
Warum fallen sich Männer nur beim Fussball in die Arme?
Macht und Misogynie, Geld und Gier, Patriarchat und Privilegien: Wer die Antwort nicht scheut, darf unseren Kolumnisten alles fragen. Markus Theunert teilt, was er in 25 Jahren Beschäftigung mit Männern und Männlichkeit gelernt hat.
Heute mit der Frage von Franzi (53): «Warum fallen sich Männer nur beim Fussball in die Arme?»
Liebe Franzi
Körperliche Nähe unter Männern ist auch für mich ein Faszinosum. Denn ganz offensichtlich haben die meisten Männer ein Bedürfnis danach. (Das erstaunt auch nicht wirklich, weil körperliche Nähe ein urmenschliches Bedürfnis ist.) Ebenso offensichtlich ist Körperkontakt unter Männern aber gleichzeitig ein Minenfeld. Das grösste Hindernis ist ebenso stereotyp wie wirkmächtig: Die Angst, die körperliche Berührung könnte als «schwul» oder «schwach» gelesen werden.
Markus Theunert
Unsere Geschlechterordnung ist allen Bemühungen um mehr Vielfalt zum Trotz noch immer heteronormativ organisiert. Sie verknüpft die Zugehörigkeit zur Gruppe der «richtigen Männer» mit der Forderung, Begehren auf Frauen zu richten. Wenn sich in dieser Situation ein sexueller Impuls – es reicht auch schon ein Augenblick der Uneindeutigkeit – auf einen Menschen des gleichen Geschlechts richtet, ist das für Männer eine fundamentale Bedrohung. Denn sie riskieren damit nicht nur eine ganz persönliche Irritation, sondern eine existenzielle Verunsicherung in ihrem Status als «richtiger Mann». Dieses Risiko ist vielen zu gross.
Markus Theunert
Die beste Möglichkeit, um Eindeutigkeit herzustellen, besteht darin, eine ergebnisoffene Konstellation in das Korsett einer sozialen Konvention zu pressen. Indem die Begegnung zwischen Menschen zum kulturellen Ritual wird, verringert sich die Komplexität für alle Beteiligten. Im Zentrum steht nicht mehr die (verunsichernde) Frage, welche Form der Interaktion sich in genau diesem Moment für genau diese Beteiligten passend anfühlt. Diese wird abgelöst durch die (wesentlich simplere) Frage, welchen Handlungsschritt das kulturelle Skript als Nächstes vorsieht. Der Fussball ist ein solches Ritual. In ihm gelten ungeschriebene Gesetze, die genügend Sicherheit für Körperlichkeit unter Männern schaffen: Der Anlass ist öffentlich und ausreichend «männlich» gerahmt. Der Auslöser ist eindeutig (ein erzieltes Tor) und emotional. Die Zeit ist begrenzt, das Ende der Umarmung immer schon in Sichtweite (wenn das Spiel weitergeht).
Die Bedeutung solcher Rituale nimmt ab dem Alter zu, in dem Jungs gegenseitig zu kontrollieren beginnen, ob sie sich «männlich» genug verhalten. Spätestens ab der Oberstufe prägt dieses «Policing of Masculinity» das homosoziale Verhalten von männlichen Jugendlichen (mit). Die Forschung zeigt, dass genau in dieser Phase Intimität und Verletzlichkeit in freundschaftlichen Beziehungen unter Jungen immer weniger Raum erhalten. Ritualisierte Körperlichkeit schafft ersatzweise Inseln, in denen das widersprüchliche Spannungsfeld von Wettbewerb und Berührung zumindest für einen Moment aufgelöst werden kann.
Markus Theunert
Diese Funktion erfüllt nicht nur die euphoriegetriebene Umarmung, wenn das eigene Team gewinnt. Ringen, Raufen und Saufen sind Beispiele für Rituale, die denselben Zweck erfüllen. All diesen Verbrüderungsritualen gemein ist, dass sie homosoziale Nähe über heteronormative Abgrenzung und ritualisierte Begrenzung herstellen. Deshalb schwingt in diesen betont «männlichen» Inszenierungen von Körperlichkeit und Zärtlichkeit stets ein männerbündisches Grundrauschen mit – und lässt die an sich berührende Geste nicht wirklich emanzipatorisch erscheinen. Auch wenn das Grundmuster dieser Dynamik ungebrochen weiterwirkt, scheint es jüngeren Generationen von Jungen und Männern immer besser zu gelingen, sie zu durchbrechen. Ihre Entwicklungsaufgabe besteht wohl darin, eine Kultur mitmännlicher Körperlichkeit zu entwickeln, in der das Zeigen von Verletzlichkeit und Bedürftigkeit, von Sehnen und Begehren immer weniger Angst einflösst.
Markus Theunert ist fachlicher Leiter von männer.ch, dem Dachverband progressiver Schweizer Männer- und Väterorganisationen. Kontakt: theunert@maenner.ch.
Diese Kolumne verfolgt – auf Einladung der ellexx Redaktion – das Anliegen, einen patriarchatskritischen Blick auf Geschlechter-, Geld- und Gesellschaftsfragen beizusteuern. Unserem Kolumnisten ist es wichtig, seine Unsicherheit transparent zu machen, wo die Bereicherung durch eine reflektierte Männerperspektive aufhört – und wo das «Mansplaining für Fortgeschrittene» beginnt.

