
Manosphere in der Schweiz: Ein Weckruf
Im weltweiten Schnitt sind junge Männer konservativer als ihre Grossväter: darüber schrieb ich kürzlich in meiner Kolumne. Die Reaktionen waren zahlreich und nahmen reflexartig die jungen Männer in Schutz. Kommentare bemängelten, die von mir zitierte Studie werfe junge Europäer mit Männern aus nicht-europäischen Ländern in einen Topf – was ersteren gegenüber unfair sei. Tatsächlich zeigten sich Unterschiede zwischen den verschiedenen Ländern, denn Gleichstellung ist auch eine kulturelle Frage. Die Schweiz war in dieser Studie nicht vertreten; eine vergleichbare Untersuchung aus der Schweiz gab es damals noch nicht.
Das hat sich geändert.
Nun liegen erstmals detaillierte Zahlen zur Schweiz vor: Kürzlich ist eine repräsentative Studie der Universität Zürich in Zusammenarbeit mit männer.ch erschienen, die über 6'000 Personen befragte. Diese zeigt, dass fast jeder dritte junge Mann in der Schweiz zur Gruppe mit besonders stark ausgeprägtem «restriktiv-dominanten Männlichkeitseinstellungen» zählt. Bei den Frauen zwischen 18 und 24 Jahren sind es knapp 8 Prozent. Als «Faktor M» bezeichnen die Studienautor:innen ein Bündel von Haltungen, die aus einem stark dominanten, stereotypen Männlichkeitsbild hervorgehen, darunter etwa Frauenfeindlichkeit, Ablehnung von Gleichstellung, Gewaltbereitschaft oder die Abwertung sexueller Minderheiten.
Die Ergebnisse lassen mich aufhorchen. Fast jeder zweite junge Mann in der Schweiz hält Gewalt für manchmal notwendig. Ähnlich viele sind besorgt, dass «richtige Männer» zunehmend an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Wer behauptet, problematische Männlichkeitsideologien würden einen Bogen um die Schweiz machen, wird eines Besseren belehrt.
Amélie Galladé
Vom Feed ins Weltbild
Eine mögliche Ursache, die nun untersucht wird: Die 18- bis 24-Jährigen sind die erste Generation, die als «digital natives» mit Social-Media-Plattformen aufgewachsen sind, wo sie auch hierarchische Vorstellungen zu Geschlechterrollen konsumieren, so etwa Inhalte aus der Manosphere. Die Manosphere ist eine Internetbewegung, in der sich Männer als Verlierer der Emanzipationsbewegung inszenieren und antifeministische, frauenfeindliche Ideologien und Verschwörungstheorien verbreiten.
41 Prozent der jungen Deutschschweizer geben an, in den letzten 12 Monaten Manosphere-Inhalte konsumiert zu haben. Gleichzeitig zählt rund jeder Dritte junge Deutschschweizer zur Gruppe mit besonders stark ausgeprägtem «Faktor M»; in keiner anderen Sprachregion ist der Anteil so hoch.
Das bedeutet konkret: Junge Männer sind tendenziell stärker überzeugt von einer naturgegebenen männlichen Überlegenheit sowie der damit verbundenen Misogynie, Ablehnung von Gleichstellung und Homophobie als die restliche Schweizer Bevölkerung.
Die Studienergebnisse sind ein Weckruf: Die Manosphere ist längst nicht mehr ein rein digitales Phänomen.

Etwa bei der Partnerschaftsgewalt: Ein hoher «Faktor M» geht bei Männern und Frauen mit einem erhöhten Risiko einher, in einer Beziehung Gewalt auszuüben, aber auch, sie zu erleiden. Der Studienleiter Denis Ribeaud erklärt dies folgendermassen: «Wer in Beziehungen männliche Dominanzansprüche, Geringschätzung von Frauen und Kontrollverhalten als normal einordnet, hat ein höheres Risiko, auf beiden Seiten dieser Dynamik zu stehen.»
