
Ätherische Öle für die neue Weltordnung
Ich glaube, mein Insta-Feed manipuliert mich. Das ist jetzt erstmal keine revolutionäre Erkenntnis, schliesslich habe ich an dieser Stelle schon öfters über dieses Thema geschrieben. Ich habe Kolumnen über das Phänomen des Biased Banning verfasst und gegen den Hashtag #notallmen gewettert. Ich habe über Pornografie, Only Fans und Tik Tok geschrieben und euch in einem Text über den heuchlerischen Umgang mit weiblicher Nacktheit in den Socials mein eigenes Nipplegate auf Twitch gebeichtet. Kurz: Ich hätte Bescheid wissen sollen.
Nun war ich aber offenbar sehr naiv und überheblich obendrein, denn: Ich glaubte trotz allem, dass sich meine Weltanschauung von tendenziösem Content garantiert nicht verdrehen lasse. Ich dachte, das passiert nur anderen.
In den Medienwissenschaften, die ich übrigens studiert habe, ist dies ein hinlänglich bekanntes und ausführlich erforschtes Phänomen. Man nennt es den «Third Person Effect», und ich habe tatsächlich vor Jahren eine Seminararbeit darüber geschrieben.
Dass mir dies alles erst vor einigen Tagen in den Sinn kam, nachdem ich mir bereits hunderte Stunden Reels über Rosmarinöl für gesunde Haare und basische Rezepte für einen glücklichen Darm reingezogen hatte, finde ich gelinde gesagt besorgniserregend.
Ihr kennt diese ästhetisch ansprechenden Videos von hübschen, tiefenentspannten Frauen mit traumhaft wallenden Haaren, die sich gesund ernähren, Meal Prep machen und ständig grüne Smoothies trinken, oder?
Diese Frauen wirken auf mich, als hätten sie ihr Leben total im Griff. Ganz im Gegensatz zu mir: Während ich diese Worte schreibe, ist es drei Uhr morgens, ich bin ein bisschen besoffen, kurz: anstatt zu schlafen, fabriziere ich diese Kolumne. Kein Wunder, haben solche Inhalte einen starken Effekt auf mich! Mein Leben ist manchmal ziemlich anstrengend, und dann hätte ich manchmal auch gern einen erdbeerblonden Chignon, einen Airfryer und makellos manikürte Nägel in Nude. Vielleicht würde ich dann längst schlafen, Magnesium-Supplement und Pilates-Workout sei Dank, und wäre beim ersten Sonnenstrahl so frisch wie der junge Morgen. Vielleicht muss ich mein Leben ändern?
Rosanna Grüter
Denn genau das vermitteln sie im Grunde doch, all die selbsternannten Beauty-Influencerinnen und Wellness-Expertinnen: dass wir auf dem falschen Dampfer sind, falsch abgebogen, auf dem Holzweg. Dass wir unsere Reinheit und Natürlichkeit irgendwo unterwegs verloren haben und dass wir sie mit Hilfe von ätherischen Ölen und Yoga auf wundersame Weise wiederfinden könnten.
Sie nennen es unsere «divine feminine energy» – und das klingt erstmal ganz nett. Feministisch sogar, matriarchal.
Nur stimmt das leider ganz und gar nicht, denn: Begriffe wie Reinheit, Natürlichkeit und Weiblichkeit sind nicht einfach nur Worte der Selbstfürsorge, sondern leider auch ziemlich politisch. Historisch betrachtet tauchen sie häufig genau dann im öffentlichen Diskurs auf, wenn Gesellschaften sich auf sogenannte traditionelle Werte zurückbesinnen. Oder anders: Überall da, wo Komplexität reduziert, Menschen kategorisiert und Geschlechterrollen neu zementiert werden, sollen Frauen plötzlich rein, natürlich und vor allem weiblich sein.
Rosanna Grüter
Dieses Narrativ bedienen auch die sogenannten «Tradwives» – und spätestens da macht sich der schmale Grat bemerkbar, der für uns Frauen zwischen Fürsorge und Faschismus liegt. Prinzipien wie Mutterschaft, Häuslichkeit und Selbstoptimierung kommen in beiden Ideologien gleichermassen vor. Wellness-Queens und Tradwives, Reichsmütter und MAGA-Ladies – sie alle fokussieren primär auf die kleinen Dinge im Leben, ihren eigenen, innersten Kreis: Ehemann, Eigenheim, Eitelkeit, Erdung.
Rosanna Grüter
Dass ausgerechnet ich von diesen Inhalten fasziniert bin, ist so erschreckend wie ernüchternd. Wenn mit Lippenstift ein schickes Leben verkauft wird, ist schliesslich ganz offensichtlich was faul im Staate der dänischen Designermöbel!
Könnte es sein, dass hier Schürze und Sellerie gegen Selbstbestimmung und Solidarität ins Feld geführt werden? Submission und Selbstaufgabe lassen sich schliesslich nicht mehr ganz so leicht an uns Frauen vermarkten wie früher. Könnte es sein, dass man sie uns darum nun als Selfcare schmackhaft machen will?
Ich will damit keinesfalls behaupten, dass alle Pilates-Influencerinnen heimlich Rechtsextreme sind, und genausowenig glaube ich, dass die Clean-Girl-Ästhetik das exakte weibliche Äquivalent zur Manosphere ist. Dazu ist ihre Botschaften nicht destruktiv genug.

Und dennoch bedienen sie die gleiche Sehnsucht: Sowohl Red Pill als auch Rechtsextremismus, sowohl Tradwive als auch Totalitarismus verkaufen die Fantasie, dass sich die Komplexität des Lebens auf einfache Parolen reduzieren lässt: Sei ein richtiger Mann, sei stark. Finde zurück zu deiner weiblichen Energie, sei schön.
Als ob es so einfach wäre! Als ob wir nicht alle widersprüchliche, überforderte Wesen wären, die sich ihr Leben in einer immer komplexeren Welt laufend neu zusammenzimmern (müssen)!
Ich jedenfalls werde solchen Vereinfachungen nicht mehr so schnell auf den Leim gehen – auch dann nicht, wenn sie schöne Frisuren haben und nach Blumen duften. Ich werde weiterhin zerzaust nachts um drei Texte schreiben, zu viel Champagner trinken und gelegentlich die Kontrolle über mein Leben verlieren.
Dafür verspreche ich euch, dass meine Kolumnen auch um Längen besser bleiben werden als jeder noch so grüne Smoothie. Deal?
