Illustration der Kolumnistin Amélie Galladé
Illustration: Simone Züger

Der Finance Bro verdient eine Schwester

Der Zürcher Sales Guy ging viral und wurde über Nacht zum Meme. Unsere Kolumnistin geht der Frage nach, warum das bei einer «Woman in Finance» anders wäre – und was das über unser Frauenbild verrät.
Amélie Galladé

Zürich, Paradeplatz.

SRF-Reporter Donat Hofer spricht einen vorbeieilenden Mann an und will mit ihm über das Leben reden. Dieser nimmt den AirPod aus dem Ohr.

Auf die Frage, worum es in der Podcastfolge gehe, die er gerade höre, antwortet er:

«The Strait of Hormuz, AI, private credits. Everything that makes the markets go around. Right?»

Wer in den vergangenen Wochen auf Social Media unterwegs war, ist kaum am Clip des Zürcher Sales Guys in der SRF-Sendung «Donat auf Achse» vorbeigekommen. Ein eineinhalbminütiges Strasseninterview mit einem «chatsy» Anlageverkäufer, der «multiple Hundert» im Jahr verdient. Der Clip ging viral, wurde als Meme für Zürcher Stereotype gefeiert und unterhielt Hunderttausende, machte den Sales Guy aber zugleich zur Zielscheibe von Spott und Hass.

Die teils heftigen negativen Reaktionen auf den Interview-Clip sind unreflektiert. Dass der Clip inzwischen auch für Werbezwecke verwendet wird, erscheint mit Blick auf Persönlichkeitsrechte fragwürdig. Letztlich scheint er Denglisch sprechende ETF-Anlageberater vom Paradeplatz den bekannten Klischees über die Finanzbranche geradezu entsprungen. Business Casual, Sonnenbrille auf und AirPods im Ohr: Der Sales Guy bedient das klassische Bild des «Man in Finance».

«I’m looking for a man in finance. Trust Fund ...» Da war doch was!

Jener «Man in Finance», nach dem wir jungen Frauen uns im Sommer 2024 alle gesehnt haben – oder auch nicht.

Amélie Galladé
«Denken wir an Männer in der Finanzbranche, haben wir sofort ein Bild vor Augen, fast schon ein Stereotyp.»

Denken wir an Männer in der Finanzbranche, haben wir sofort ein Bild vor Augen, fast schon ein Stereotyp. Klischees sind etwa: Sie tragen Wildleder-Loafer und Daunenwesten, treten selbstbewusst auf, werfen mit Anglizismen um sich, verfügen über ein beachtliches Portfolio und sind am Sonntag auch mal auf dem Golfplatz anzutreffen oder gleich in St. Moritz. Was davon tatsächlich stimmt und ob es auf den Sales Guy zutrifft, sei dahingestellt. Wir wissen jedenfalls sofort, welches Bild gemeint ist.

Same Same, but Female?

Doch wer und wo ist sein weibliches Pendant, die «Woman in Finance»?

Da geriet ich ins Stocken. Ein passendes Gegenstück wollte mir nicht einfallen.

Und das liegt nicht an mir. Der Grund, warum es kein ebenbürtiges Bild einer «Finance Woman» gibt, ist in diesem Sinne simpel: Es gibt zu wenig Frauen, die in der Finanzbranche überhaupt sichtbar genug wären, um zum Klischee zu werden. Die Schweizer Bankbranche ist nach wie vor männlich dominiert, wie die Statistiken zeigen: 2024 waren nur 38,6 Prozent der Beschäftigten bei Schweizer Banken Frauen. Während sie im Nicht-Kader 46 Prozent der Beschäftigten ausmachen, sind es im obersten Kader gerade einmal 18 Prozent. An der Spitze bleibt die Branche also fast reine Männersache.

Amélie Galladé
«Der «Finance Bro» ist also nicht nur ein Klischee – er ist, Lohnzettel für Lohnzettel, auch ziemlich genau die Realität.»

