Illustriertes Portrait der ellexx Kolumnistin Rosanna Grüter
Illustration: Simone Züger

Zwei tote Idole und eine grosse Lücke in der Geschichte

Der Tod von Dolly Parton und Gloria Steinem geht unserer Kolumnistin unerwartet nah. Zugleich sorgt sie sich um ihr Andenken in einer Welt, die die Geschichten ihrer Töchter immer wieder frisst.
Rosanna Grüter

Für uns Frauen war 2026 ein hartes Jahr. Nicht nur, weil der Faschismus sein hässliches Haupt erneut erhob und Gewalt an Frauen global eskalierte, sondern auch, weil zwei unserer grössten Ikonen das Zeitliche gesegnet haben: Am 25. August 2026 verstarb Dolly Parton, eine Woche später folgte ihr die Journalistin, Autorin und feministische Vordenkerin Gloria Steinem ins Grab. 

Parton und Steinem sind Frauen, die auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein könnten: Dolly Parton, christlich geprägte Country-Sängerin aus den Appalachen, eroberte in Strass, High Heels und turmhohen Perücken die Bühnen Amerikas. Sie inszenierte sich bewusst hyperfeminin, hielt sich mit eindeutigen politischen Positionierungen zurück und beanspruchte das Label «Feministin» lange nicht für sich. Sie sang im Radio, spielte in Hollywoodfilmen und eröffnete 1985 gemeinsam mit weiteren Investor*innen den Freizeitpark «Dollywood» in Tennessee.

Gloria Steinem dagegen machte politische Veränderung zu ihrem Lebenswerk. Die New Yorker Journalistin und Aktivistin wurde zu einer der bekanntesten Figuren der US-amerikanischen Frauenbewegung, engagierte sich für Abtreibungsrechte und das Equal Rights Amendment und war 1971 an der Gründung des National Women’s Political Caucus beteiligt, der mehr Frauen in politische Ämter bringen wollte. Im selben Jahr lancierte sie mit anderen Journalistinnen und Aktivistinnen das feministische Magazin «Ms.», dessen erste Ausgabe als Beilage des «New York Magazine» erschien.

Rosanna Grüter
«Die beiden verbindet etwas Entscheidendes: Beide Frauen rückten weibliche Lebensrealitäten in den Mittelpunkt ihres Schaffens.»

Wo Dolly darauf bedacht war, sich politisch nicht vereinnahmen zu lassen, arbeitete Gloria ausdrücklich an politischer Veränderung – und trotzdem verbindet die beiden etwas Entscheidendes: Beide Frauen rückten weibliche Lebensrealitäten in den Mittelpunkt ihres Schaffens.

Trotzdem schützt selbst ein solches Lebenswerk Frauen nicht davor, irgendwann aus unserer Geschichte getilgt zu werden. Es ist theoretisch möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlich, dass sowohl Dolly als auch Gloria in ein paar Jahrzehnten aus der kollektiven Erinnerung verschwunden sein werden. Lasst mich erklären.

Rosanna Grüter
«Trotzdem schützt selbst ein solches Lebenswerk Frauen nicht davor, irgendwann aus unserer Geschichte getilgt zu werden.»

Erinnert ihr euch noch an den Geschichtsunterricht in der Schule? History war dort tatsächlich fast ausschliesslich «his story». Männer wurden Könige, führten Kriege, entdeckten Kontinente, dachten sich schlaue Dinge aus, erfanden Maschinen und gründeten Staaten. Frauen kamen demgegenüber kaum jemals vor. Ich erinnere mich, wie ich als kleines Mädchen ohne jegliches Wissen über das Patriarchat in meiner Schulbank sass und mich fragte: Was zum Teufel haben denn meine Leute die ganze Zeit gemacht?

Dabei sind Frauen ja keine Erfindung der jüngeren Zeit. Wir waren schon immer Teil der Menschheitsgeschichte – ansonsten gäbe es weder Menschheit noch nennenswerte Geschichte. Nur wurden unsere Lebensrealitäten eben sehr viel seltener festgehalten. Über Jahrhunderte hatten wir Frauen weniger Zugang zu Bildung, durften vielerorts nicht studieren, nicht publizieren oder konnten unsere Texte nur anonym oder unter männlichem Pseudonym veröffentlichen. Und selbst wenn wir schrieben, entschied eine von Männern dominierte Wissenschafts- und Kulturwelt darüber, was aufbewahrt, veröffentlicht und irgendwann als historisch relevant betrachtet werden würde.

Wie gross diese Leerstelle ist, wurde mir später im Studium bewusst. In einem Seminar über die Geschichte der Abtreibung stiess ich auf ein grundsätzliches Problem: Über Jahrhunderte existierte Kenntnis darüber, wie Schwangerschaften verhindert oder beendet werden konnten – nur findet sich davon vergleichsweise wenig in den klassischen schriftlichen Quellen, denn: Das Wissen über Pflanzen, Fruchtbarkeit, Schwangerschaft und Abbruch wurde von Frauen mündlich weitergegeben.

Rosanna Grüter
«Ich erinnere mich, wie ich als kleines Mädchen ohne jegliches Wissen über das Patriarchat in meiner Schulbank sass und mich fragte: Was zum Teufel haben denn meine Leute die ganze Zeit gemacht?»

