
Finden Männer Nachhaltigkeit unwichtig?
Macht und Misogynie, Geld und Gier, Patriarchat und Privilegien: Wer die Antwort nicht scheut, darf unseren Kolumnisten alles fragen. Markus Theunert teilt, was er in 25 Jahren Beschäftigung mit Männern und Männlichkeit gelernt hat.
Heute mit der Frage von Tamara (61): «Beim Investieren und Konsumieren gewichten viele Frauen Nachhaltigkeit und soziale Kriterien stark. Ist Nachhaltigkeit Frauen wichtiger als Männern?»
Liebe Tamara
Die Antwort lautet: Leider ja, und zwar – im statistischen Schnitt – in jeder messbaren Hinsicht.
- Beispiel Ernährung: Männer essen im Durchschnitt doppelt so viel Fleisch und Wurst wie Frauen. Sie verbinden Fleisch auch viel ausgeprägter mit positiven Attributen. Je mehr Männer gesellschaftlichen Männlichkeitsanforderungen zu genügen versuchen, umso mehr Fleisch essen sie – und umso weniger können sie sich vorstellen, auf Fleisch zu verzichten. Entsprechend finden sich unter zehn Veganer:innen oder Vegetarier:innen nur drei Männer.
- Beispiel Mobilität: Zwei von drei Autokilometern werden von Männern gefahren – auch in den jüngeren Generationen. Männer haben drei- bis viermal so häufig einen Dienstwagen zur Verfügung. Vier von fünf schweren Personenwagen mit mehr als 2000 cm3 Hubraum werden von Männern gefahren. Je verunsicherter Männer in ihrer Männlichkeit sind, umso stärker ist ihr Drang, ein schnelles Auto zu besitzen.
- Beispiel Elektrizitätsverbrauch: Männer zapfen zu Hause 23 Prozent mehr Strom aus der Dose – und zwar, nachdem statistisch herausgefiltert wurde, dass Männer im Schnitt mehr verdienen und entsprechend grössere Wohnungen bewohnen.
Die privilegierte Stellung von Männern in der Gesellschaft ist also auch mit dem Privileg verbunden, überdurchschnittlich viele Konsumgüter zu beanspruchen und zu verbrauchen. Weil männlicher Lifestyle zu einer höheren Umweltbelastung führt, hätten Männer ein entsprechend grösseres Einsparpotenzial als Frauen – und meiner Meinung nach auch eine gesellschaftliche Verpflichtung, es zu nutzen. Das tun sie in der Praxis aber nicht. Im Gegenteil.
Markus Theunert
Das männliche «Vorrecht» auf umweltschädigendes Verhalten wird – ein Blick auf das Handeln der Regierung Trump belegt es in fast schon grotesker Weise – mit Eifer verteidigt. «Petromaskulinität» nennt die amerikanische Politikwissenschaftlerin Cara Dagget das Phänomen: Aufgrund des Gefühls, «richtige Männer» seien bedroht, wird die demonstrative Verteidigung umweltschädigender Praktiken für die Selbstvergewisserung fragiler Männlichkeit genutzt. Die feministische Autorin Margarete Stokowski sagt dazu spitz: «Überall, wo es um Einschränkungen vermeintlich besonders männlicher Tätigkeiten geht, egal ob Fleischessen, Böllern oder schnelles Autofahren, stehen jedes Mal Bataillone von Politikern oder Journalisten bereit, die erklären, dass hier eine vermeintlich gottgegebene menschliche Freiheit mit völlig unvernünftigen, lustfeindlichen Beweggründen wegkastriert werden soll.»
Markus Theunert
Bedenklich mutet an, dass sich der Geschlechtergraben in den jüngeren Generationen eher öffnet als schliesst. Die Shell Jugendstudie fragt beispielsweise nach den Interessen junger Menschen zwischen 12 und 25 Jahren. Die Resultate zeigen die ungebrochene Wirkmacht stereotyper Geschlechterzuschreibungen in aller Deutlichkeit: 48 Prozent der jungen Männer finden «Motoren» und 67 Prozent «Männlichkeit» wichtig. Bei den jungen Frauen ist es weniger als ein Drittel, das diese Interessen teilt (14 Prozent und 20 Prozent). Umgekehrt finden dreimal so viele junge Frauen wie Männer Veganismus (21 Prozent zu 7 Prozent) und Feminismus (59 Prozent zu 20 Prozent) wichtig.
In der Folge ist es nicht wirklich erstaunlich, dass sich auch die Investmentstrategien von Frauen und Männern unterscheiden. Zu beobachten ist ein doppelter Effekt: Frauen priorisieren Sicherheit und Nachhaltigkeit, während Männer für die Rendite sowohl Risiko als auch ethisch problematische Investments in Kauf nehmen.
Markus Theunert ist fachlicher Leiter von männer.ch, dem Dachverband progressiver Schweizer Männer- und Väterorganisationen. Unter ihrem Dach ist die Fachstelle OH BOY* (www.ohboy.ch) für die männlichkeitsreflektierende Arbeit mit Jungen und männlichen Jugendlichen zuständig. Kontakt: theunert@maenner.ch
Diese Kolumne verfolgt – auf Einladung der ellexx Redaktion – das Anliegen, einen patriarchatskritischen Blick auf Geschlechter-, Geld- und Gesellschaftsfragen beizusteuern. Unserem Kolumnisten ist es wichtig, seine Unsicherheit transparent zu machen, wo die Bereicherung durch eine reflektierte Männerperspektive aufhört – und wo das «Mansplaining für Fortgeschrittene» beginnt.