Auch punkto Einkommen zeigt sich ein Gender Gap: In kaum einer anderen Branche klafft die Lohnschere so weit wie in der Finanzwelt. Im Kredit- und Versicherungsgewerbe verdienen Frauen unbereinigt 30,6 Prozent weniger als Männer. Der Lohnunterschied ist damit fast doppelt so hoch wie im Schnitt der Schweizer Privatwirtschaft. Auch beim Bonus, dem eigentlichen Statussymbol der Branche, bleiben Frauen aussen vor: In einer Untersuchung vorwiegend grösserer Schweizer Unternehmen zahlen diese Frauen im Schnitt 5,2 Prozent weniger Bonus als Männern. Der «Finance Bro» ist also nicht nur ein Klischee – er ist, Lohnzettel für Lohnzettel, auch ziemlich genau die Realität.

Zwischen «Finance Girl» und Eiskönigin

Bei meiner weiteren Recherche nach einem weiblichen Gegenstück stiess ich dann vor allem auf zwei Bilder. Zum einen ist auf TikTok das neue «Corporate Girl» oder «Finance Girl» präsent, mit Matcha, Pilates, Office-Outfit und Designerhandtasche. Und zum anderen hält sich das alte Bild der «eiskalten Karrierefrau» hartnäckig, die als kompetent und ehrgeizig gilt, der aber gleichzeitig Härte, Kälte und Unnahbarkeit zugeschrieben werden.

Der «Man in Finance» legt sein Geld an, die «Woman in Finance» gibt ihres für Pilates-Classes und Luxushandtaschen aus (und investiert es vielleicht in eine Birkin). Männer in Finance dürfen offenbar einfach Männer sein. Frauen werden entweder zu «Girls» oder zu eiskalten Karrierefrauen. Beides verfehlt ein ebenbürtiges weibliches Gegenstück zum «Man in Finance» gründlich.

Amélie Galladé
«Gerade weil uns ein ähnlich klar umrissenes Bild von Frauen in der Finanzbranche fehlt, würde eine Zürcher Sales Woman, die offen sagt, dass sie «multiple Hundert» verdient, wohl kaum viral gehen.»

Die Forschung zeigt: Memes funktionieren besonders gut, wenn wir sofort verstehen, worauf sie anspielen, und uns das dahinterliegende Bild bekannt vorkommt. Das Bild des «Man in Finance» kennen wir längst aus Klischees, Popkultur und Alltag. Daran knüpft das Sales-Guy-Meme an, und die Pointe entsteht fast von selbst.

Gerade weil uns ein ähnlich klar umrissenes Bild von Frauen in der Finanzbranche fehlt, würde eine Zürcher Sales Woman, die offen sagt, dass sie «multiple Hundert im Jahr» verdient, wohl kaum als Meme viral gehen.

Wider die Klischees im Kopf

Das werden auch einzelne Erfolgsgeschichten, die zeigen sollen, dass Frau es schaffen kann, nicht ändern und auch nicht der Rat an Frauen, bei der nächsten Lohnverhandlung einfach etwas härter zu verhandeln. Es braucht die Abkehr von der Vorstellung, Geld sei vor allem Männersache und Frauen in Finance seien entweder Mädchen oder Eisköniginnen. Sie sind Frauen in der Finanzbranche, Punkt.

Und damit mehr von ihnen dort nicht nur einsteigen, sondern auch im Beruf erfolgreich sein und sich weiterentwickeln können, braucht es handfeste Dinge: Zugang zu den Netzwerken, in denen Karrieren gemacht werden, transparente Lohn- und Beförderungsverfahren, Partner:innen und Systeme, die verhindern, dass Familie zum Karrierenachteil wird, Support statt Shaming von ambitionierten und talentierten Frauen sowie das Bewusstsein, dass gemischte Teams wirtschaftlich bessere Entscheidungen treffen. Und natürlich Frauen, die bereit sind, sich in männerdominierten Bereichen einzubringen. Aber es beginnt bereits bei der geschlechtsneutralen Erziehung und damit, dass auf dem Voci-Kärtchen für «business» nicht nur Männer in Anzügen abgebildet werden.

Vielleicht zeigt sich Gleichstellung irgendwann daran, dass dasselbe Strasseninterview mit einer «chatsy» Zürcher Sales Woman genauso viel Meme-Potenzial hat.

Close the Gaps Evening

Erlebe Lückenschliesserinnen live

Sichere dir jetzt einen der begehrten Plätze für unseren legendären Jahresevent am 18. September in Zürich!
Die ellexx Gründerinnen Nadine Jürgensen und Patrizia Laeri am Close the Gaps Evening in Zürich.
Veröffentlicht: 3. September 2026