Was, wenn ein Job dich nicht absichert – sondern abhängig macht?

Die klassische berufliche Karriere hielt sich lange an einfache Regeln: Wer loyal arbeitet, wird belohnt. Wer bleibt, steigt auf. Wer performt, ist sicher. Doch diese Gleichung geht immer seltener auf.
In einer Wirtschaft, die von Restrukturierungen, Plattformarbeit und beschleunigter Digitalisierung geprägt ist, verliert das klassische Modell der linearen Karriere an Sicherheit. Bereits mehr als ein Drittel der Arbeitnehmer:innen glaubt nicht mehr an eine traditionelle Laufbahn, zeigt der Randstad Workmonitor 2026 auf. Bei den Arbeitgeber:innen sind es gar 72 Prozent. Immer mehr Menschen entscheiden sich deshalb bewusst für ein Berufsleben mit mehreren Rollen.
Müssen sich nun alle zu Alleskönnerinnen entwickeln? Nein. Die Portfolio-Karriere verfolgt hier einen anderen Ansatz.
Was ist eine Portfolio-Karriere?
Während meines CAS in Positiver Psychologie an der Universität Zürich habe ich Portfolio Karrieren vertieft untersucht. Bereits 1994 definierte Charles Handy dieses Konzept als eine Karriereform, in der Menschen mehrere berufliche Rollen parallel ausüben.
Ich habe diese Definition weiterentwickelt und präzisiert: Eine Portfolio Karriere liegt dann vor, wenn unterschiedliche Rollen in verschiedenen Kontexten oder mit verschiedenen Fähigkeiten kombiniert werden. Dabei ist in diesem Schritt die Geschäftsform, ob selbständig, angestellt oder mit eigener Firma, zweitrangig.
Andreia Fernandes
Es geht darum Stärken zu stärken. Das Konzept stammt zwar ursprünglich aus der Management-Literatur der neunziger Jahre, doch erst jetzt wird es zum Trend: Eine Portfolio-Karriere bedeutet, dass eine Person mehrere berufliche Rollen gleichzeitig wahrnimmt – eine Teilzeitangestellte ist beispielsweise auch Beraterin, Lehrerin, Projektleiterin, Gründerin oder Investorin.
Die Menschen arbeiten oft projektbasiert, flexibel und in verschiedenen Bereichen. Manchmal kommerziell, manchmal ehrenamtlich. Manchmal operativ, manchmal strategisch. Gemeinsam ist ihnen: Sie werden bewusst kuratiert – wie ein Portfolio eben.
Besonders wichtig: Diese Art von New Work ist in der Praxis nichts anderes als «old work» – einfach besser strukturiert und auf die individuellen Bedürfnisse (der Frauen) angepasst. Nicht als Notlösung, sondern als strategischer Schritt.
Andreia Fernandes
Warum das gerade für Frauen entscheidend ist
Gemäss den Statistiker:innen des Bundes hat jede 10. Frau bereits mehrere Jobs. Das stellt viele auch vor Herausforderungen, etwa Altersvorsorge oder Krankentaggeldversicherung. Hier gilt es individuell, je nach Modell hinzuschauen, etwa:
- Hast du zwei Anstellungsverhältnisse und musst sicherstellen, dass der Koordinationsabzug an beiden Orten berücksichtigt wird?
- Hast du eine Mischform mit Selbständigkeit und Anstellung und musst dort eine Kombination aus PK und 3. Säule wählen?
- Gründest du eine GmbH, stellst dich dort an und lässt darüber sämtliche Portfolio-Aktivitäten laufen?
- Bist du global unterwegs und brauchst eine ganz andere Art der Vorsorge?
Ist diese Basis geklärt, kann dieser Ansatz gerade für Frauen eine Chance und besonders wirkungsvoll sein. Lohnunterschiede, Erwerbsunterbrüche durch Care-Arbeit oder strukturelle Barrieren in Organisationen lassen sich nicht allein mit guter Leistung kompensieren. Mehrere Einkommensströme verschieben Machtverhältnisse – und erweitern unseren Handlungsspielraum.
Andreia Fernandes
Das eine tun und das andere nicht lassen
«Ich habe Angst, dass mich keine Firma mehr einstellt, wenn ich mehrere Jobs in meinem Profil habe.» Dieser Satz begegnet mir in Coachings häufig. Geäussert von hochqualifizierten Frauen, Managerinnen mit beeindruckenden Lebensläufen – und gleichzeitig mit einer erstaunlichen Abhängigkeit von einer einzigen Einkommensquelle.
Eine Kundin brachte es kürzlich auf den Punkt: «Wenn mein Job morgen weg wäre, hätte ich zwar Ideen. Aber keine Ahnung wo anfangen. Kein System.» Genau hier setzt die Portfolio Karriere an.
