
Schweigen ist Silber, Reden ist Gold
Kennt ihr den englischen Ausdruck «Ignorance is bliss»? Er bezeichnet einen Zustand einer mehr oder minder selbst gewählten Unwissenheit im Angesicht einer Wahrheit, die zu unfassbar ist, um sie vollumfänglich zu begreifen. Das deutsche Äquivalent wäre wohl «Was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss» – und daran muss ich in letzter Zeit häufig denken. Wie systematisch der Hass auf uns Frauen organisiert ist, wie verlässlich er reproduziert wird. Und dass unser Leben leichter war, als wir ihn noch nicht thematisierten.
Keine Woche vergeht, ohne dass ein neuer Fall Schlagzeilen macht: Donald Trump und die unzähligen Anschuldigungen wegen sexualisierter Gewalt gegen ihn. Die Männer, die sich in Telegramgruppen darüber austauschen, wie Frauen am besten zu betäuben und missbrauchen sind, Schwanz in der Hand, Unterwerfung im Sinn. Dominique Pelicot. Gewalt und Machtmissbrauch auf Pornoplattformen und Only Fans. Sean Combs. Soldaten – russische in der Ukraine, israelische in Gaza –, die systematisch Frauen vergewaltigen, unkommentiert und ungestört. Christian Ulmen und die unsägliche Tatsache, dass nach dem Publikwerden seines Falles der Begriff «Collien Fernandes nackt» auf Google trendete. Andrew Tate, die Manosphere. Und allen voran: Jeffrey Epstein und sein Netzwerk von mächtigen Mittätern, welches Tausende Mädchen missbrauchte und für dessen Verbrechen bis heute einzig eine Frau verurteilt wurde.
Manchmal frage ich mich, ob es nicht vielleicht auch diese Männer waren, die das Selbstbild meiner Generation mit Beauty Standards indoktrinierten, die für erwachsene Frauen unerreichbar sind: Mager und makellos, ohne Körperhaare, faltenfrei. Schüchtern und stumm, harmlos und mädchenhaft sollten wir sein, und kaum eine kam mit einem normalen Essverhalten und einer gesunden Einstellung zu ihrem eigenen Körper davon.
Heute glaube ich zu wissen, woher diese Standards kamen: aus den kranken Köpfen von mächtigen Männern, die nicht Frauen, sondern Kinder begehren. Die Modehäuser und Privatjets, Beauty-Contests und Medien-Imperien besitzen und weder Achtung vor weiblichen Leben haben, noch Skrupel vor Gewalt.
Im Unterschied zu damals, als ich ein Teenager war, begehren wir Frauen nun aber endlich so richtig auf. Wir lassen Achselhaare wachsen und trainieren die Kraft unserer Oberarme. Wir schützen uns und unsere Kinder, wir prozessieren, demonstrieren und kommunizieren untereinander und öffentlich. Und seitdem wir das tun, ist buchstäblich der Teufel los.
Rosanna Grüter
Beispiel gefällig?
Collien Fernandes muss bei öffentlichen Auftritten eine kugelsichere Weste tragen. Epstein-Survivors werden mit dem Tod bedroht. Opfer, die über sexuellen Missbrauch sprechen, werden von Tätern wegen Verleumdung verzeigt. Kurz: Jede Frau, die öffentlich über patriarchale Gewalt zu sprechen wagt, wird systematisch bedroht und zum Schweigen gebracht.
Rosanna Grüter
Ich weiss, wovon ich spreche, auch mir ist das bereits passiert: Bevor ich 2018 nach Deutschland zog, wurde mein Posteingang auf Facebook mit Drohungen geflutet. Ich erhielt Bilder meiner Eingangstür, Hausnummer inklusive, und darunter die Worte: Schlampe, wir wissen, wo du wohnst.
Taylor Swift hat es mal so formuliert: «For centuries, we've been just expected to absorb male behavior silently. Silent absorption of whatever any guy decides to do. And often times when we, in our enlightened state, in our emboldened state now, respond to bad male behavior, that response is treated like the offence itself.»
Auf Deutsch: «Seit Jahrhunderten wird von uns erwartet, dass wir männliches Verhalten stillschweigend hinnehmen Dass wir stillschweigend alles hinnehmen, was ein Mann sich gerade ausdenkt. Und oft wird unsere Reaktion auf schlechtes männliches Verhalten – trotz Aufklärung und Selbstsicherheit – behandelt, als wäre sie das Vergehen selbst.»
Taylor Swift
Die gute Nachricht: Diese Ära ist nun vorbei. Wir durchschauen jetzt, wie schlechte Männer ticken, und erkennen, dass ihre Regeln einzig und allein dazu da sind, uns Frauen klein und schwach zu halten. Die sprichwörtliche Büchse der patriarchalen Pandora hat sich zu weit geöffnet, als dass sie sich jemals wieder schliessen liesse, und wir machen uns keine Illusionen mehr – dafür aber den Mund endlich auf.
Rosanna Grüter
Es gibt allerdings auch eine schlechte Nachricht: Das, was wir aktuell erleben, ist wohl erst der Anfang. Heute steckt eine Generation von Männern in den Startlöchern, die sich kurz nach der Muttermilch mit der Manosphere konfrontiert sah, die Misogynie verinnerlicht hat wie kaum eine Generation zuvor.
Rosanna Grüter
Diese Jungs werden erwachsen werden. Sie werden das Stimmrecht erhalten, ins Militär gehen und mit Frauen schlafen wollen. Sie werden uns zwingen, wenn wir uns weigern, und wenn wir danach darüber sprechen, werden sie uns zum Schweigen bringen wollen. Gewalt an Frauen wird noch weniger die Ausnahme werden, als sie es heute schon ist, und ich glaube: Wir müssen vorbereitet sein.
