Weaponized Incompetence: Der Trick, der Frauen ausbrennt

Männer, die angeblich weder eine Waschmaschine bedienen noch ein Geschenk organisieren können, sind oft erfolgreich im Job. Zufall? Eher nicht. Dieses Muster kostet Frauen jedes Jahr Hunderte Stunden.
Patrizia Laeri
Getty Images, Unsplash

Meine Freundinnen ächzen alle unter derselben Bürde: Sie ertrinken in Hausarbeit. Selbst wenn sie spät abends erschöpft von der Geschäftsleitungssitzung nach Hause kehren, falten sie noch bis Mitternacht die Kleiderberge und legen den nächsten Kochwaschgang nach. Ich tat das nie. Und fühlte mich dabei wie ein Alien, denn ich habe stets deutlich weniger Haushaltsarbeit erledigt als meine Partner. Bis ich über einen amerikanischen Artikel stolperte. Seither weiss ich, warum dem so ist: Ich habe das Verhalten meines Vaters 1:1 kopiert – und damit fast jegliches Haushalten vermieden.

Patrizia Laeri
«Diese besonders bei Männern beliebte Taktik nennt sich: Weaponized Incompetence. Man(n) stellt sich absichtlich so ungeschickt an, dass die Partnerin nach und nach alles übernimmt.»

Diese besonders bei Männern beliebte Taktik nennt sich: Weaponized Incompetence, zu Deutsch strategische Inkompetenz. Man(n) stellt sich absichtlich so ungeschickt an, dass die Partnerin nach und nach alles übernimmt.

Beispiele aus meiner eigenen Täterinnenschaft gefällig?

  • Dreckiges Geschirr liegen und sich vermehren lassen
  • Die Spülmaschine, wenn überhaupt, maximal chaotisch einräumen
  • Waschmittel ins falsche Fach geben
  • Lieblingsstücke zu heiss waschen (enorm effektiv)
  • Schneidebrettchen mit dem Flüssigkeitsablauf nach unten verwenden
  • Sogar Wasser anbrennen lassen (das geht)

Genau so hat es mir mein Vater vorgelebt – bis die Partnerin, sprich meine Mutter, irgendwann lieber alles selbst erledigte, als es weiter mit anzusehen. Gerne stellen strategisch Unfähige Kinderbetreuung und Haushalt zudem so dar, als könnten Frauen das einfach «von Natur aus» besser.

Mittlerweile bin ich selbst alleinerziehende Mutter und kann es auf niemanden mehr abwälzen. Ich spüre am eigenen Leib, wie ungerecht es ist, wenn eine Person plötzlich alles allein stemmen muss.

Patrizia Laeri
«Gerne stellen strategisch Unfähige Kinderbetreuung und Haushalt zudem so dar, als könnten Frauen das einfach «von Natur aus» besser.»

Auch im Büro ein Klassiker

Die strategisch Inkompetenten stellen sich nicht nur zuhause absichtlich schusselig an. Sondern immer dann, wenn etwas Mühseliges anfällt – vor allem auch im Geschäft:

  • Firmen-Picknick? «Oje, wie genau geht Picknick, da bin ich leider gar nicht gut…»
  • Abschiedsgeschenk für den Kollegen? «Hach, ich habe einfach keine Ideen…»
  • Stand am Event aufbauen? «Besser nicht, ich habe zwei linke Hände…»

Die Folge: Auch im Job bleibt die mühselige, unsichtbare Arbeit an den Frauen hängen, weil die strategisch Inkompetenten geschickt passen. Und das hat einen Preis, der sich beziffern lässt. Die Verhaltensökonomin Lise Vesterlund hat mit ihrem Team untersucht, wer diese sogenannten «non-promotable tasks» übernimmt – Aufgaben, die dem Unternehmen nützen, aber der eigenen Karriere nicht. Ihr Fazit: Frauen leisten in manchen Firmen jährlich rund 200 Stunden mehr dieser nicht beförderungsrelevanten Arbeit als Männer – umgerechnet ein ganzer zusätzlicher Arbeitsmonat pro Jahr, der in keiner Beurteilung auftaucht. In ihren Experimenten wurden Frauen 44 Prozent häufiger gebeten (die Inkompetenten waren erfolgreich am Werk), solche Aufgaben zu übernehmen – und sagten 50 Prozent häufiger zu.

Patrizia Laeri
«Frauen leisten in manchen Firmen jährlich 200 Stunden mehr nicht beförderungsrelevante Arbeit – umgerechnet ein ganzer zusätzlicher Arbeitsmonat pro Jahr, der in keiner Beurteilung auftaucht.»

Hochgerechnet auf ein ganzes Frauenberufsleben raubt diese Weaponized Incompetence den Frauen also weit über ein Jahr ihres Erwerbslebens. Der private Schaden ist darin noch gar nicht eingerechnet.

Die Zahlen zuhause sind noch deutlicher

Wer glaubt, das sei ein amerikanisches Phänomen, wird von den eigenen Zahlen des Bundesamts für Statistik eines Besseren belehrt. 2024 leisteten Frauen in der Schweiz durchschnittlich 34,9 Stunden unbezahlte Arbeit pro Woche, Männer 22,8 Stunden – ein Abstand, der in den letzten 14 Jahren nicht kleiner, sondern grösser geworden ist. Frauen wenden im Schnitt 61 Prozent ihrer gesamten Arbeitszeit unbezahlt auf, bei Männern sind es 42 Prozent. Und in Haushalten mit einem Kind unter sechs Jahren wird die Lücke geradezu grotesk: Mütter leisten dort 61 Stunden unbezahlte Arbeit pro Woche, Väter 40 Stunden – bei praktisch identischem Gesamtpensum. 

Nicht immer bewusst – aber immer folgenreich

Nicht alle Unfähigen stellen sich absichtlich schusselig an. Vieles sind tief verwurzelte Muster, die über Generationen weitergegeben und uns vorgelebt werden, wie mir von meinem Vater. Trotzdem bleibt Weaponized Incompetence einer der Hauptverursacher der unfair verteilten unbezahlten Arbeit – und deshalb sollte sie überall beim Namen genannt werden. 

Es ist höchste Zeit, die strategisch Inkompetenten zu konfrontieren. Mit der Dreckwäsche in der einen und den Fakten in der anderen Hand.

Veröffentlicht: 6. Juli 2026