In meinen Programmen sehe ich immer wieder, wie sich dieser Perspektivenwechsel anfühlt: weg vom Warten auf die nächste Beförderung, hin zur aktiven Gestaltung des eigenen Marktwerts. Wer beginnt, die eigenen Kompetenzen systematisch zu analysieren, entdeckt oft brachliegende Potenziale. Fachwissen, strategisches Denken, Didaktik, Moderation, Netzwerkkompetenz – vieles davon lässt sich in neue Rollen übersetzen, ohne den bestehenden Job sofort aufzugeben.
Andreia Fernandes
Wie werde ich beruflich unabhängiger?
«Indem du langsam deine Identität von deinem einen Jobtitel löst, wirst du auch mental unabhängiger.» So brachte es eine Kursteilnehmerin kürzlich auf den Punkt. Der Aufbau einer Portfolio Karriere ist kein Sprung ins Ungewisse, sondern ein Prozess. Er ist auch kein Sprint, sondern ein Marathon, wobei der Weg das eigentliche Ziel ist.
Er beginnt mit einer ehrlichen Standortbestimmung:
- Wie abhängig bin ich heute von einer einzigen Organisation, einem Titel?
- Welche weiteren meiner Fähigkeiten sind marktfähig?
- Wo könnte ein erstes zusätzliches Mandat entstehen?
- Was erlebe ich heute bei der Arbeit, das ich nicht mehr möchte?
Danach folgen Experimente in kleinem Rahmen: ein Pilotprojekt, ein Workshop, ein digitales Angebot. Schritt für Schritt entsteht daraus ein stabileres Gesamtsystem. Life Design im Ikigai-Stil, mit klarer Struktur.

Die neue Realität: Mehr als ein Standbein
Mehrere Einkommensströme schaffen Optionen für spätere Lebensphasen – oder für eine anstehende Mutterschaft, Trennung oder Scheidung.
Ich habe dank meiner eigenen Portfolio Karriere schon Zeiten wie Covid oder eine persönliche Trennung finanziell unabhängig überstanden. Was mich dabei immer wieder beeindruckt: Mit jedem zusätzlichen Standbein verändert sich nicht nur das Einkommen, sondern auch die innere Haltung. «Portfolio Careerists» treten selbstbewusster auf, verhandeln anders, treffen mutigere Entscheidungen. Finanzielle Unabhängigkeit ist nicht nur eine Zahl auf dem Konto – sie ist ein psychologischer Zustand.
Wer unabhängig sein will, muss wissen,, wo Abhängigkeiten herrschen. Etwa zu wissen, für welches Modell der beruflichen Vorsorge man sich entscheidet - ein Arbeitgeber oder eine eigene Firma mit Pensionskasse, Selbständigkeit mit Säule 3a oder ein weiteres Modell, welches wir im Programm aufzeigen.
Das neue Selbst und ständig?
Portfolio Karrieren erfordern zweifellos viel Flexibilität. Was macht das mit einem, wenn Menschen dauerflexibel sein müssen? Man ist gezwungen, sich für das zu entscheiden, was einem wirklich wichtig ist. Und wie in der linearen Karriere kommt es dabei manchmal zu Rückschlägen - so musste ich dieses Jahr die Teilnahme an einer spannenden Konferenz in Dublin absagen, da mir für genau die Tage die Kinderbetreuung fehlt.
Was unterscheidet die Portfolio-Karriere denn von der guten alten Selbständigkeit? Die Form - eine Portfolio-Karriere kann ein Mix aus Selbständigkeit und Anstellung sein. Wichtig ist, wie oben erklärt - dass man sich einen klaren Plan zurechtlegt.
Portfolio Karrieren sind auch kein Gegenmodell zu Organisationen, sondern ein erweitertes Karriereverständnis. Sie ermöglichen es, gläserne Decken nicht nur zu durchbrechen, sondern strukturell irrelevant zu machen. Die Zukunft der Arbeit ist plural, hybrid und selbstbestimmt. Wer heute beginnt, eine Portfolio Karriere strategisch aufzubauen, investiert nicht nur in Einnahmen, sondern in Freiheit, Resilienz und Gestaltungsfähigkeit. Und vielleicht auch genau in dieses Gefühl, das mir eine Teilnehmerin nach Abschluss ihres Programms beschrieben hat: «Zum ersten Mal habe ich nicht mehr nur einen Job. Ich habe ein System und eine klare Roadmap, die meinen Werten und Purpose entspricht. Keinen strikten Plan, aber flexible Optionen.»
Es geht darum, die ganz eigene Definition von Erfolg zu finden.
Andreia Fernandes hat sich vor über zwölf Jahren ihre eigene Portfolio Karriere aufgebaut. Heute arbeitet sie als Strategie- und Team-Facilitatorin, Dozentin, Executive Coach und Unternehmerin in verschiedenen Geschäftsfeldern. Mit ihrem Portfolio Karriere-Programm unterstützt sie Menschen dabei, eine eigene Definition von Erfolg zu entwickeln und finanzielle Selbstbestimmung systematisch aufzubauen. Ihre Portfolio Karriere hat sie durch Mutterschaft, die Covid-Zeit und eine private Trennung getragen – und steht exemplarisch für ein bewusst gestaltetes, resilientes und finanziell tragfähiges Berufsmodell.



