Die Spitze der Gewalt: Wir müssen reden!

Patrick Frei, Dominique Pelicot, Christian Ulmen: Drei Beispiele von Gewalt an Frauen – und doch sind sie nur die Spitze des Eisbergs. Unsere Gastautorin fordert auf, auch im Alltag einzuschreiten.
Danica Zurbriggen Lehner
Schatten einer erhobenen Hand und eines Armes auf einer Wand, von Lichtstreifen durchbrochen. Symbolbild für häusliche Gewalt.
Bild: Liana S, Unsplash

Ein ehemaliger Grossrat, Patrick Frei aus dem Aargau, betäubte mutmasslich drei Frauen, missbrauchte sie sexuell und filmte die Taten. Die Frauen waren seine Ex-Frau, die Lebenspartnerin sowie deren minderjährige Tochter. Für ihn gilt nach wie vor die Unschuldsvermutung. Dominique Pelicot betäubte über einen Zeitraum von zehn Jahren seine damalige Ehefrau, vergewaltigte sie selbst und bot sie über das Internet Dutzenden fremden Männern für Vergewaltigungen in ihrem gemeinsamen Haus an. Er sammelte zehntausende Aufnahmen dieser Taten. Er wurde im Dezember 2024 zu einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren verurteilt. Die deutsche Schauspielerin Collien Fernandes erhebt gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen den Vorwurf, über mehrere Jahre Fakeprofile von ihr erstellt, mit einer KI-Stimme Sextalks in ihrem Namen geführt und in ihrem Namen pornografische Inhalte verschickt zu haben. Auch für ihn gilt die Unschuldsvermutung.

Danica Zurbriggen Lehner
«Wir müssen viel früher einschreiten und in unserem Umfeld hinschauen, auch wenn es unangenehm ist.»

Einzelfälle sind nur die Spitze der Gewaltpyramide

Drei Fälle in kurzer Zeit. In Frankreich, Deutschland und der Schweiz. Als ich den Fall von Gisèle Pelicot verfolgte, war ich erschüttert. Die Schilderungen von Collien Fernandes stürzten mich in ein schwarzes Loch. Mir wurde noch mehr bewusst, wie nah solche Taten sein können. Dann Patrick Frei. Hier kam hinzu, dass die Behörden die Frauen nicht schützten, sondern wegweisen wollten, was nun zum Glück rückgängig gemacht wurde. 

Das «Monster von Mazan» wurde Pelicot in der französischen Presse genannt. Doch er ist kein Monster, er ist der unscheinbare Ehemann und Vater von nebenan. Was wir sehen, sind nicht drei Einzelfälle, es ist die Spitze der Gewaltpyramide. Das Problem fängt viel weiter unten an, in unserem Alltag. Daraus folgt: Wir müssen viel früher einschreiten und in unserem Umfeld hinschauen, auch wenn es unangenehm ist.

Illustration der Gewaltpyramide
Die Gewaltpyramide der feministischen Friedensorganisation Frieda dient als Erklärungsmodell für geschlechtsspezifische Gewalt.
www.frieda.org

Die Gewaltpyramide zeigt auf, dass Sexismus und fehlende Gleichstellung der Nährboden für weitere Formen massiver geschlechtsspezifischer Gewalt sind (Quelle:Frieda). Die unterste Stufe, das Fundament, bilden diskriminierende Strukturen wie Sexismus, Rassismus oder Ableismus sowie fehlende Gleichstellung. Dies geht über in Sprüche, unerwünschte Anmache, Catcalling und sexuelle Belästigung. Alles Erfahrungen, von denen die meisten Frauen in meinem Umfeld berichten können. Die Spitze der Pyramide sind Vergewaltigung und Femizide. Dieses Jahr zählt die Plattform Stop Femizid bis Ende September bereits 17 Femizide. Das heisst: Etwa alle zwei Wochen wurde eine Frau getötet. 

Was mit einer Normalisierung beginnt, endet also in expliziter Gewalt. Deshalb sollte die Steigerung schon auf den ersten Stufen gestoppt werden. Hier ist dies auch noch mit weniger Aufwand möglich.

Danica Zurbriggen Lehner
«Dieses Jahr zählt die Plattform Stop Femizid bis Ende September bereits 17 Femizide. Das heisst: Etwa alle zwei Wochen wurde eine Frau getötet.»

Damit das Thema endlich zur politischen Priorität wird, hat die SP kürzlich eine Initiative zum Schutz vor Gewalt an Frauen lanciert. Die Initiative stärkt die vier Bereiche Prävention, Schutz der Betroffenen, Strafverfolgung und Zusammenarbeit zwischen Bund, Kantonen und Fachstellen und garantiert, dass die nötigen Massnahmen auch finanziert werden. Doch wir müssen nicht auf die Initiative warten. Schon jetzt können wir im Privaten und bei der Arbeit etwas tun. 

