heute bei über 80 Prozent und gehört zu den höchsten in Europa. Gleichzeitig sind die Erwerbsarbeitszeiten in der Schweiz im europäischen Vergleich hoch. Wer hierzulande Teilzeit arbeitet, leistet oft deutlich mehr Erwerbsstunden als Beschäftigte mit vergleichbaren Pensen in anderen Ländern. Zudem leisten Frauen den grössten Teil der unbezahlten Arbeit: Sie betreuen Kinder, organisieren den Alltag, pflegen Angehörige, kochen, putzen, planen, koordinieren und halten Familien am Laufen. Wer nur auf bezahlte Arbeit blickt, sieht deshalb nur einen Teil der Realität. Insgesamt arbeiten Mütter mit Kindern unter 14 Jahren durchschnittlich fast 78 Stunden pro Woche – also mehr als elf Stunden pro Tag, sieben Tage die Woche. Das Problem ist also nicht, dass Mütter zu wenig arbeiten. Das Problem ist, dass ein grosser Teil ihrer Arbeit weder bezahlt noch sozial abgesichert wird.
Anja Peter
Für viele geht diese Rechnung nicht auf
Der Feldversuch, auf den sich die Studie stützt, wurde mit Teilzeit arbeitenden Volksschullehrerinnen durchgeführt. Das ist wichtig. Nicht weil Lehrerinnen besonders privilegiert wären. Auch sie arbeiten unter Druck, unter Sparmassnahmen und müssen immer mehr Aufgaben bewältigen, ohne dass dafür mehr Zeit oder personelle Ressourcen zur Verfügung stehen. Gleichzeitig gehören sie aber zu einer Gruppe von Frauen, bei denen sich zusätzliche Erwerbsarbeit aufgrund vergleichsweise guter Löhne und Pensionskassen überhaupt in nennenswerte höhere Rentenansprüche übersetzen lässt. Das lässt sich jedoch nicht einfach auf alle berufstätigen Frauen übertragen.
Insbesondere für Frauen in Tieflohnbranchen geht diese Rechnung nicht auf. Eine Pensumserhöhung bedeutet für sie zunächst mehr Belastung unter ohnehin schwierigen Arbeitsbedingungen und zusätzliche Abzüge vom Lohn. Die Vorstellung, jede zusätzliche Erwerbsarbeitsstunde würde sich automatisch in finanzielle Sicherheit im Alter übersetzen, trifft für viele Frauen schlicht nicht zu. Ihre Einkommen sind zu tief, als dass eine Pensumserhöhung die strukturelle Rentenlücke einfach schliessen könnte. Und viele von ihnen arbeiten ohnehin bereits viel – bezahlt und unbezahlt.
Anja Peter
Warum Frauen tiefere Renten erhalten
Die Studie zeigt eigentlich nur: Information hat das Verhalten dieser bestimmten Gruppe von Frauen leicht verändert. Sie erhöhten ihre Pensen um durchschnittlich 3,87 Prozentpunkte. Daraus lässt sich aber nicht schliessen, dass mangelndes Wissen die zentrale Ursache von Teilzeitarbeit ist. Die Studie erklärt auch nicht, weshalb Frauen trotz steigender Erwerbsbeteiligung weiterhin deutlich tiefere Renten erhalten. Und sie zeigt erst recht nicht, weshalb die Rentenlücke überhaupt entsteht.
Wer etwas an der Rentenlücke ändern will, muss deshalb beim Vorsorgesystem selbst ansetzen. Die berufliche Vorsorge orientiert sich ausschliesslich am Erwerbseinkommen. Wer hohe Löhne erzielt, viel und möglichst ohne Unterbrüche erwerbstätig ist, wird belohnt. Wer Kinder betreut, Angehörige pflegt und deshalb das Erwerbspensum reduziert, verliert. Anders als die AHV kennt die berufliche Vorsorge keine Erziehungs- oder Betreuungsgutschriften. Sorgearbeit schafft hier keine Rentenansprüche.
Anja Peter
Wer über die Rentenlücke von Müttern spricht, muss deshalb über die berufliche Vorsorge sprechen. Wer über die berufliche Vorsorge spricht, muss über Einkommen sprechen. Und wer über Einkommen spricht, muss über unbezahlte Arbeit sprechen. Denn Frauen haben nicht deshalb tiefere Einkommen und Renten, weil sie zu wenig arbeiten, sondern weil ein grosser Teil der Arbeit, die sie leisten, unbezahlt oder schlecht bezahlt ist.
Mütter ernst nehmen
Mütter haben längst gesagt, was wichtig ist. Die Lösung ist nicht, dass sie noch mehr arbeiten. Die Lösung ist, dass die Arbeit, die sie längst leisten, endlich gerecht bezahlt und sozial abgesichert wird. Und dass wir aufhören, Mütter zu belehren, und beginnen, ihnen zuzuhören.
Wenn Tausende Frauen sagen, dass ihnen das Wohl ihrer Kinder und Zeit mit der Familie wichtig sind, dann sollten wir uns fragen, was ihre Aussagen über unsere Gesellschaft erzählen – und wie wir sie für Mütter und Kinder besser machen können.

Anja Peter ist Teil des Büro für Feminismus und beschäftigt sich mit Sorgearbeit, sozialer Sicherheit und feministischer Ökonomie.
Bild: Elia Aiano
