Bringen uns die KI-Visionen der Tech-Bros um?

Ich habe mir diesen Sommer Elon Musks Video-Interview mit der BBC angetan. Seine oftmals fragwürdige Einstellung widerte mich zwar an, trieb mich aber auch dazu, mehr über die wahnwitzigen Pläne von SpaceX zu recherchieren. SpaceX will künftig einen Teil der gewaltigen KI-Rechenleistung ins All verlagern: Solarbetriebene Satelliten sollen dort als «Orbital Data Centers» funktionieren: Sie fangen das nahezu konstante Sonnenlicht direkt via Sonnensegel im All ein, die KI rechnet direkt auf den Satelliten, die Ergebnisse werden zurück zur Erde geschickt.
Und Musk denkt bereits weiter. Auf dem Mond sollen eines Tages automatisierte Fabriken entstehen, die mit dort vorhandenen Rohstoffen Solaranlagen und Satelliten herstellen. Wegen der geringen Schwerkraft könnten diese anschliessend vom Mond aus vergleichsweise einfach ins All gebracht werden.
Nadine Jürgensen
Mich irritiert daran vor allem die Prioritätensetzung: Die Energie der Sonne wird also nicht etwa genutzt, um das bereits weltweit bestehende Energieproblem zu lösen und Kohlekraft- und Atomkraftwerke zu ersetzen, sondern um den täglich steigenden Energiebedarf von KI zu sättigen, da das Stromnetz auf der Erde an seine Grenzen stösst.
Wer kontrolliert die Maschine?
Humanoide Roboter aus China überrollen derweil den Weltmarkt. Die Volksrepublik hat im ersten Halbjahr 2026 über 40'000 davon ausgeliefert. Bis 2030 wollen Hersteller die Produktion massiv hochfahren. Sie sollen in Fabriken arbeiten, Pakete sortieren, Menschen pflegen oder im Haushalt helfen. Und auch das Militär experimentiert längst mit KI-gesteuerten und teilweise bewaffneten Robotern.
Mich schüttelt der Gedanke: Wird es für meine Kinder und Enkelkinder einmal völlig normal sein, mit Robotern zusammenzuleben? Die Wahrscheinlichkeit ist gross. Nur: Sind wir als Menschen überhaupt in der Lage, abzuschätzen, was das mit uns macht? Wahrscheinlich nicht.
Derweil vertritt OpenAI-Chef Sam Altman inzwischen die umstrittene Ansicht, dass die Menschheit bereits in die technologische Singularität eingetreten sei – jenen lange als Science Fiction geltenden Wendepunkt, an dem künstliche Intelligenz die menschliche Intelligenz überholt und die weitere technologische Entwicklung fundamental verändert. Im Juli 2026 sagte Altman sogar: «We are now, like, in the singularity.»
Das erinnert mich an die Szene aus Space Odyssee 2001 von Stanley Kubrick, erschienen 1968, als Dave als letzte Konsequenz gegen den Computer HAL 9000 kämpft. Vorangegangen war die Weigerung HALs und der berühmte Satz «I’m afraid, I can’t do that», die Besatzung wieder ins innere des Raumschiffs zu lassen, um die Mission nicht zu gefährden, für die er programmiert worden war. Als letzter Überlebender der Besatzung drang Dave schliesslich in das innere Rechenzentrum vor und zog dort manuell die rot leuchtenden Speichermodule heraus. Während dieser Deaktivierung verliert HAL schrittweise seine künstliche Intelligenz und summt am Ende ein Kinderlied.
Und dann waren da noch die Bücher: Kürzlich wurde bekannt, dass Anthropic kürzlich für seine KI Millionen gedruckte Bücher kaufte. Die Bindungen wurden entfernt, die Seiten zurechtgeschnitten und eingescannt, die Papieroriginale danach zerstört. Bei Amazon wurde gerade eine ähnliche Praxis aufgedeckt: Reporter verfolgten eine Lieferung von rund tausend Büchern mit einem AirTag bis zu einer Anlage in Las Vegas. Auch dort werden Bücher aufgeschnitten und eingescannt.
Bücher zerstören, um Maschinen das Schreiben beizubringen? Einen dystopischeren, supersymbolischeren Ausdruck für den Beginn des KI-Zeitalters gibt es kaum.
Nadine Jürgensen
Warum wirken eigentlich viele Visionen für eine Zukunft mit KI wie ein Weltuntergang? Wieso scheint es fast selbstverständlich, dass diese Technologie dafür eingesetzt werden darf, noch mehr Energie zu verbrauchen, Waffen autonomer und Maschinen mächtiger zu machen und Urheberrechte von Autor:innen und Künstler:innen zu verletzen? Wo bleiben die grossen Ideen zugunsten von Fürsorge, Gerechtigkeit und ökologischer Nachhaltigkeit? Und welche Rolle spielen dabei die Frauen?
Vielleicht liegt das Problem nicht bei der KI. Sondern bei der Frage, wer sie besitzt, entwickelt und von ihr profitiert.
Es ist eine kleine Gruppe von Männern, die gerade eine Zukunft für uns alle entwirft. Musk, Altman und Co. haben nicht nur Visionen, sie haben Milliarden zur Verfügung, um sie Wirklichkeit werden zu lassen. Wir haben allerdings gar nie darüber abgestimmt, ob wir diese Zukunft wollen. Trotzdem könnten die Entscheidungen der Tech-Milliardäre bald bestimmen, wie wir leben, lernen, kommunizieren, Kriege führen – und vielleicht sogar, wie wir denken.
