
Fällt es dir leicht, deine kreative Arbeit zu bepreisen, Liliana Lafranchi?
Hintergrund
- Alter: 43
- Kinder: keine
- Beruf: Musik- und Gesangslehrerin, Fotografin
- Einkommen: Unregelmässig, ca. 120’000 CHF pro Jahr aus beiden Berufen
- Schulden: Keine
- Grösster Ausgabeposten: Miete und Steuern
- Vermögen: ETFs, Aktien
Wie bist du mit dem Thema Geld aufgewachsen?
Ich bin mit zwei Geschwistern aufgewachsen. Mein Vater war Alleinverdiener und hatte eigentlich einen guten Lohn, aber bei uns hiess es immer: «Wir müssen aufs Geld schauen.» Wir hatten alles, was wir brauchten – aber wenn ich mir etwas gewünscht habe, kam oft: «Ihr seid drei Kinder, das können wir uns nicht leisten.» Rückblickend hatten wir genug. Aber als Kind hatte ich oft das Gefühl, andere hätten mehr.
Hat dich das geprägt?
Ja, sehr. Geld war für mich lange mit Angst verbunden. Dieses Gefühl, dass Geld knapp ist und nicht für alle reicht. Gleichzeitig sind meine Eltern sehr bescheiden. Sie wollten nie zu viel besitzen. Ich bin mit dem Glaubenssatz aufgewachsen, dass zu viel zu haben nicht gut ist. Das hat mein Verhältnis zu Geld sicher beeinflusst.
Erinnerst du dich an deinen ersten verdienten Franken?
Ja, ich habe mit 15 als Kellnerin gearbeitet – für 11 Franken pro Stunde. Es war kein besonders toller Job, ich war noch im Gymnasium. Aber ich habe dort gelernt: Geld fällt nicht einfach vom Himmel.
Liliana Lafranchi
Heute hast du mehrere Jobs. Wie ist es dazu gekommen?
Nach meinem Musikstudium war es sehr schwierig, eine feste Stelle zu finden. Als Instrumental- oder Gesangslehrerin sind die Pensums am Anfang oft sehr klein, deshalb muss man sich mehrere Teilzeitstellen zusammensuchen.
Wie sah dein Arbeitsalltag damals konkret aus?
In den ersten Jahren habe ich zu sehr niedrigen Prozenten gearbeitet, etwa zehn Prozent pro Schule – und das in drei verschiedenen Kantonen. Das war finanziell und organisatorisch eine anstrengende Situation, und ich war oft wegen meiner finanziellen Lage besorgt.
Wie bist du mit dieser Unsicherheit umgegangen?
Ich habe mich entschieden, noch einmal zu studieren und einen zweiten Master zu machen. Damit konnte ich auch Musik in Klassen unterrichten und mir schliesslich eine stabilere Stelle aufbauen. Heute arbeite ich nur noch an einer Schule in einem 80 Prozent Pensum als Gesangs- und Musiklehrerin.
Parallel dazu hast du dir noch ein zweites Standbein aufgebaut. Wie kam die Fotografie dazu?
Die Fotografie hat mich schon lange fasziniert. Gleichzeitig haben mich die finanziell unsicheren Jahre am Anfang meiner Karriere stark geprägt. Vielleicht habe ich deshalb bis heute das Bedürfnis, mehrere berufliche Standbeine zu haben. Mit meinen zwei Jobs arbeite ich insgesamt deutlich mehr als 100 Prozent. Ich habe keine Kinder – die Fotografie ist für mich sozusagen mein «Baby».
Ganz auf die Fotografie zu setzen, kommt für dich also nicht in Frage?
Nein, ich mag meinen Lehrerinnenberuf sehr, und die Kombination der beiden Berufe finde ich spannend. Ich profitiere von zwei Welten: Auf der einen Seite habe ich eine stabile, sichere und regelmässige Arbeit. Gleichzeitig brauche ich aber auch das Gegenteil – Abenteuer, neue Projekte und Abwechslung. Das gibt mir die Fotografie.
Als Fotografin weiss ich allerdings nie genau, wie viele Aufträge kommen. Ausserdem steckt im Hintergrund sehr viel Arbeit – Marketing, Administration und Kundenakquise. Das kann schon stressig sein.
Liliana Lafranchi
War Fotografie schon immer deine Leidenschaft oder wie bist du dazu gekommen?
Eigentlich nicht, als Kind hatte ich keine Kamera. Aber ich habe Bilder immer geliebt, ich habe Postkarten gesammelt. 2018 habe ich aus Leidenschaft einen Food Blog gestartet, danach Fotokurse gemacht und schon 2019 meine Website aufgebaut.
Also ziemlich schnell ein Business daraus gemacht?
Ja. Zuerst habe ich gratis gearbeitet, um ein Portfolio aufzubauen. Irgendwann konnte ich anfangen, Geld zu verlangen.
Du hast mit Food-Fotografie begonnen, heute bist du aber breiter aufgestellt. Wie kam es dazu?
Ich habe mit Food-Fotografie begonnen, weil ich in einem Kurs darauf spezialisiert war und Food-Fotografie auch eine grosse Leidenschaft für mich ist. Allerdings war es schwierig, neue Kund:innen zu finden. Restaurants anzuschreiben funktioniert nur begrenzt, viele antworten gar nicht.
