Wir sind nicht zu viele. Wir werden zu wenige.

Die Zahlen sind klar: Die Schweiz steckt im Baby-Tief, die Zuwanderung sinkt. Warum also ängstigen wir uns vor Wachstum? Die Frage lautet doch: Wie bewahren wir das Land vor dem Aussterben?
Patrizia Laeri

Ich würde dieses Wochenende gerne über Massnahmen abstimmen, die verhindern, dass wir aussterben. Das wäre dringlich. Die Schweiz ist auf Schrumpfkurs. Und während uns die Kinder und Arbeitskräfte ausgehen, wird uns weisgemacht, dass wir unkontrolliert wachsen. 

Schauen wir deshalb auf die Zahlen, was ich besonders gern mache.

Wir wachsen nicht, wir schrumpfen. Wenn es so weitergeht, sind wir bald weg, ausgestorben. Genauso wie zwei Drittel der Länder der Welt schrumpft die Schweiz schon – gemessen an den Geburtenraten. Wir sind längst im Baby-Tief. 2024 ist die Geburtenrate auf 1,29 Kinder pro Frau gefallen, den tiefsten Wert seit wir das hierzulande überhaupt messen. Er gehört damit auch zu den tiefsten Europas. Der natürliche Zuwachs – Geburten minus Todesfälle – betrug noch 6'200 Menschen, so wenige wie zuletzt 1918. Und die «Flut» an der Grenze? Ebbt längst ab. Die Nettozuwanderung sinkt das zweite Jahr nacheinander – 2024 um 15,6 Prozent, 2025 nochmals um 10,5 Prozent auf 74'675 Personen. Gleichzeitig verlassen Tausende die Schweiz: 2025 rund 83'000 Menschen aus der ausländischen Wohnbevölkerung. Bei Drittstaatsangehörigen brach die Nettozuwanderung um 20 Prozent ein. Nebenbei: Rund ein Drittel der AHV-Beiträge kommt von Zugewanderten, die nur etwa einen Fünftel der Renten beziehen.

Patrizia Laeri
«Genauso wie zwei Drittel der Länder der Welt schrumpft die Schweiz schon – gemessen an den Geburtenraten. Wir sind längst im Baby-Tief.»

Wer «zu viele» sagt, meint in der Bilanz die Leute, die «noch» unsere Renten zahlen.

Es ist für mich als Ökonomin zum Verzweifeln: Wir sprechen über einen Deckel, dabei bräuchten wir Massnahmen gegen das Aussterben. 

Wir sprechen nicht über das wahre Problem, das sich eben genau umgekehrt präsentiert: Keine Kinder, keine Schweiz. Was können wir tun, das wir nicht gänzlich verschwinden?

Patrizia Laeri
«Wer «zu viele» sagt, meint in der Bilanz die Leute, die «noch» unsere Renten zahlen.»

Die Null-Menschen Schweiz

Die Financial Times hat jüngst in einer augenöffnenden Analyse die wahren Probleme aufgezeigt, die dem Schrumpfen zugrundeliegen. Statt über Zuwanderung sollten wir beispielsweise über Einsamkeit sprechen. Junge Menschen zwischen 15 und 29 verbringen in den USA, in Grossbritannien, in Europa und in Südkorea drastisch weniger Zeit miteinander als noch vor zwanzig Jahren. In Südkorea hat sich das persönliche Treffen in zwei Jahrzehnten halbiert. Wer sich nicht trifft, verliebt sich nicht. Wer sich nicht verliebt, gründet keine Familie.

Und natürlich sollten wir auch über das liebe Geld sprechen und wirtschaftliche Hürden – und hier wird es für mich als Finanzökonomin besonders bitter. Bis zur Hälfte des Geburtenrückgangs seit den 1990ern geht laut FT auf die Wohnungsnot zurück. Wohneigentum ist für viele junge Menschen unerschwinglich und zwingt sie, länger bei den Eltern zu wohnen. Wer sich kein eigenes Zuhause leisten kann, kann sich auch keine Zukunft leisten – geschweige denn eine Familie. Ein Kind kostet in der Schweiz etwa eine Million. Den allerjüngsten Einbruch erklärt aber selbst das Wohnen nicht mehr – den erklärt das Handy..

Patrizia Laeri
«Wir sind nicht zu viele. Wir sind zu einsam, zu sehr aus dem Wohnungsmarkt gedrängt, zu abgelenkt, um die Leben – und die Familien – zu bauen, die wir uns angeblich wünschen.»

Die wahre Bedrohung für die Bevölkerung

Die heftigste Korrelation zeigt sich beim Smartphone. Land um Land verliert seine Zukunft, sprich Babys, sobald das Smartphone den Massenmarkt erreicht – unabhängig vom vorherigen Trend, und je jünger die Altersgruppe, desto steiler der Absturz. Forscher der University of Cincinnati zeigen: Wo 4G zuerst ankam, fielen die Geburten zuerst und am schnellsten. Die Ökonomin Melissa Kearney nennt es einen Rückgang des «romantic coupling». Wir scrollen uns aus der Beziehung und in die komplette Spaltung. Unüberwindbar scheint die Kluft zwischen Frauen und Männern der GenZ.

Die eigentliche Bedrohung steht also nicht an der Grenze. Sie liegt in unseren Händen.

Und während wir darüber abstimmen, ob wir «zu viele» sind, werden wir immer weniger. 

Wir sind nicht zu viele. Wir sind zu einsam, zu sehr aus dem Wohnungsmarkt gedrängt, zu abgelenkt, um die Leben – und die Familien – zu bauen, die wir uns angeblich wünschen. Klar ist: Wir können das Schrumpfen nicht aufhalten, indem wir die Grenzenschliessen. Wir werden das Verschwinden nur stoppen, indem wir jungen Menschen bezahlbaren Wohnraum ermöglichen, Zeit füreinander und einen Grund, das Handy wegzulegen.

Das wäre nachhaltige Bevölkerungspolitik. Alles andere ist verantwortungslos und löscht uns als Land aus.

Close the Gaps Evening 2026

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Ein Abend voller Inspiration und Networking in einer Top Location in Zürich, dem Papiersaal.
Veröffentlicht: 12. Juni 2026