
Ein Freund wird der sexuellen Belästigung beschuldigt – und jetzt?
Macht und Misogynie, Geld und Gier, Patriarchat und Privilegien: Wer die Antwort nicht scheut, darf unseren Kolumnisten alles fragen. Markus Theunert teilt, was er in 25 Jahren Beschäftigung mit Männern und Männlichkeit gelernt hat.
Heute mit der Frage von Livia (27): «Wie sollten Männergruppen damit umgehen, wenn einer ihrer Freunde der sexuellen Belästigung beschuldigt wird?»
Deine Frage ist komplex und führt in ein Feld voller Spannungen. Denn Freundschaft zeichnet sich ja gerade dadurch aus, dass man loyal ist, seinen Freund:innen Vorschussvertrauen schenkt, ihnen den Rücken stärkt – auch und gerade bei Gegenwind. Diese freundschaftlichen Basisverpflichtungen werden bei Vorwürfen von Belästigungen, Grenzverletzungen und Übergriffen auf die Probe gestellt.
Du beschreibst keine konkrete Situation, sondern verwendest den generischen Begriff der «sexuellen Belästigung». Dazu zählen vielfältige Verhaltensweisen wie beispielsweise anzügliche Bemerkungen, aufdringliche Blicke, unerwünschte Berührungen, das Verschicken pornografischer Bilder, sexuelle Annäherungen mit dem Versprechen von Vorteilen oder der Drohung mit Nachteilen. Es ist ein Kontinuum von Verhaltensweisen, die in unterschiedlichem Mass als übergriffig und gewaltförmig gedeutet werden können oder müssen. Mangels konkretem Beispiel möchte ich in meiner Antwort eher allgemein bleiben.
Markus Theunert
Die von dir genannte Männergruppe bewegt sich in zwei widersprüchlichen Spannungsfeldern:
- Auf einer Haltungsebene besteht die Herausforderung darin, für alle Beteiligten Schutz, Würde und Fairness zu gewährleisten, ohne sich in blinder Loyalität schützend vor diesen Freund zu stellen. Das ist knifflig. Denn einerseits hat die betroffene Person Anrecht darauf, dass sie mit ihren Wahrnehmungen und Vorwürfen ernst genommen wird. Andererseits behält die beschuldigte Person trotz Vorwürfen ihre Rechte – namentlich das Recht auf Gehör und ein faires Verfahren.
- Auf einer Verhaltensebene besteht die Herausforderung darin, jenseits von Verteidigung oder Verurteilung nach Verantwortung – und damit nach Veränderung – zu fragen: nach der Verantwortung der beschuldigten Person, nach der Verantwortung der ganzen Gruppe und nach der Verantwortung jedes einzelnen in der Gruppe. Abwehr und Verteidigung haben denselben Effekt wie Abwertung und Verurteilung: Sie verlagern das Problem nach aussen. Ich kann es mir gemütlich einrichten in der entlastenden Position, dass der andere einen Fehler gemacht und der nichts mit mir zu tun hat. Als Gruppe sollte ein Belästigungsvorwurf deshalb auch Anlass dafür sein, die eigene Mitverantwortung zu überprüfen, statt sich auf eine «Einzelfall»-Deutung zu verständigen und auszublenden, wie wahrscheinlich auch Gruppendynamiken – z.B. über die Normalisierung von sexistischen «Witzen», Mikro-Übergriffen etc. – den Boden für Grenzverletzungen ebnen.
Markus Theunert
Männer(gruppen) sollten Vorwürfe grundsätzlich einfach mal ernst nehmen. Das bedeutet, dem Reflex zu widerstehen, den Beschuldigten in Schutz zu nehmen, auch wenn die (patriarchale) Idee der männlichen Bruderschaft genau das nahelegt oder einfordert. Das heisst: die Vorwürfe nicht unbesehen abwehren, den Freund nicht kollektiv verteidigen («So einer ist er doch nicht», «Ich lege meine Hand für ihn ins Feuer» etc.). Es heisst auch: dem Opfer keine (Mit-)Schuld geben oder von ihm Beweise verlangen. Stattdessen sollte nüchtern, empathisch und opferschutzorientiert gefragt werden: Was wird unserem Freund vorgeworfen? Wie hat die betroffene Person die Situation erlebt?
Freundschaft verpflichtet nicht dazu, jedes Verhalten zu rechtfertigen. Im Gegenteil: Freundschaft kann gerade bedeuten, problematisches Verhalten zu sehen und zu benennen. Das erfordert Mut zur Konfrontation. Wer hat diesen Mut? Wer ist geeignet, ein offenes Gespräch mit dem Beschuldigten zu führen? Das sollte keine Alibiübung, aber auch keine Vernehmung und kein Gerichtsverfahren sein. Im Zentrum steht die Verantwortung. Der beschuldigte Mann muss sich konfrontieren (lassen): Was habe ich getan? Was habe ich verursacht? Aus der Täterberatung wissen wir: Bagatellisierung und Schuldumkehr sind typische Verhaltensweisen, um der eigenen Verantwortung – und dem damit verbundenen Beschämungsgefühl – auszuweichen. Je schneller, pauschaler und vehementer Vorwürfe bestritten werden, umso kritischer sollte der Spiegel vorgehalten werden. Sonst besteht die Gefahr, dass Täterarbeit auf die betroffene Person abgewälzt wird.
Markus Theunert
Auch eine Entschuldigung ist nur dann sinnvoll, wenn sie aus echter Einsicht und Betroffenheit erfolgt, ohne Rechtfertigung und Relativierung auskommt, keine «Vergebung» einfordert und der betroffenen Person die Freiheit lässt, wie sie damit umgeht.
Die zentrale Frage lautet also nicht: Wie schützen wir unseren Freund? Sondern: Wie verhindern wir weiteren Schaden? Wie nehmen wir die betroffene Person ernst? Wie fordern und fördern wir bei unserem Freund Verantwortung, ungeschminkte Auseinandersetzung und Veränderung?
Der betroffenen Person Solidarität und dem beschuldigten Freund in dieser Form Unterstützung zugleich anzubieten: Darin besteht die grosse Herausforderung.
Markus Theunert ist fachlicher Leiter von männer.ch, dem Dachverband progressiver Schweizer Männer- und Väterorganisationen. Unter ihrem Dach ist die Fachstelle OH BOY* (www.ohboy.ch) für die männlichkeitsreflektierende Arbeit mit Jungen und männlichen Jugendlichen zuständig. Kontakt: theunert@maenner.ch.
Diese Kolumne verfolgt – auf Einladung der ellexx Redaktion – das Anliegen, einen patriarchatskritischen Blick auf Geschlechter-, Geld- und Gesellschaftsfragen beizusteuern. Unserem Kolumnisten ist es wichtig, seine Unsicherheit transparent zu machen, wo die Bereicherung durch eine reflektierte Männerperspektive aufhört – und wo das «Mansplaining für Fortgeschrittene» beginnt.