Nicht der Fremde ist die Gefahr

Ich war ein Kind, als Sarah Oberson entführt wurde. Ich erinnere mich gut an meine Grossmutter, die mir eintrichterte, ja nicht mit fremden Männern mitzugehen. In der Schule, an der ich später als stellvertretende Schulleiterin tätig war, lag ein Flyer auf, mit dem Kinder vor fremden Männern gewarnt wurden. Heute verlagert sich das Anbahnen häufig in den Online-Bereich. Nicht, dass dies nicht richtig wäre: Sensibilisierung ist weiterhin wichthig. Gleichzeitig reicht dieser Fokus auf den fremden Mann nicht aus. Im Gegenteil, er spiegelt uns eine falsche Sicherheit vor.

Danica Zurbriggen Lehner
«Statistiken zeigen, dass die Tatpersonen in den meisten Fällen aus dem eigenen Umfeld stammen.»

Statistiken zeigen, dass die Tatpersonen in den meisten Fällen aus dem eigenen Umfeld stammen. Bei sexuellem Missbrauch an Kindern waren gemäss der nationalen Kinderschutzstatistik 2025 rund 71 Prozent der Tatpersonen dem Kind bekannt, 38 Prozet davon waren Familienangehörige (Nationale Kinderschutzstatistik 2025). Auch erwachsene Opfer gaben gemäss der Opferhilfestatistik 2025 in 72 Prozent der registrierten Fälle an, dass sie die mutmassliche Tatperson kennen (Opferhilfestatistik 2025, Bundesamt für Statistik). Weshalb also warnen wir unsere Kinder noch immer eher vor dem unbekannten Täter, statt auch im häuslichen Umfeld hinzuschauen? 

Am Esstisch, im Büro, beim Feierabendbier solidarisch sein

Agota Lavoyer, Expertin im Bereich Gewalt gegen Frauen, wird nicht müde zu betonen, dass Eltern schon bei kleinsten Grenzverletzungen gegenüber ihren Kindern wachsam werden und diese ansprechen sollten, weil Tatpersonen sehr bewusst Grenzen ausloten. Sei sagt in einem Interview mit dem Elternmagazin «Fritz und Fränzi»: «Nichts schreckt mögliche Täter so fest ab wie ein offener Umgang mit dem Tabuthema.» Das lässt sich auf den Erwachsenenbereich übertragen. Macht jemand einen sexistischen Witz, äussert sich abwertend gegenüber Frauen und queere Menschen, sollten wir uns hinstellen und sagen, dass dies nicht in Ordnung ist. So merkt die Person, dass ihre Aussagen nicht angebracht sind. Wir müssen dies zu Hause am Esstisch tun, in der Kaffeepause im Büro und beim Feierabendbier. Es ist unangenehm, es ist ermüdend, und es ist sehr wichtig. 

Danica Zurbriggen Lehner
«Wir wollen nicht, dass sich Männer selbst bemitleiden. Wir wollen, dass sie ihren Kumpels sagen, wenn etwas nicht in Ordnung ist.»

Und in so einer Kultur will ich nicht leben. Ich will diese auch meinen Freundinnen, meiner Tochter und ihren Freundinnen nicht zumuten. Keinem Menschen. Deshalb bleibe ich unbeirrt dran. Wer hilft mit?

Wer hilft, das Tabu zu brechen und im Umfeld, mit Freund:innen, in der Familie, bei der Arbeit, auch im Verein, über diskriminierende Strukturen zu reden, bei sexistischen Witzen die Dynamik hin zu expliziter Gewalt zu erklären und bei unerwünschter Anmache einzuspringen? Gemeinsam und mit langem Atem können wir die Kultur verändern.

Portrait der Gastautorin Danica Zurbriggen Lehner.

Danica Zurbriggen Lehner ist im Saastal aufgewachsen und lebt mit ihrer Familie in Zermatt. Sie war Vize-Präsidentin der neo – die sozialliberale Mitte (ehemals CSP) und Mitglied des Verfassungsrats. Heute arbeitet sie als Studiengangleiterin und Dozentin an der PHBern.

2025 war sie für den Prix Courage nominiert aufgrund ihrer mutigen Kritik über die Wahl Yannick Buttets zum Präsidenten der Walliser Tourismuskammer. Dieser wäre trotz Verurteilung wegen sexueller Belästigung damit der Chef seines Opfers geworden. Buttet zog sich infolge des öffentlichen und medialen Drucks schliesslich vom Chefposten zurück.

Bild: Joan Minder

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Veröffentlicht: 22. Oktober 2026