
Tradwives: Das Geschäft mit der Unterwerfung bröckelt
TikTok spielt mir regelmässig Videos von Frauen Anfang zwanzig ein, die ihr zweites Kind erwarten, Butter von Hand schlagen und von ihrem Hausfrauendasein anstelle einer Ausbildung schwärmen. Das Essen kochen sie mit Zeit und Liebe von Grund auf selbst, das Haus ist blitzblank, das Styling makellos, und es bleibt genug Zeit, sich um die wachsende Anzahl Kinder zu kümmern. Diesen Alltag inszenieren sie zur Perfektion in Videos für ein Millionenpublikum.
Mit dem Alltag der meisten Familien hat das wenig zu tun. Oft arbeiten beide Elternteile zusätzlich bezahlt, oder man spürt deutlich, was ein reduziertes Pensum kostet. Zum Aufräumen kommen erschöpfte Eltern oft erst nach einem stressigen Tag im Job oder einem fordernden Tag mit Kindern in Trotzphasen, kränkelnd oder mit den Geschwistern keifend. Da wirken Videos von Tradwife-Influencerinnen wie Hohn: Eine Oase mit genügend Zeit und Ruhe, um nachmittags mit Kleinkindern das eigene Waschmittel herzustellen, ist weit entfernt vom Leben der meisten Familien.
Amélie Galladé
Für die Vermarktung einer rückschrittlichen Rollenverteilung, in der Mann gleich Ernährer und Frau gleich Hausfrau als gottgegeben gilt, ernten Tradwife-Influencerinnen immer wieder Kritik, gerade von Frauen, die sich für Gleichstellung einsetzen. Zu Recht? Jede Familie soll Erwerbs- und Betreuungsarbeit so aufteilen, wie es für sie stimmt – nichts gegen eine klassische Rollenverteilung. Doch die Sache mit den Tradwives ist komplizierter.
Mit «Tradwives» sind nicht einfach traditionelle Hausfrauen gemeint. Sie zeigen, wie sie den perfekten Haushalt führen, Sauerteigbrot backen, Seife sieden, manche bewirtschaften gleich einen ganzen Bauernhof. Nicht immer, aber häufig sind sie jung, weiss und christlich. Sie propagieren Aufopferung und Unterwerfung, die Optik der 1950er-Jahre romantisierend. Und ganz beiläufig sind sie oft erfolgreiche Unternehmerinnen auf Social Media, teilweise mit einem Multimillionen-Dollar-Business.
Die Freiheit, anderen die Unfreiheit zu verkaufen
Das Internet-Phänomen erscheint in mehrfacher Hinsicht bizarr: Tradwives inszenieren ein konservatives Hausfrauendasein ohne Erwerbstätigkeit, in dem sie sich ihrem Mann unterordnen. So sprach sich etwa die Tradwife-Influencerin Savanna Faith Stone gar gegen das Frauenstimmrecht aus; dieses solle der Mann für die Familie ausüben. Gleichzeitig verdienen sie ihr Geld als Influencerinnen, Models, mit eigenen Shops sowie mit Kursen und Ratgebern, in denen Frauen lernen, nicht mehr selbst über ihre Finanzen zu verfügen. Paradox, fast schon zynisch: Sie predigen Abhängigkeit, leben sie selbst aber nicht, und verdienen ordentlich Geld damit, dass andere Frauen sich in genau diese Abhängigkeit begeben.
Amélie Galladé
Problematisch wird es, wenn Tradwife-Influencerinnen nicht nur ein verfälschtes Rollenbild vermitteln, sondern auch andere Frauen in die Abhängigkeit von einem Mann leiten. Die meisten Frauen, welche Tradwives mit ihren Botschaften erreichen, verfügen nicht über Einnahmen aus Social-Media-Videos, um im Ernstfall einen Ehemann verlassen und wieder auf eigenen Beinen stehen zu können.