Und genau da beginnt das nächste Problem. Denn was überhaupt als historische Quelle gilt, wurde lang und wird noch immer von einem patriarchal geprägten akademischen Apparat definiert. Staatliche Akten, Gesetzestexte, wissenschaftliche Abhandlungen: Quelle. Mündlich von Frauen überliefertes Wissen: Brauchtum, Aberglaube, Legende. So verschwand weibliche Geschichte gleich zweimal: zuerst, weil sie seltener überliefert wurde – und weil das, was doch überliefert wurde, nicht denselben Status als historisches Wissen erhielt.

Und es gibt noch einen dritten Grund, warum Frauen in unserer Geschichtsschreibung fehlen: Ihre Leistungen wurden häufig von Männern vereinnahmt und als ihre eigenen ausgegeben. Dafür gibt es in Kunst und Wissenschaft zahlreiche bekannte Beispiele, über die dennoch erstaunlich selten gesprochen wird. Hier drei davon:

Man nennt dieses systematische Unsichtbarmachen weiblicher Leistungen den «Matilda-Effekt». Wobei das Wort «Effekt» natürlich einigermassen elegant verschleiert, dass es sich in vielen Fällen schlicht um geistigen Diebstahl handelt.

Ob Dolly und Gloria irgendwann tatsächlich aus unserer Geschichte verschwinden werden, können wir heute nicht wissen. Bitter ironisch wäre es aber allemal, denn: Beide haben ihr Leben lang gegen die Tilgung von Frauengeschichten angeschrieben, angesungen und angekämpft.

Rosanna Grüter
«So verschwand weibliche Geschichte gleich zweimal: zuerst, weil sie seltener überliefert wurde – und weil das, was doch überliefert wurde, nicht denselben Status als historisches Wissen erhielt.»

Dolly tat dies zum Beispiel mit ihren Songs: «Just Because I’m a Woman» thematisierte schon 1968 die sexuelle Doppelmoral der Gesellschaft punkto Geschlecht, «9 to 5» hatte die Benachteiligung von Frauen am Arbeitsplatz zum Inhalt. 1995 gründete sie ausserdem die «Imagination Library», die kostenlos Bücher an Kinder verschickt – auch als Reminiszenz an ihre Mutter Avie Lee, die ihr Geschichten vorlas, Balladen vorsang und ihren ersten Song für sie aufschrieb, als Dolly selbst zum Schreiben noch zu klein war.

Gloria wiederum sorgte dafür, dass Erfahrungen von Frauen journalistisch sichtbar wurden. Das von ihr mitgegründete Magazin «Ms.» machte Themen öffentlich, die andere Medien kaum behandelten: Bereits in seiner ersten Ausgabe erschien beispielsweise die Petition «We Have Had Abortions», unterzeichnet von 53 prominenten Frauen, darunter Billie Jean King, Nora Ephron, Susan Sontag und Anaïs Nin. Später brachte «Ms.» als erstes nationales US-Magazin häusliche Gewalt und sexuelle Belästigung auf sein Cover

Wem das bekannt vorkommt: Ja, Alice Schwarzer liess sich von Steinem inspirieren. Die beiden Feministinnen lernten sich 1973 in Paris kennen, vier Jahre später gründete Schwarzer «EMMA» – das deutsche Pendant zu «Ms.».

Das Beispiel illustriert perfekt, wie kollektive Entwicklung im Normalfall funktioniert: Menschen bauen Plattformen, die kommenden Generationen Handlungsräume bieten. Gloria hat mit «Ms.» den Boden gelegt, auf dem Schwarzer mit «EMMA» stehen konnte. Sie hat den Sand gestreut, auf dem die, die nachher kamen, ihre Spuren zeichneten. Nichts geschieht in luftleerem Raum, und wir alle stehen auf den Schultern der Riesinnen, die vor uns kamen. 

Rosanna Grüter
«Wer Frauen ihre Geschichte nimmt, raubt ihnen die Vorstellung einer Zukunft, in der Frauen nicht länger nur Dienerinnen, Mütter und Bittstellerinnen sind, sondern auch Kriegerinnen und Königinnen!»

Ohne Vorgängerinnen wirken eigene Forderungen übermütig, ohne Genealogien wirken eigene Träume naiv. Ohne Beispiele wirkt jede Idee einer anderen Ordnung der Dinge wie eine Utopie und nicht wie das, was sie eigentlich ist: die Fortsetzung eines Kampfes, der seit Langem schon geführt wird. Wer Frauen ihre Geschichte nimmt, nimmt ihnen darum nicht nur die Vergangenheit, sondern raubt ihnen auch die Vorstellung einer Zukunft, in der Frauen nicht länger nur Dienerinnen, Mütter und Bittstellerinnen sind, sondern auch Kriegerinnen – und Königinnen!

Wenn wir uns dieses Vermächtnis erhalten können, werden sich Mädchen im Geschichtsunterricht nicht mehr fragen müssen, was ihre Leute denn die ganze Zeit getrieben haben. 

Dolly und Gloria haben uns zurückgegeben, was die patriarchale Geschichtsschreibung uns systematisch verweigert: Vorstellungsvermögen, Öffentlichkeit, Sprache. Sie haben unsere Vergangenheit sichtbar und damit unsere Zukunft denkbar gemacht. 

Wir dürfen nicht mehr vergessen. 

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Veröffentlicht: 24. September 2026