Viel zu lange wurde es als reines Internet-Phänomen abgetan, wenn «Menfluencer» wie Andrew Tate in vielgeklickten Kurzvideos erklären, Frauen seien das Eigentum ihres Ehemannes, psychische Erkrankungen ein Zeichen von Schwäche und Opfer von Vergewaltigung selbst schuld an dem, was ihnen widerfahren sei. Ich kann es kaum ertragen, mir solche Aussagen von einem erwachsenen Mann in viralen Social-Media-Posts anzuhören.
Die Manosphere einfach zu ignorieren, wäre ein fataler Fehler.
Amélie Galladé
Schliesslich haben rund zwei von fünf jungen Deutschschweizern im vergangenen Jahr Beiträge mit restriktiven Männlichkeitsbildern bis hin zu Manosphere-Content konsumiert. Auf TikTok ist es eine Frage von Minuten, bis einem der Algorithmus solche Inhalte in den Feed spült.
Umso wichtiger ist es, die Mechanismen zu verstehen, mit denen «Menfluencer» Millionen junge Männer weltweit erreichen und sie mit vermeintlichen Erfolgsversprechen (Geld, Muskeln, Frau und Lamborghini) für Coachings und Kurse begeistern – alles Teil eines ausgeklügelten Geschäftsmodells.
Mittlerweile gibt es eine ganze Podcast-Reihe und Dutzende Artikel zur Manosphere in der Schweiz, die informieren. Um wirklich zu verstehen, was in den misogynen Ecken des Internets geschieht, habe ich mir die Inhalte von Andrew Tates «Universität», seiner Internetplattform, genauer angeschaut. Auf TikTok habe ich mein Profil zurückgesetzt und aktiv nach Manosphere-Inhalten gesucht, woraufhin mich meine For-You-Page in ein «rabbit hole» von «Menfluencern» gestürzt hat. Anschliessend habe ich meinen Algorithmus wieder zurückgesetzt.
Es brauchte eine Netflix-Serie, um das Thema in die Schweizer Öffentlichkeit zu bringen: Als «Adolescence» im März 2025 erschien und zeigte, wie ein Dreizehnjähriger, durch die Incel-Bewegung radikalisiert, seine Mitschülerin ermordet, berichteten viele Medien hierzulande erstmals über die Manosphere. Für so manche meiner Generation waren dies, auch schon damals, keine News: Die Manosphere hatte längst Eingang in die Feeds und Köpfe vieler junger Menschen gefunden. Ihre Auswirkungen sind real. Und doch ist das Problem viel zu lange unter dem Radar von Entscheidungsträger:innen geblieben.
Amélie Galladé
Prävention statt Verharmlosung
Nun tut sich endlich etwas: Diesen Frühling wurde die Informationsseite manosphere.ch lanciert, die Orientierung bietet. Das Angebot wird auch vom Bund unterstützt; die Dringlichkeit des Problems scheint auch der institutionellen Politik nun bewusst zu sein. Vereinzelt wurden Vorstösse zum Thema eingereicht. Besser spät als nie.
Angesichts der Verbreitung von dominanzorientierten Männlichkeitsideologien braucht es mehr Information, Prävention und Sensibilisierung bei jungen Männern selbst, aber auch bei jungen Frauen, Eltern, Lehrpersonen und allen Bezugspersonen junger Menschen. Die Prävention des «Faktors M» gehört ins Klassenzimmer. Nicht nur in Form einzelner, durchaus wichtiger Angebote von Expert:innen, sondern als fester Bestandteil des Unterrichts in allen Schulklassen.
Wie stark der «Faktor M» verbreitet ist, variiert je nach Geschlecht, Alter, Herkunft, Konfession, Sprachregion, Stadt oder Land sowie Bildungsniveau. Letzteres spielt eine zentrale Rolle: Je höher die Bildung, desto seltener finden sich restriktive Männlichkeitsvorstellungen. Gleichzeitig sind Personen mit höherer Bildung in der Studie übervertreten. Das bedeutet: Die tatsächliche Verbreitung solcher Einstellungen in der Schweizer Bevölkerung dürfte eher höher liegen, als die Ergebnisse vermuten lassen.
Spätestens jetzt ist klar: Es besteht dringender Handlungsbedarf im Umgang mit der Manosphere.