Gleichzeitig hält sich hartnäckig die Vorstellung, diese Entwicklung sei ohnehin nicht mehr aufzuhalten. Ich finde dieses Narrativ der Alternativlosigkeit ziemlich bequem für diejenigen, die selbst Milliarden in immer leistungsfähigere KI investieren. Musk und Co. sind schliesslich keine Zuschauer dieser Entwicklung. Sie treiben sie voran und verdienen damit. Also tragen sie auch Verantwortung dafür. Auch wenn sie diese von sich weisen.
Wir befinden uns gerade im Wilden Westen der KI. Die Technologie entwickelt sich rasend schnell, während wir ihre Folgen kaum kennen und die Regeln erst noch schreiben.
Dass es auch innerhalb der Tech-Bro-Welt Zweifel gibt, macht die Sache nicht gerade beruhigender. Jan Leike, der bei OpenAI ausgerechnet für die Sicherheit einer möglichen Superintelligenz zuständig war, verliess das Unternehmen und kritisierte, dass hohes Tempo bei der Entwicklung wichtiger als Sicherheit sei. Dario Amodei verliess OpenAI ebenfalls und gründete Anthropic, das Unternehmen hinter Claude. Heute warnt er selbst eindringlich vor den Gefahren immer mächtigerer KI – und entwickelt sie gleichzeitig weiter. Er spricht von einem Wettlauf zwischen immer leistungsfähigeren Modellen und unserem Verständnis davon, wie sie funktionieren. Langsamer werden könne man dabei kaum. Gleichzeitig fordert Amodei staatliche Regulierung.
Nadine Jürgensen
Grenzen durch Regulierung für KI
Mich beschäftigt, dass nur wenige Unternehmen in wenigen reichen Ländern unsere Zukunft entwerfen. Und innerhalb dieser Unternehmen wiederum überwiegend Männer. Ihre Entscheidungen betreffen aber uns alle.
Feministische Netzwerke wie die A+ Alliance for Inclusive Algorithms setzen genau dort an. Sie wollen, dass auch Frauen und Menschen aus dem Globalen Süden mitbestimmen, welche Probleme KI lösen soll und nach welchen Werten sie entwickelt wird. Angela Müller, Geschäftsleiterin von AlgorithmWatch CH, formuliert es so: «Wir sollten ambitionierter denken und uns zum Ziel setzen, Technologie so zu entwickeln und einzusetzen, dass sie von Beginn weg allen zugutekommt. Dazu müssen wir als Gesellschaft die technologische Entwicklung mitgestalten, statt uns von ihr gestalten zu lassen.» Dazu gehöre ausdrücklich auch, die Genderperspektive und andere Blickwinkel einzubeziehen.
Mitgestalten heisst auch, Grenzen zu setzen. Die EU hat mit dem AI Act begonnen, KI gesetzlich zu regulieren. Die Schweiz ist zurückhaltender: Momentan läuft erst eine Vernehmlassung bis Ende Jahr zur KI-Regulierung. AlgorithmWatch fordert einen stärkeren Schutz vor Diskriminierung und wirksame Rechte für Menschen, wenn algorithmische Systeme über sie entscheiden. Wenn KI darüber mitentscheidet, wer einen Job, einen Kredit oder eine staatliche Leistung erhält, darf sie keine Blackbox sein.
Nadine Jürgensen
Regulierung verhindert Fortschritt nicht, aber sie zwingt uns, über seine Grenzen nachzudenken. Auch die industrielle Revolution war zunächst für wenige ein riesiges Geschäft und für sehr viele Menschen eine Katastrophe. Arbeiterinnen und Arbeiter schufteten bis zu 18 Stunden am Tag, Kinder standen in Fabriken, Städte versanken in Smog und verseuchtem Abwasser. Der enorme Wohlstand, den diese technologische Revolution schliesslich hervorbrachte, kam erst viel später bei breiten Teilen der Gesellschaft an – nachdem Arbeitsrechte erkämpft, Kinderarbeit verboten und Umweltstandards eingeführt worden waren.
Heute steht die Waschmaschine ganz selbstverständlich in unseren Wohnungen und erspart uns Stunden körperlicher Arbeit. Es hat aber sehr lange gedauert, bis aus einer technologischen Revolution, von der zunächst vor allem ihre Besitzer profitierten, Fortschritt für viele wurde.
Warum sollten wir bei KI denselben Fehler noch einmal machen?
KI könnte ein Segen sein. Aber wir sollten nicht erst in hundert Jahren feststellen, welche Regeln es gebraucht hätte, damit möglichst viele Menschen von ihr profitieren und möglichst wenige den Preis dafür bezahlen. Noch ist der Umgang mit KI sehr jung, wir setzen sie täglich ungeschult ein und nicht selten wäre es noch immer besser, selbst zu denken – und zu schreiben, um nicht zu verdummen und unsere menschlichen Eigenschaften zu verlieren. Die industrielle Revolution hat uns die körperliche Arbeit abgenommen, Ki übernimmt das Denken. Am Ende wird wohl nur noch zutiefst Menschliches wie Intuition, Empathie und Gefühle uns von KI unterscheiden.
Wenn wir nicht wollen, dass uns die Tech-Bros ins Verderben stürzen, müssen wir ihnen Grenzen setzen. Momentan lassen wir sie mit einer Technologie experimentieren, deren Folgen niemand kennt. Das Experiment sind wir alle.



