
Ist KI das Ende der Einstiegsjobs?
PowerPoint-Slides formatieren, Texte zusammenfassen, Briefings erstellen, Dokumente sortieren: Mit solchen Aufgaben bin ich ins Berufsleben eingestiegen.
Berufseinsteigende übernehmen oftmals einfachere Routinearbeiten. Sie erhalten einen tieferen Lohn, werden aber im Gegenzug ausgebildet und gefördert und können Erfahrungen sammeln. Das schien ein bewährter Deal zu sein, um der nächsten Generation den Weg in den Arbeitsmarkt zu ebnen.
Medienberichte, vor allem aus den USA, schlagen nun aber alarmierende Töne an: Die Arbeitslosigkeit junger Menschen, die kürzlich ihren College-Abschluss absolviert haben, lag im Februar 2026 deutlich über der Gesamtarbeitslosigkeit. In einem aufgrund der unsicheren wirtschaftlichen Lage angespannten Arbeitsmarkt haben College-Absolvent:innen zunehmend Schwierigkeiten, in der Arbeitswelt Fuss zu fassen. Etwa müssen sie das CV für die KI-Vorauswahl in Bewerbungsprozessen optimieren, um nicht aussortiert zu werden. Arbeitgebende besetzen Einstiegsjobs eher mit Personen, die bereits einige Jahre Berufserfahrung mitbringen, oder streichen sie gänzlich. Bricht die erste Sprosse der Karriereleiter weg, wird der Berufseinstieg zum Kraftakt. Ausgerechnet jene Aufgaben, die jungen Menschen erlaubt hatten, sich hochzuarbeiten, übernimmt nun generative künstliche Intelligenz (GenAI) wie ChatGPT, Gemini oder Claude.
Amélie Gallade
Wie stark das Angebot an Einstiegsstellen zurückgegangen ist und inwiefern KI tatsächlich der Grund dafür ist, variiert stark je nach Land und Auswertung. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen.
Im April 2025 wurden weltweit 29 Prozent weniger Einstiegsjobs ausgeschrieben als noch im Januar 2024. Das zeigt eine viel zitierte Analyse von 126 Millionen Stellenausschreibungen, durchgeführt vom Personaldienstleister «Randstad». Jobangebote für Berufserfahrene blieben hingegen stabil oder stiegen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass bekanntlich nicht jede ausgeschriebene Stelle tatsächlich besetzt wird.

Diese Entwicklung ist auch in den USA messbar: Jobausschreibungen für Junior-Positionen sind gemäss Angaben der Jobbörse «Indeed» im August 2025 im Vergleich zum Vorjahr um sieben Prozent zurückgegangen. Inserate für Senior-Jobs sind hingegen in der gleichen Zeit um vier Prozent angestiegen – aber nicht auf Kosten der Einstiegsstellen, wie man vermuten könnte. Im grösseren Bild zeigt sich, dass insgesamt weniger Personal eingestellt wird. Während die Karriere-Pipeline im Verkauf oder im Banking funktioniert, ist es etwa im Tech-Bereich anspruchsvoller geworden, die erste Karrieresprosse zu erklimmen, da vor allem Berufserfahrene gefragt sind.
Auch in Deutschland ist der Anteil der ausgeschriebenen Junior-Stellen seit 2023 stärker als der Gesamtmarkt gesunken – im ersten Quartal 2025 um 45 Prozent unter den Fünfjahresdurchschnitt, wie eine Analyse der Jobbörse «Stepstone» zeigt.
Hingegen zeigt sich in der Schweiz ein gegenläufiger Trend zu den Zahlen aus Deutschland, den USA und weltweit: Nach 2020 wurde ein überdurchschnittlicher Anstieg von Einstiegsstellen verzeichnet, wie das Monitoring von über einer Million Schweizer Stelleninseraten durch die Adecco Group und die Universität Zürich zeigt.
Seit sich der Schweizer Arbeitsmarkt relativ schnell von der Coronapandemie erholt hat, haben Berufseinsteigende in der Schweiz also bessere Chancen denn je – zumindest in gewissen Branchen und Regionen. Besonders zum Anstieg der offenen Einstiegsstellen beigetragen haben Gesundheitsberufe wie Ärzt:innen und Pflegefachkräfte, also jene mit akutem Fachkräftemangel.
Amélie Gallade
Ein sicherer Wert
Wer in der Gesundheit oder im Handwerk arbeitet, ist weniger betroffen von neuen KI-Technologien und profitiert sogar, da KI-Tools vermehrt unterstützen können. Im Jahr 2024 zählten Handwerksberufe zu den Berufsgruppen mit dem geringsten Rückgang der Stelleninserate, während im Vergleich zum Vorjahr insgesamt 10 Prozent weniger Jobinserate ausgeschrieben waren.