Dabei profitieren Tradwife-Influencerinnen von genau denjenigen Errungenschaften, die Frauen vor ihnen über die letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte erkämpft haben: das Recht, als Frau zu arbeiten, ein eigenes Unternehmen zu gründen und die eigene Stimme zu nutzen, wenn auch, um zum Rückschritt aufzurufen. Zur Erinnerung: In der Schweiz durften Frauen bis ins Jahr 1988 nicht ohne Zustimmung ihres Ehemannes arbeiten und über ein eigenes Einkommen und Bankkonten verfügen.
In die 1950er-Jahre, auf die sich Tradwives ästhetisch beziehen, wollen wohl die wenigsten von ihnen ernsthaft zurück. Damals wäre ein solches Influencerinnendasein undenkbar gewesen. Nur von einem Einkommen leben zu können, musste man sich in der Nachkriegszeit in der Schweiz erst mal leisten können.
Amélie Galladé
«Make Traditional Housewives Great Again»
Es geht aber um mehr als um einzelne Frauen, die im Internet einen Alltag vorleben. Während sich MAGA in den USA politisch etablierte, gewann auch die Tradwife-Ideologie im Netz an Sichtbarkeit. Einige Tradwives unterstützten Donald Trumps Präsidentschaftskampagne. Ideologische Überschneidungen gibt es mit der Manosphere, in der sich Männer als Verlierer der Emanzipationsbewegung inszenieren und antifeministische, frauenfeindliche Ideologien verbreiten. Die Tradwives versprechen Frauen, dass Unterordnung mit Schutz und Wertschätzung belohnt wird. Wie trügerisch dieses Versprechen sein kann, zeigt eine US-Studie: Gerade Männer mit feindseliger Haltung gegenüber Frauen finden die Bewegung gut. Es geht ihnen nicht um Fürsorge, sondern um Kontrolle.
Die Pastellfassade bröckelt
Ehemalige Tradwives warnen nun vor der Bewegung, so jüngst etwa Bernadine Barber (Bernadine Bluntly), die vor einigen Jahren T-Shirts mit «R.I.P. Feminism» verkauft hatte sowie Kurse, wie man einen stark religiösen Mann für sich gewinnt – bevor sie sich von ihrem Mann scheiden liess und vor Gericht eine Schutzanordnung gegen ihn erwirkte wegen Vorwürfen häuslicher Gewalt.
Und sie ist nicht die Einzige. Mittlerweile haben sich auch prominente Tradwife-Influencerinnen wie Hannah Neeleman (Ballerina Farm) und kürzlich Nara Smith vom Label «Tradwife» distanziert – ausgerechnet von dem Label, mit dem sie bekannt wurden. Nun stehen sie zu ihrem Unternehmertum, verkörpern aber weiterhin die perfekte Hausfrau von anno dazumal. Sie bedienen damit neu das Ideal des «Girlboss».
Amélie Galladé
Ich aber bezweifle, dass das Streben nach einem solch unrealistischen Ideal einer Frau, die alles schaffen soll, der Gleichstellung weiterhilft. Einmal mehr lenkt dieses Narrativ den Fokus auf die einzelne Frau, die sich nur genug anstrengen muss, um Karriereaufstieg, Kinder, Haushalt und Beziehung gleichzeitig unter einen Hut zu bringen. Ausser Acht bleiben dabei übergeordnete Faktoren wie ungleiche Ausgangslagen, Privilegien, Zugang zu Kinderbetreuung, gläserne Decken, you name it.
Tradwife-Inhalte erreichen auf Social Media längst auch Jugendliche. Umso wichtiger ist es, darüber aufzuklären, dass hinter der Pastell-Idylle ein Geschäftsmodell und oft auch eine politische Agenda stecken. So unterschiedlich die Tradwife und der «Girlboss» sind, beide setzen Frauen unter Druck und geben ein kaum erreichbares Rollenbild vor. Ich hoffe, dass wir auch auf Social Media von solchen überzeichneten Geschlechterbildern wegkommen, hin zu mehr Realität und nahbaren Role Models.


