
Der «unerklärliche» Gender Pay Gap einfach erklärt
Vorneweg: Eigentlich wollte ich an dieser Stelle über Epstein, Trump und den Feldzug der Tech-Oligarchen gegen Demokratie und Frauenrechte schreiben. Ich befinde mich in einem Teufelskreis aus wiederkehrender Fassungslosigkeit, rasendem Zorn und Momenten der Einsicht in ein grosses Ganzes, das ich schon lange gefühlt habe, aber nie so recht benennen konnte. Kurz: Ich beschäftige mich seit Wochen mit kaum etwas anderem.
Rosanna Grüter
Nun ist es so, dass ich normalerweise recht untalentiert darin bin, Dinge zu tun, die mir nicht unter den Nägeln brennen. Und trotzdem war ich erleichtert, als aus der ellexx Redaktion die Anfrage kam, ob ich nicht zum Equal Pay Day eine Kolumne über den Gender Pay Gap schreiben wolle.
Warum? Ganz einfach: Der Skandal um die Epstein Files ist zu gross geworden. Stand heute befinden sich meine Gedanken dazu in der Phase der Auslegeordnung und sind noch nicht sortiert genug, um im Rahmen einer Kolumne auf euch losgelassen zu werden. Für den Moment müssen wir darum mit meinen Ergüssen zum Thema Gender Pay Gap vorliebnehmen. Da weiss ich nämlich ganz genau, was ich denke. Aber erstmal zu den Fakten.
Der Ausdruck Gender Pay Gap beschreibt die statistisch signifikanten Lohnunterschiede, die zwischen den Geschlechtern bestehen. Global beträgt er um die 23 Prozent, in der Schweiz verdienen Frauen weniger als Männer – je nachdem, in welcher Branche sie tätig sind, wo auf der Karriereleiter sie stehen und was genau berechnet wird. Es gibt nämlich zwei verschiedene Werte, die unter dem Begriff subsumiert werden: .
Ersterer bezeichnet die Gesamtlohnlücke zwischen den Geschlechtern, inklusive die Effekte von Teilzeit, Branchenwahl, Hierarchiestufen, Erwerbsunterbrüchen und so weiter. Er gibt Aufschluss darüber, ob Männer ganz grundsätzlich mehr Geld zur Verfügung haben als Frauen. Das Gehalt der Putzfrau wird hier, simpel ausgedrückt, direkt mit demjenigen des CEO verglichen, ohne dass andere Faktoren als das Geschlecht mit einbezogen werden. Man spricht in diesem Zusammenhang auch vom «erklärten» Teil des Gender Pay Gaps.
Die zweite Masszahl, der bereinigte Gender Pay Gap, gibt Aufschluss über Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern, nachdem möglichst alle weiteren Einflussfaktoren statistisch kontrolliert und in die Rechnung mit einbezogen wurden. Dazu gehören Dinge wie Ausbildung, Alter, Beruf, Branche, Anforderungsniveau, Position, Arbeitserfahrung, Beschäftigungsgrad und so weiter. Um beim Beispiel von eben zu bleiben: Hier werden die Gehälter von männlichen und weiblichen CEOs verglichen, die gleich alt sind, die gleiche Ausbildung haben und in der gleichen Branche in ähnlichen Unternehmen tätig sind. Wenn sich diese Gehälter unterscheiden, spricht man vom «unerklärten» Anteil des Gender Pay Gap – wobei der Unterschied natürlich alles andere als ungeklärt ist, sondern ganz eindeutig mit dem Geschlecht zusammenhängt. Eine Einsicht, die im Ernstfall jedoch auch nichts hilft – dazu eine kurze Anekdote.
Rosanna Grüter
Es ist mir in meinem Leben einmal passiert, dass ich über jeglichen Zweifel erhaben wusste: Ich werde hier grad schlechter bezahlt, weil ich eine Frau bin. Folgendes war passiert: Ein männlicher Kollege mit dem gleichen Stellenbeschrieb wie ich, aber jünger, mit weniger Berufserfahrung und nur mit einem Bachelor-Diplom anstatt wie ich mit einem Master ausgerüstet, fand eines schönen Tages ein Lohnblatt im Drucker des Grossraumbüros. Er stellte fest, dass sein Gehalt für den gleichen Job fast 1000 Franken mehr im Monat betrug als meins, und fand dies so dermassen stossend, dass er diese Information an mich weitergab. Ich wiederum – erwachsen, woke, selbstbewusst – entschloss mich dazu, diese Ungerechtigkeit für einmal nicht auf mir sitzen zu lassen, sondern mich zu wehren. Schliesslich ist die Beweislage in Lohndiskriminierungsfällen selten so klar, und wenn wir immer schweigen, wird sich die Welt niemals ändern. Nicht wahr? Ich rief also Human Ressources und direkten Vorgesetzten zum feministischen Krisengespräch und legte alle meine Karten auf den Tisch.

Gebracht hat es herzlich wenig. Ich bekam kaum mehr Gehalt, dafür den kompletten Kanon hanebüchener Heucheleien in Bezug auf Lohndiskriminierung zu hören, von kategorischem Leugnen der Fakten über den Vorwurf, dass ich gar nicht über diese Informationen verfügen dürfe, bis hin zur Aussage, dass ich schlicht schlechter sei in meinem Job.
Einige Monate später kündigte nicht nur ich, sondern auch die HR-Verantwortliche. Aus ähnlichen Gründen, wie ich später erfuhr: Auch sie hatte das Gefühl, man habe ihr nur die Wahl zwischen Job und Selbstachtung gelassen.
Rückblickend war das Lehrreichste an dieser Geschichte nicht die Zahl auf dem Lohnblatt, sondern meine Überraschung darüber, wie wenig sie bedeutete. Ich hatte recht. Ich konnte es belegen. Und trotzdem blieb alles beim Alten.
Der sogenannte unerklärte Gender Pay Gap heisst nicht so, weil seine Ursache im Dunkeln läge. Er heisst so, weil wir uns daran gewöhnt haben, ihn nicht zu Ende zu denken. Denn sobald man das tut, landet man nicht bei Leistung oder Verhandlungsgeschick, sondern bei Macht – und bei der Frage, was Wissen in Systemen wert ist, die kein Interesse daran haben, sich selbst zu korrigieren.
Rosanna Grüter
Während ich diesen Text schreibe, fällt mir auf, dass ich unbewusst vielleicht doch zum Teil auch über die Epstein Files geschrieben habe. Nicht über die Taten an sich, sondern über das vertraute Gefühl, das sie auslösen: dieses kurze Aufblitzen von Klarheit, gefolgt von der ernüchternden Erkenntnis, dass Offenlegung nicht automatisch Folgen hat. Dass es offenbar Dinge gibt, die man wissen darf, ohne dass daraus Konsequenzen abgeleitet werden müssten.
Der Gender Pay Gap ist deshalb weniger eine Lohnlücke als ein Symptom. Er zeigt, wie routiniert wir darin geworden sind, Ungleichheit zu dokumentieren, zu benennen und zu kontextualisieren – ohne sie zu beenden.
Der Equal Pay Day erinnert uns jedes Jahr daran, wie präzise wir inzwischen messen können, was schiefläuft. Und wie wenig das allein offenbar ausreicht.



