
Was kann ich tun, damit mein Sohn später kein toxisches A*loch wird?
Macht und Misogynie, Geld und Gier, Patriarchat und Privilegien: Wer die Antwort nicht scheut, darf unseren Kolumnisten alles fragen. Markus Theunert teilt, was er in 25 Jahren Beschäftigung mit Männern und Männlichkeit gelernt hat.
Heute mit der Frage von Kaya (38): «Was kann ich tun, damit mein Sohn später kein toxisches A*loch wird?»
Liebe Kaya
Deine Frage hat mich ins Nachdenken gebracht. Sie scheint mir zu vielschichtig für eine einfältige Antwort.
Beginnen möchte ich mit einer Aussage, die Entlastung und Begrenzung zugleich ist: Du hast es nicht in der Hand, wie dein Sohn später einmal wird. Klar, du hast einen Einfluss darauf, und der ist nicht klein. Aber es liegt weder in deiner Macht noch in deiner Verantwortung, deinen Sohn auf ein bestimmtes Ergebnis hin zu erziehen. Würdest du deine Energie drauf verwenden, was er NICHT werden soll, würde er mit einiger Wahrscheinlichkeit genau das. Denn damit liessest du ihn Tag für Tag sein Wissen perfektionieren, wie er dich am schnellsten und effizientesten an deine Grenze bringen kann. Damit lieferst du ihm das optimale Rebellionsszenario für die stürmischen Pubertätsjahre. Klug scheint mir das nicht.
Markus Theunert
Positiv könnte man sagen: Je mehr du deinem Sohn die innere Freiheit schenkst, sich zu einem toxischen A*loch zu entwickeln zu dürfen, umso weniger wird er eins werden müssen. Denn was macht aus süssen Babyjungs innert zwei Jahrzehnten Männer, deren Verhalten dich dazu bringt, mir diese Frage zu stellen? Es ist der Zwang, im Dienst der «männlichen» Performance alles «Unmännliche» abzuwehren, abzuwerten und wegzusperren. Das Verletzliche und das Zögerliche, das Weiche und das Zärtliche müssen kontrolliert und kanalisiert werden. Es gilt, alles zu vermeiden, was irgendwie «schwul» oder «mädchenhaft» gedeutet werden könnte. Das stärkt das Selbstvertrauen, schwächt aber das Selbst-Vertrauen. Denn die Rolle als «richtiger Junge» gibt zwar Sicherheit und Orientierung, Anerkennung und Zugehörigkeit. Aber man(n) bezahlt einen verdammt hohen Preis: die innere Entfremdung, also den Zwang, seinem Innersten fremd bleiben zu müssen. Wenn ich nur im engen Korridor des gesellschaftlich Anerkannten Mann sein darf, dürfen sich das männliche Ich und das verletzliche Selbst nie berühren. Mannsein heisst zu lernen, zum Gefangenen und Aufseher in Personalunion zu werden.
Du kannst deinen Sohn vor diesen Prozessen nicht bewahren und beschützen. Denn was passiert, wenn Kinder in patriarchal geprägten Gesellschaften aufwachsen? Sie kommen mit patriarchalen Männlichkeitsvorstellungen in Berührung. Immer und überall. Es gibt keine Sphäre, die frei wäre von den Verhältnissen, in denen wir leben. Du müsstest ihm alle sozialen Kontakte und kulturellen Einflüsse verbieten – und selbst das wäre noch nicht genug. Denn das Patriarchat steckt auch in dir.
Markus Theunert
Ich möchte dir ans Herz legen, euren Sohn zu ermutigen, sich als Mann so hervorzubringen, wie es zu ihm passt. «Es gibt kein Depowerment ohne Empowerment» habe ich in meinem Buch «Jungs, wir schaffen das» geschrieben. «Sonst ist es Gewalt.» Manche Männlichkeitsanforderungen werden ihn abstossen und andere faszinieren. Manche wird er ausprobieren, und manche wird er dauerhaft verinnerlichen. Manche werden ihm gut tun, und andere werden Schaden anrichten. Stärke ihn in seiner Fähigkeit, zu wählen und sein Mannsein aktiv zu gestalten. Es bleibt hart, als Elternteil diesen Prozess bejahend zu begleiten. Denn euer Sohn wird auch Eigenschaften übernehmen, die dir nicht passen. Das anzunehmen, auch wenn es schmerzt, ist die Aufgabe von Eltern.
Meine Überzeugung: Deine Liebe und dein Vertrauen, dass sich euer Sohn seinen Weg durch die Fährnisse der Gegenwart bahnen wird, ist die wirkungsvollste Ermutigung, damit er sich spüren, mögen und respektieren lernt. Und was könnte besser vor der Illusion schützen, selber grösser zu werden, indem man andere klein macht?
Markus Theunert ist fachlicher Leiter von männer.ch, dem Dachverband progressiver Schweizer Männer- und Väterorganisationen. Kontakt: theunert@maenner.ch.
Diese Kolumne verfolgt – auf Einladung der ellexx Redaktion – das Anliegen, einen patriarchatskritischen Blick auf Geschlechter-, Geld- und Gesellschaftsfragen beizusteuern. Unserem Kolumnisten ist es wichtig, seine Unsicherheit transparent zu machen, wo die Bereicherung durch eine reflektierte Männerperspektive aufhört – und wo das «Mansplaining für Fortgeschrittene» beginnt.



