
Der Preis von Social Media: Warum ein Verbot keine Lösung ist
«Weniger scrollen», lautet einer der für 2026. Meiner ist es auch.
Ende letzten Jahres ertappte ich mich wiederholt beim Scrollen auf TikTok oder Instagram. Ob an der Bushaltestelle, auf dem Sofa, in kurzen Pausen – meist beiläufig und ohne dass ich mir dessen bewusst war. Ein Blick auf meine Bildschirmzeit zeigte mir, dass auch ich Potenzial hätte, noch weniger auf den sozialen Medien zu konsumieren.
Die Zahlen lassen aufhorchen: Gemäss einer der Universität Zürich verbringen Schweizer:innen durchschnittlich im Internet, also fast ein Viertel des Tages. Junge Menschen zwischen 20 und 29 Jahren halten sich am meisten im Netz auf: stolze täglich. Selbst wenn sich ein Teil der Internetzeit etwa durch Homeoffice, Ausbildung und digitalisierte Alltagsaufgaben wie E-Banking oder Einkaufen erklären lässt, fällt auf: Die Schweizer Bevölkerung verbringt im Schnitt rund ihrer Freizeit online.
Amélie Galladé
Auch ich liess mich von der Neujahrseuphorie anstecken und fasste für 2026 einen Vorsatz: Pro Tag höchstens eine Viertelstunde in Feeds zwischen Katzenvideos und Tagesabläufen fremder Menschen zu verbringen.
Weniger Zeit auf Social-Media-Apps zu verbringen, fällt vielen schwer, weil die Unternehmen dahinter auf das Gegenteil abzielen. Expert:innen warnen, Eltern sind besorgt, und vielen ist inzwischen bewusst: Instagram, TikTok und dergleichen sind darauf ausgelegt, unsere Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden. Sie erscheinen gratis, doch wir zahlen einen hohen Preis; ihre Währung ist unsere Aufmerksamkeit.
Die Rechnung ist eigentlich simpel: Alles, wofür du dich entscheidest, kostet dich etwas anderes – auch wenn du dafür kein Geld ausgibst. Diese Kosten beschreibt man in den Wirtschaftswissenschaften als Opportunitätskosten.
In erster Linie bezahlen wir mit Zeit: Zeit am Bildschirm und Zeit, die im echten Leben fehlt, etwa für soziale Interaktionen oder für bewusste Erholung, wenn wir im Tram einfach mal aus dem Fenster schauen. Aber nicht nur, denn das Scrollen zahlt auch aufs Konto Aufmerksamkeit und Produktivität ein; bei Unterbrechungen durch Benachrichtigungen brauchen wir eine Wiederanlaufzeit. Hinzu kommt: Wer vor dem Zubettgehen ins Handy schaut oder gar beim Scrollen einschläft, erholt sich schlechter. Und nicht zu vergessen: höhere Konsumausgaben durch Impulskäufe. Shopping war noch nie so einfach. Auf Instagram genügt ein Swipe von der Werbung zwischen den Stories von Freund:innen, bis man in einem Onlineshop landet, und nach ein paar weiteren Klicks ist der Einkauf bereits erledigt.
Die Risiken sind bekannt, und trotzdem nutzt der 12- bis 19-Jährigen in der Schweiz mehrmals täglich Instagram und TikTok.
Amélie Galladé
Vor diesem Hintergrund leiten Politiker:innen die Notwendigkeit eines Social-Media-Verbots bis zu einem gewissen Alter ab, so etwa in mit dem strengsten Social-Media-Gesetz der Welt oder im , das ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige fordert. Auch Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider jüngst offen für ein solches Verbot für Kinder und Jugendliche in der Schweiz.
Ich teile das Anliegen, dass Kinder und Jugendliche im digitalen Raum besser geschützt werden sollten. Wer jedoch einer ganzen Altersgruppe per Gesetz die sozialen Medien verbieten will, verkennt die heutige Realität.
Nicht nur junge Menschen, sondern auch deren Eltern haben oftmals Mühe, einen gesunden Umgang mit den sozialen Medien zu finden, da auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Algorithmen deren Nutzung gezielt beeinflussen. Ein Verbot würde es verunmöglichen, ein Lernumfeld für Jugendliche zu schaffen, in dem sie sich, begleitet und in geschütztem Rahmen, einen kompetenten Umgang mit Social Media aneignen könnten. Auch Jugendliche oberhalb dieser Altersgrenze bräuchten weiterhin eine Begleitung durch Erwachsene, um sich diese Kompetenzen anzueignen. Nicht zuletzt ist der Umgang Jugendlicher mit sozialen Medien alters- und situationsabhängig. Entsprechend kommt der Schule bei der Vermittlung der im Lehrplan vorgesehenen Medienkompetenz eine zentrale Rolle zu. Darüber hinaus besteht in allen Altersgruppen Nachholbedarf bei der Förderung von Medienkompetenz. Die Entscheidung darüber, ab wann und in welchem Umfang Jugendliche soziale Medien nutzen, sollte dennoch ihren Eltern überlassen bleiben und nicht vom Staat vorgegeben werden.
Statt eines gesetzlichen Verbots erachte ich es für sinnvoller, dass die Politik Social-Media-Plattformen zu mehr Transparenz verpflichtet und gezielt Massnahmen zum besseren Schutz von Persönlichkeitsrechten im digitalen Raum prüft. Zudem ist die Förderung von Medienkompetenz für alle Generationen wichtig – sowohl für Kinder und Jugendliche selbst als auch für ihre Eltern und Lehrpersonen, die ebenfalls mit den neuen Technologien konfrontiert sind.
Amélie Galladé
Die Risiken der sozialen Medien sind unbestritten und dürfen nicht verharmlost werden. Dennoch stehen wir ihnen nicht tatenlos gegenüber, sondern tragen eine gewisse Eigenverantwortung im Umgang damit.
Das hilft mir, bei meinem Vorsatz zu bleiben, damit es nicht «New year, old me» heisst:
- 1Wissen ist Macht: Wer den Mechanismus kennt, fällt seltener darauf herein. Ich erinnere mich immer wieder an die Funktionsweise sozialer Medien und daran, wie ich sie zu meinem Vorteil nutzen kann.
- 2Benachrichtigungen für soziale Medien ausschalten.
- 3Neben Zeitlimits gibt es verschiedene Apps, die das Öffnen von Social-Media-Apps um einige Sekunden verzögern. Zum Fortfahren muss man ein paar Mal tief durchatmen oder sich selbst eine zeitliche Begrenzung fürs Scrollen setzen. Klingt mühsam, verhindert aber, dass der Daumen automatisch auf das Instagram-Icon wandert und man erst viel später bemerkt, wie viel Zeit vergangen ist.
- 4Geplante Scroll-Zeit: Wenn schon Doomscrolling, dann wenigstens selbstbestimmt.
- 5Vor dem Schlafengehen in einem Buch lesen.
- 6Handy aus, Pause an: andere Aktivitäten als Scrollen zum Abschalten vorsehen.
Amélie Galladé
Trotz aller Risiken sind Verteufelung und Verbot keine Lösung. Soziale Medien gehören zur Realität im Jahr 2026 – mit all ihren Widersprüchen. Sie schaffen Sichtbarkeit, demokratisieren Information und Meinungsäusserung und haben mit Content Creation neue Berufsfelder geschaffen. Sie halten mich über Landesgrenzen hinweg mit Familie und Freunden in Kontakt. Und manchmal sind sie genau das: eine Quelle von Inspiration und Motivation zum Engagement.
