
Warum gehen Männer so ungern zum Psychologen?
Macht und Misogynie, Geld und Gier, Patriarchat und Privilegien: Wer die Antwort nicht scheut, darf unseren Kolumnisten alles fragen, Markus Theunert teilt, was er in 25 Jahren Beschäftigung mit Männern und Männlichkeit gelernt hat.
Heute mit der Frage von Michael (42): «Warum gehen Männer so ungern zum Psychologen»?
Lieber Michael
Es ist tatsächlich kein Klischee: Männer nehmen seltener und zögerlicher psychologische Unterstützung in Anspruch. Innert eines Jahres sind in der Schweiz aktuell 10 Prozent der Frauen wegen eines , aber nur 6 Prozent der Männer. Besonders gross ist der Unterschied in der späten Adoleszenz und im frühen Erwachsenenalter. 75 Prozent der psychisch belasteten Männer nehmen in Anspruch. Ganz viele Männer, die eine solche bräuchten, bleiben mit ihren Problemen also allein. Weshalb?
Markus Theunert
Die naheliegende Antwort: Weil «echte Männer» keine Probleme haben, sondern Herausforderungen bewältigen – und zwar ganz allein. Etwas akademischer formuliert: Im Lauf männlicher Sozialisation verinnerlichen Männer einen Kanon von Anforderungen, die erfüllen muss, wer Zugehörigkeit und Anerkennung in der Gruppe der «richtigen Männer» finden will. Und die fordern so ziemlich das exakte Gegenteil dessen ein, was die Forschung als Schutzfaktoren für die psychische Gesundheit identifiziert. Der wahrscheinlich verheerendste Männlichkeitsimperativ lautet: Du sollst nicht spüren. Zumindest keine Gefühle der Schwäche und Ohnmacht, Trauer und Verletzlichkeit.
Männliche Sozialisation befördert so männliche Subjekte mit fragilem Selbstwert und widersprüchlicher Identität: Einerseits lernen wir ganz selbstverständlich einzufordern, was uns vermeintlich zusteht. Beispielsweise Redezeit, Aufmerksamkeit, Anerkennung, Karrierechancen, Geld und Macht. Andererseits führt männliche Sozialisation zu einer inneren Entfremdung und einer ohnmächtigen Bedürftigkeit, da wir uns seelisch und sexuell nicht selbst nähren dürfen. Unsere Fragilität und Verletzlichkeit dürfen wir aber auch nicht benennen und schon gar nicht zeigen, weil damit ein zentraler Grundpfeiler unseres männlichen Selbstverständnisses wegbrechen würde.
Markus Theunert
Dadurch entsteht ein «doppeltes Dilemma» – so formuliert es Björn Süfke, der Autor des Bestsellers «Männerseelen» – das Therapie- und Beratungsprozesse mit Männern prägt: Einerseits das Dilemma, dass Männer im Lauf ihres Aufwachsens «mehr und mehr den Zugang zu ihren eigenen Gefühlen und Bedürfnissen verlieren – und damit auch zu ihren Wünschen und Träumen, ihren Körperempfindungen und inneren Beweggründen, ihren Ambivalenzen und Sehnsüchten.» Andererseits das Dilemma, «dass eine effiziente Psychotherapie eben gerade solche Prozesse erfordert, die Männern aufgrund ihres männlichen Dilemmas so schwerfallen, nämlich eingehende Selbstexploration sowie einen möglichst direkten und ungeschminkten Gefühlsausdruck.»
Männlichkeitsnormen führen Männer also in einen Teufelskreis: Was sie bräuchten, um ihre Probleme zu bearbeiten, ist dasselbe, was sie gebraucht hätten, damit die gar nicht erst entstehen. Das macht den Schritt in die Beratung so hochschwellig. Denn dort können sich Männer nicht nur ihrem aktuellen Problem zuwenden, sondern rühren damit immer gleich auch an dessen tiefere Ursachen. Das klingt nicht nur nach Schmerz und Arbeit.
Markus Theunert
Der erfahrene Männerberater Christoph Walser bringt die , wenn er sagt, traditionell sozialisierte Männer müssen in einer Beratungssituation gleich drei Aufgaben parallel bewältigen: Erstens ein Problem lösen. Zweitens darüber reden. Drittens dabei Mann bleiben. Je enger das Männlichkeitskorsett, das ein Mann sich anlegt, umso bedrohlicher ist diese Aufgabe. Und umso grösser die Wahrscheinlichkeit, dass er lieber auf die Zähne und die Zunge beisst als seinen Mann zu stehen, indem er sagt: Ich brauche Hilfe!
Markus Theunert ist Gesamtleiter von männer.ch, dem Dachverband progressiver Schweizer Männer- und Väterorganisationen. Kontakt: Diese Kolumne verfolgt – auf Einladung der ellexx-Redaktion das Anliegen, einen patriarchatskritischen Blick auf Geschlechter-, Geld- und Gesellschaftsfragen beizusteuern. Unserem Kolumnisten ist es wichtig, seine Unsicherheit transparent zu machen, wo die Bereicherung durch eine reflektierte Männerperspektive aufhört – und wo das «Mansplaning für Fortgeschrittene» beginnt.