Deshalb hast du dein Angebot erweitert?
Genau. Heute mache ich auch Branding- und Eventfotografie. Eigentlich heisst es ja immer, man soll sich auf eine Nische konzentrieren. Aber ich mache aktuell bewusst verschiedene Dinge, weil ich vieles gerne mache.

Fällt es dir leicht, deine kreative Arbeit zu bepreisen?
Nein, überhaupt nicht. Meinen eigenen Wert in eine Zahl zu übersetzen, fällt mir schwer. Hinter einem Fotografie-Business steckt so viel versteckte und nicht kreative Arbeit, das macht es nicht einfacher.
Und was hilft dir dabei?
Der Austausch mit anderen Fotograf:innen: Vor kurzem habe ich meine Preise leicht erhöht. Eine Kollegin hat mich darin bestärkt, weil sie findet, dass ich mehr wert bin als meine bisherigen Preise. Jetzt bin ich gespannt, wie das ankommt.
Was unterschätzen Kund:innen an deiner Arbeit am meisten?
Der Aufwand vor und nach dem Shooting. Für drei Stunden Eventfotografie brauche ich oft nochmals drei bis sechs Stunden für Auswahl und Bearbeitung. Nach einer Hochzeit habe ich zum Beispiel bis zu 8000 Fotos, die ich sichten und sortieren muss. Und es gibt auch viel unbezahlte Arbeit: Telefonate, Mails, Abklärungen – manchmal ohne dass ein Auftrag zustande kommt.
Liliana Lafranchi
Für welche Aufträge geben Kund:innen am meisten Geld aus?
Für Hochzeiten, weil die oft auch bis zu acht Stunden dauern. Auch grössere kommerzielle Projekte lohnen sich, zum Beispiel wenn mich ein:e Kund:in mehrere Tage oder eine Woche bucht.
Verhandelst du deine Preise?
Nur bis zu einem gewissen Punkt. Ich habe zwar Paketpreise, aber jedes Projekt ist anders. Manche Kund:innen brauchen viele Fotos, aber wenig Zeit – bei anderen ist es umgekehrt. Früher habe ich auch öfter Spezialangebote gemacht, wenn Kund:innen viele Folgeaufträge versprochen haben.
Und hat das funktioniert?
Nicht immer. Manchmal haben sie danach einfach jemanden Billigeren gefunden. Da musste ich lernen, klare Grenzen zu setzen.
Liliana Lafranchi
Zahlst du dir aus deinem Fotografie-Business einen Lohn?
Mein Lehrerinnenlohn deckt meinen Alltag. Alles, was ich mit der Fotografie verdiene, investiere ich an der Börse. Das ist für mich wie ein Bonus.
Mega! Wie investierst du?
Hauptsächlich in ETFs. Am Anfang hatte ich auch Einzelaktien, aber heute investiere ich jeden Monat automatisiert. Sonst würde ich immer versuchen, den perfekten Zeitpunkt abzuwarten.
Und in dein Business? Was kostet so ein Kamera-Equipment?
Meine Ausrüstung kostet etwa 20’000 Franken. Für ein Business finde ich das gar nicht so viel. Wirklich teuer würde es erst mit einem eigenen Studio, aber das ist für mich aktuell zu viel Risiko.
Siehst du Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Fotograf:innen?
Es ist schwierig zu sagen, weil viele Fotograf:innen ihre Preise nicht öffentlich machen. Aber ich habe schon den Eindruck, dass Männer häufiger die grossen kommerziellen Projekte bekommen, während Frauen öfter hinter den Kulissen bei kleineren Aufträgen arbeiten. Ich glaube, das hat auch viel mit Selbstbewusstsein und Auftreten zu tun.
Was meinst du damit genau?
Man muss hinstehen und sagen können: «Ich bin professionelle Fotografin und stehe zu meinen Preisen.» Meiner Beobachtung nach fällt das Männern oft leichter – obwohl ich weiss, dass auch mein Wert stimmt.
Liliana Lafranchi
Was würdest du jungen Frauen sagen, die sich kreativ selbstständig machen wollen?
Mach es. Aber ich würde empfehlen, am Anfang ein sicheres Standbein zu behalten. Mehrere Einkommensquellen geben Sicherheit. Für mich war immer wichtig: Ich möchte finanziell unabhängig sein. Mein Mann ist nicht meine Versicherung.
Zum Schluss ein paar persönliche Fragen: Wofür gibst du gerne Geld aus?
Für Erlebnisse wie Reisen, Ausflüge oder gutes Essen.
Wenn Geld keine Rolle spielen würde – was würdest du anders machen?
Ich würde alles weglassen, was Stress verursacht. Und ich würde viel mehr Kurse besuchen und freiwillige Arbeit leisten.
Was hast du in deiner Karriere über Geld gelernt?
Dass Frauen mutiger auftreten müssen. Ich arbeite daran, meinen Wert klar und selbstbewusst zu kommunizieren, damit ich als Selbstständige die gleichen Chancen habe.