GenAI ist jung, aber schon weit verbreitet, und hinterlässt deshalb auf dem Arbeitsmarkt in gewissen Branchen bereits deutliche Spuren. Stellenanzeigen für Einstiegsjobs in Büro- und Verwaltungsberufen haben in der Schweiz bis 2022 zugenommen. Seither sind sie im Durchschnitt um 17,4 Prozent pro Jahr zurückgegangen. Das ist kein Zufall: 2022 erschien der erste kostenlose Prototyp von ChatGPT, worauf die breite Masse GenAI in Windeseile anwandte.
Amélie Gallade
Dass in gewissen Branchen deutlich weniger Einstiegsstellen angeboten werden, auch wegen KI, ist mehr als nur ein Problem für Berufseinsteigende: Bricht die erste Sprosse der Karriereleiter weg, fehlt einer ganzen Branche der Nachwuchs. Dabei hat technologischer Wandel in der Vergangenheit stets bestehende Berufsbilder verändert und neue Jobs geschaffen. Doch das Tempo, in dem sich GenAI weiterentwickelt und den Arbeitsmarkt erschüttert, ist enorm, und das verunsichert.
Was können Berufseinsteigende meiner Generation tun, um in Zeiten von KI auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen?
Zeitungen und Blogbeiträge nennen unzählige Ratschläge, wie Berufseinsteigende sich auf den Einfluss von KI auf den Arbeitsmarkt vorbereiten sollen. In den vergangenen Jahren habe ich dazu zahlreiche Gespräche geführt mit Personen, die mit KI-Produkten arbeiten oder auf dem Gebiet forschen. Folgende Tipps wurden vielfach genannt:
- Eigeninitiative zeigen und Erfahrung sammeln – auch wenn es nicht einfacher wird. Neben klassischen Praktika auch in Nebenjobs, Schulprojekten oder Freiwilligenarbeit.
- In das investieren, was KI (noch) nicht kann und immer gefragt sein wird: Soft Skills, Empathie, Kreativität, Urteilsvermögen und ein Verständnis für die grösseren Zusammenhänge.
- Struktur- und Datenkompetenz aufbauen: Dazu muss man nicht programmieren lernen, aber verstehen, wie Daten funktionieren, sie einordnen und Probleme strukturieren können.
- KI als Werkzeug nutzen: Mit KI zu arbeiten lernen, um Routinearbeiten schneller zu erledigen und damit mehr Zeit für komplexere Aufgaben zu haben.
- Breit aufstellen: In verschiedenen Bereichen Wissen und Know-how aufbauen, um interdisziplinär denken zu können.
- Neugierig sein und offen bleiben, ein Leben lang dazuzulernen.
Die erste Sprosse umbauen statt absägen
Kurzfristig kann es für Unternehmen kostensparend sein, etwa für einfache administrative Tätigkeiten, die bisher eine Praktikantin erledigt hat, eine KI beizuziehen. Ein KI-Modell ist 24/7 einsatzbereit, braucht weder Betreuung noch einen Arbeitsplatz, bezieht weder Lohn noch Ferien und fällt nicht aus.
Nach dieser Logik würde die erste Sprosse der Karriereleiter in gewissen Branchen komplett wegbrechen.
Um in der Arbeitswelt Fuss zu fassen, braucht es aber Einstiegsjobs, in denen junge Menschen lernen, wie eine Branche funktioniert und die Erfahrung sammeln können. An der Nachwuchssicherung sollten deshalb auch Unternehmer:innen ein grosses Interesse haben.
Amélie Gallade
Statt Praktika und Junior-Positionen durch Berufserfahrene mit KI-Unterstützung zu ersetzen, sollten neue Technologien genutzt werden, um Einstiegsjobs aufzuwerten. Wenn KI-Modelle Routineaufgaben übernehmen, gewinnen Berufseinsteigende Zeit für anspruchsvollere Aufgaben und Lernmöglichkeiten. Vieles von dem, was ich als Praktikantin zusammengefasst, sortiert und formatiert habe, hätte eine KI wohl schneller erledigt – und ich hätte die gewonnene Zeit nutzen können, um bei den nächsten Arbeitsschritten mitzuwirken und weiterzudenken. In Berufen, die von KI profitieren, könnten Juniors dank KI vielleicht sogar rascher aufsteigen als frühere Generationen.
Doch die Grundvoraussetzung bleibt: Eine Leiter bringt nur etwas, wenn man sie auch über die erste Sprosse erklimmen kann.
