
Warum der Fall Fernandes ein Wendepunkt sein könnte
Es gab dreierlei Gedanken, die ich spürte, nachdem ich die Spiegel-Recherche zu Christian Ulmen gelesen hatte:
Erstens: What the actual fuck?! Zweitens: Hab ich nicht gerade in einem ausführlichen Newsletter geschrieben, dass ich müde bin?! Dass ich nicht mehr weiss, woher ich die Energie nehmen soll, um für weniger Gewalt gegen Frauen anzuschreiben? Und drittens: Wie kann ich das journalistisch einordnen?
Der letzte Gedanke schien mir wichtig, weil sich die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitete. Es spülte mir im Minutentakt neue Inhalte in meinen Feed, empörte Stimmen auf der einen Seite, teils furchtbare Kommentare in Kommentarspalten auf der anderen Seite – alles immer lauter! lauter! lauter!
Also versuchte ich ein wenig Abstand zu gewinnen.
Ich überlegte mir, über was ich schreiben könnte. Etwa über die Tatsache, dass es keinen Strafbestand für Deepfakes in der Schweiz gibt. Das ist problematisch, weil wir davon ausgehen können, dass mit der Verbreitung von KI solche Inhalte immer häufiger werden.
Ich dachte über die Unschuldsvermutung nach, die nach wie vor für Ulmen gilt. Sophie Passmann postete ein Video und sagte: «Ich will das Wort nicht mehr hören». Ich überlegte mir: Finde ich das gut? Und kam zum Schluss: Nein, tue ich nicht.
Und gleichzeitig weiss ich: Was bedeutet diese Unschuldsvermutung in so einem Moment eigentlich noch? Aus mir spricht hier kein Mitleid, aber es ist eine Tatsache, dass eine Verurteilung in unserer schnelllebigen, digital vernetzten Welt schnell passiert.
Kerstin Hasse
Was das mit Professionalität macht
Ich reflektierte über die Fakten: Collien Fernandes musste über zehn Jahre aushalten, dass gefakte pornografische Inhalte von ihr verschickt wurden. Manche – so schildert sie es auf Instagram – zeigten sie in brutalen Szenen, etwa als Opfer einer Gruppenvergewaltigung. Sie musste es aushalten, dass geschäftliche Kontakte von ihr mit anzüglichen Nachrichten kontaktiert und ihre Professionalität angegriffen wurde. Sie musste damit leben, dass Menschen sie als Schlampe bezeichneten und sie schamlos objektifizierten. Und das alles, weil ihr Mann anscheinend einen «Zwang» ausleben musste, wie Ulmen in einem Mail schrieb, das dem «Spiegel» vorliegt.
Diese verbreiteten Inhalte waren nicht «echt» – aber was heisst das überhaupt? Was bedeutet es, dass ein Nacktbild nicht echt ist, wenn nur ich selbst das weiss?
Ich sah all die Posts und Reels, in denen gefordert wurde, dass Männer mehr Stellung beziehen. Ich verstand den Wunsch, dachte mir aber auch: Bringen unsStatements von Männern jetzt wirklich weiter? Ganz ehrlich: Nehme ich das denen überhaupt ab?
Die ersten Worte, die bei mir wirklich Anklang fanden, kamen vom deutschen Autor Benjamin von Stuckrad-Barre. Auf Instagram schrieb er: «Die Beschäftigung mit diesem Thema hat mich leider gelehrt, dass wir, vor allem wir Männer, uns einen Satz wirklich abgewöhnen müssen: ‹Das kann ich mir nicht vorstellen.›» Und weiter: « Es ist an niemandem sonst als an uns Männern, festzustellen, anzuerkennen und zu verurteilen, dass die allermeisten Gewalttaten gegenüber Frauen innerhalb von Beziehungen stattfinden. Und dass die Täter eben nicht nur irgendwelche düsteren Gestalten aus Statistiken sind, sondern dass darunter auch Menschen sind, die wir bewundern oder lieben.»
Kerstin Hasse
Sein Post trifft einen Zwischenton, der mir in solch aufgeladenen Momenten oft fehlt. Er reflektiert den Schmerz zu erkennen, dass er einen Freund verloren hat, und unterstreicht gleichzeitig seine Solidarität mit Collien Fernandes. Und er macht klar: Es ist genug.
Genau diese Botschaft kristallisiert sich für mich nach diesem Wochenende am deutlichsten heraus: Wir haben genug.
Die grössere Frage
Es geht nicht darum, dass man sich auf eine Seite stellt (wobei mir diese Seiten recht klar erscheinen). Es geht nicht darum, dass man Männer hasst oder dass Männer unter Generalverdacht stehen.
Es geht um eine viel grössere Frage:
Kann es sein, dass die Scham tatsächlich die Seite gewechselt hat? Kann es sein, dass einfach genug Dreck an die Oberfläche gespült wurde? Dass wir es satt haben, solche Geschichten zu lesen, und uns klar wird, dass jede Gisèle Pelicot, jede Virginia Giuffre, jede Collien Fernandes stellvertretend für Tausende von Frauen steht, denen Leid angetan wurde? Kann es sein, dass wir es tatsächlich schaffen, nicht mehr in eine Opfer-Täter-Umkehr zu verfallen, wie es bei Me-Too so oft der Fall war?
Kerstin Hasse
Ich glaube es selbst kaum, aber ich spüre leise Hoffnung. Ich glaube, dass all das Leid, das diese Frauen durchgemacht haben, Folgen hat: Wir weigern uns, uns länger für die Taten von miserablen, widerwärtigen Männern zu schämen.
Ich merke – in der Berichterstattung, in vielen Kommentarspalten und vor allem in Gesprächen mit Menschen aus meinem Umfeld – dass wir, ja WIR alle, es satt haben.
Was jetzt passieren muss
Sind wir damit am Ziel? Natürlich nicht.
Wir müssen über rechtliche Lücken sprechen, die dieser Fall aufzeigt. Wir müssen aber auch über Gleichberechtigung sprechen. Und damit auch über finanzielle Unabhängigkeit. Über die Tatsache, dass wirtschaftliche Abhängigkeit Frauen in Beziehungen vulnerabler macht. Dass es kein Zufall ist, dass viele Frauen in missbräuchlichen Beziehungen bleiben, weil sie sich einen Auszug schlicht nicht leisten können. Dass finanzielle Gleichstellung und Sicherheit nicht «nice to have» sind, sondern fundamentale Voraussetzungen dafür, dass Frauen Gewalt überhaupt verlassen können.
Wir müssen darüber sprechen, wie Deepfakes die Professionalität von Frauen untergraben. Wie sie Karrieren beschädigen können. Wie sie Frauen aus Räumen verdrängen, in die sie gehören – weil ihr Ruf ruiniert wird, weil Geschäftspartner sie nicht mehr ernst nehmen, weil die Scham (die falsche Scham!) sie zum Schweigen bringt.
Gleichzeitig werden noch mehr Masken fallen und hässliche Fratzen überall auf dieser Welt zum Vorschein kommen und damit genau diese elementaren Debatten und Lösungen beschleunigen.
Ich kann und werde nicht wegschauen. Müdigkeit hin oder her.
Über die Autorin: Kerstin Hasse ist Journalistin, Podcasterin und Moderatorin. Dieser Text ist in einer leicht abgeänderten Version in ihrem Newsletter «Hasse mit Liebe» erschienen.



