
Kommen die Schönheitsideale jetzt auch für Männer?
Macht und Misogynie, Geld und Gier, Patriarchat und Privilegien: Wer die Antwort nicht scheut, darf unseren Kolumnisten alles fragen. Markus Theunert teilt, was er in 25 Jahren Beschäftigung mit Männern und Männlichkeit gelernt hat.
Heute mit der Frage von Cathy (42): «Kommen die Schönheitsideale jetzt auch für Männer?»
Liebe Cathy
Dass auch Männer Schönheitsidealen unterworfen sind, scheint mir kein Phänomen der Gegenwart. Während meiner Teenagerzeit in den 1980er-Jahren waren Don Johnson (Miami Vice) oder Tom Selleck (Magnum – nicht die Glacé, der Fernsehdetektiv) die Prototypen männlicher Wohlgestalt und Sexyness. Wenn wir an die Lieblingsschauspieler unserer Grossmütter, die eitlen Inszenierungen des männlichen Hochadels in der frühen Neuzeit oder die virilen Statuen der Antike denken, müssen wir zum Schluss kommen: Dass Männer auch über Attraktivität definiert wurden, muss eine soziohistorische Konstante sein.
Trotzdem finde ich deine Frage total gegenwärtig. Da verändert sich definitiv grad etwas: Schönheitsoperationen unter Männern nehmen seit Jahren kontinuierlich zu. Möglichkeiten des «Looksmaxxing» – das Optimieren des eigenen Aussehens zwecks Steigerung des eigenen Marktwerts – ist zum selbstverständlichen Talking Point männlicher Heranwachsender geworden. Auch in der Angst vor Ungenügen und der Beschämung für den eigenen Körper unterscheiden sich Jungs und Mädchen nicht mehr wesentlich voneinander (auch wenn Jungs sich zu schmächtig und Mädchen sich zu dick finden).
Markus Theunert
Meine These lautet: Was sich verändert, ist nicht das Schönheitsideal an sich. Sondern der normative Zwang für Männer zum schön-sein-Müssen. Früher galt: Ein Mann muss was hergeben. Er hatte verschiedene Möglichkeiten, dies zu erreichen: Erfolg, Vermögen, souveränes Auftreten oder gutes Aussehen. Es gab verschiedene Währungen. Er hatte Alternativen. Heute scheint der Anforderungskatalog zusehends kumulativ zu sein. Erfolg, Vermögen, souveränes Auftreten und gutes Aussehen: Alles muss erfüllt sein.
Die Botschafter der digitalen Manosphere haben auch reflexhaft eine Antwort parat, woran das liegt: Die Ansprüche der Frauen seien ins Unrealistische gestiegen. Emanzipation und Gleichstellung hätten sie unverschämt werden lassen. Die obersten 20 Prozent der Attraktivitätsskala würden die ganze weibliche Aufmerksamkeit absorbieren, und die restlichen 80 Prozent der Männer gingen leer aus.
Ich halte das für Unsinn und begründe das gern mit dem Blick auf jeden x-beliebigen Ort, an dem sich Väter aufhalten. Wenn Frauen nur die attraktivsten Herren der Schöpfung als Paarungspartner in Betracht ziehen würden, müsste dort eine Positivselektion besonders stattlicher Prachtexemplare anzutreffen sein. Diese Evidenz gibt der Realitätscheck nicht her. Wo Väter sind, begegnen wir dem buntestmöglichen Querschnitt der männlichen Bevölkerung.
Markus Theunert
Auch wenn die Erklärung nicht stimmt, sollten wir trotzdem die Wahrnehmung ernst nehmen. Denn tatsächlich sehe auch ich Hinweise, dass sich der weibliche Blick auf den männlichen Körper verändert. Wenn ich Zaungast bin (beispielsweise im ÖV), wie junge Frauen unter sich über Männer sprechen, nehme ich eine Lust wahr, die ganze Klaviatur zwischen Schwärmerei und Despektierlichkeit zu bespielen. Es scheint ein Zugewinn an Empowerment darin zu liegen, wenn Männer(körper) zum Objekt der Beurteilung werden. Wenn Männer(körper) begutachtet, begafft, bewertet und kritisiert werden dürfen. Wenn junge Frauen genauso über Männer(körper) sprechen, wie (junge) Männer über Frauen(körper) sprechen.
Das wäre insofern plausibel, als dass Gleichstellung innerhalb patriarchaler Verhältnisse immer eine Mischung von Emanzipation und Imitation ist. Spitz liesse sich sagen: Wenn sich der patriarchale Spätkapitalismus Feminismus einverleibt, kommen dabei halt Frauen heraus, die sich so verhalten, wie das bislang Männern vorbehalten war. Wenn Frauen laut und tough, karrierebewusst und rücksichtslos, erfolgreich und gefühlsarm wie Männer werden, ist das natürlich durchaus ein Akt der Emanzipation. Aber in meiner Werteskala trotzdem nicht wirklich wünschbar.
Ich fürchte aber, das ist der Punkt, wo wir als Gesellschaft momentan stehen: Männer wie Frauen haben zu wenig Raum, um Gleichstellung als Befreiung von Rollenkorsetten zu deuten und zu leben. Eingespannt im Hamsterrad des digitalen Zeitalters übernehmen sie stattdessen den Auftrag, die alten Männlichkeitsanforderungen und die alten Weiblichkeitsanforderungen zugleich zu performen. Alle wollen leistungsstark, erfolgreich, schön und sexy sein – und werden bei dieser «Mission Impossible» immer erschöpfter und unglücklicher. Wir wählen sozusagen aus beiden Welten das Schlechteste. Die Daten bestätigen den Trend: Männer leiden immer öfters unter Essstörungen und Depressionen – und Frauen immer öfters unter Burnout und Lungenkrebs.
Markus Theunert ist fachlicher Leiter von männer.ch, dem Dachverband progressiver Schweizer Männer- und Väterorganisationen. Kontakt: theunert@maenner.ch.
Diese Kolumne verfolgt – auf Einladung der ellexx Redaktion – das Anliegen, einen patriarchatskritischen Blick auf Geschlechter-, Geld- und Gesellschaftsfragen beizusteuern. Unserem Kolumnisten ist es wichtig, seine Unsicherheit transparent zu machen, wo die Bereicherung durch eine reflektierte Männerperspektive aufhört – und wo das «Mansplaining für Fortgeschrittene» beginnt.




