Erfahren, ehrgeizig, aber unsichtbar. Eine aktuelle Studie bestätigt, dass keine andere Altersgruppe beruflich so unzufrieden ist wie Frauen über 40. Statt Aufstieg, Abstellgleis.
Woran liegt das, und wie kann die Wirtschaftswelt das ändern? Und welche Hebel haben die Frauen selbst?
Altersdiskriminierung. Stereotype und gesellschaftliche Vorurteile gegenüber einer Karrierefrau. Hormonelle Veränderungen durch die Menopause. Ja – it’s a lot.
Keine Altersschubladen
Studien zeigen, dass insbesondere Frauen in der Lebensmitte häufig mit altersdiskriminierenden Annahmen konfrontiert sind, die sie dazu zwingen, ihre Karriere zu beenden oder sogar aus dem Berufsleben auszuscheiden.
Projektmanagerin Nora Keller vom Kompetenzzentrum für Diversity & Inclusion an der Universität St. Gallen (HSG) hat dazu neue Analysen gemacht und sagt: «Frauen und Männer vor dem 30. Lebensjahr haben im Wesentlichen die gleichen Chancen, in Schlüsselpositionen etwa mit Personalverantwortung aufzusteigen. Und dann kommt’s: Der Abstand wird immer grösser, je älter die Mitarbeitenden werden.» Für Keller ist das ein Hinweis darauf, dass die Überschneidung von Alter und Geschlecht bei der Benachteiligung von Frauen eine Schlüsselrolle spielt.
Trotz ihrer Erfahrung und ihrer oft grösseren Flexibilität, wenn es um familiäre Verpflichtungen geht, werden viele Frauen in dieser Lebensphase also eher übersehen, als dass sie beruflich befördert würden.
Warum ist das so? Dazu erneut Keller von der HSG: «Ich vermute, dass dies darauf zurückzuführen ist, dass Frauen in den entscheidenden Karrierejahren zwischen 30 und 40 viel mehr Betreuungsarbeit leisten als Männer, ihren Beschäftigungsanteil reduzieren und es nie ganz schaffen, sich wieder heranzuarbeiten.»
Das muss sich ändern.
Hier konkrete Tipps, damit dir das gelingt:
- Um Altersdiskriminierung zu bekämpfen, ist es wichtig, dich über deine Rechte zu informieren. Das Verbot der Altersdiskriminierung ist ein in der Bundesverfassung garantiertes Grundrecht (Artikel 8, Absatz 2: Niemand darf wegen seines Alters oder seiner Herkunft, seiner Ethnie, seines Geschlechts, seiner Sprache oder seiner sozialen Stellung benachteiligt werden.).
- Äussere deine Meinung.
- Hinterfrag Stereotype.
- Setz dich für einen fairen Lohn ein. Wie dir das gelingt, liest du hier.
Auch Firmen in der Pflicht
Also noch einmal eine Frage an Expertin Keller von der HSG: Bietet die Schweiz angemessene Unterstützung für Frauen, die sich in der Lebensmitte beruflich neu orientieren? «Die Antwort lautet kurz und bündig: Nein.» Talentprogramme seien in der Regel entweder explizit oder implizit für Arbeitnehmende unter einer bestimmten Altersgrenze reserviert.
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«Der Löwenanteil der wichtigen Karriereschritte findet unter 40 statt, kaum jemand macht einen bedeutenden Schritt über 50, und Frauen am allerwenigsten», sagt Keller weiter. (Siehe dazu auch die Grafik.) «Ich würde mir wünschen, dass mehr Unternehmen Talentprogramme oder Programme für den Übergang in die Berufslaufbahn für Frauen über 40 einführen.»
Auch die Firmen sind in Zeiten des Fachkräftemangels mehr denn je in der Pflicht, Frauen im Arbeitsmarkt zu halten, und können eine Menge tun, am Arbeitsplatz Altersdiskriminierung zu bekämpfen. Darauf solltest du achten:
- Wird am Arbeitsplatz eine Kultur gelebt, die Erfahrung wertschätzt?
- Werden Altersvielfalt und generationenübergreifende Zusammenarbeit gefördert?
- Gibt es Möglichkeiten zur Kompetenzentwicklung? Werden etwa Anpassungsfähigkeit und kontinuierliches Lernen gefördert, gibt es Geegenheiten, technisches Wissen (z.B. zur KI) zu verbessern und zu lernen, wie man eine überzeugende persönliche Marke aufbaut?
- Gibt es faire Einstellungs- und Beförderungspraktiken?
Nimm deine Veränderungen selbst in die Hand
Als wären Stereotype und Altersdiskriminierung nicht anstrengend genug, kommt dazu oft noch das Hormonchaos. Menopause und Perimenopause können die geistige und körperliche Gesundheit einer Frau jenseits der 40 erheblich beeinträchtigen. Und sich auf ihr Energieniveau, ihre Stimmung und ihr allgemeines Wohlbefinden auswirken.
Eine Studie dazu ergab, dass 28 Prozent der berufstätigen Frauen in der Schweiz aufgrund von Symptomen der Menopause oder Perimenopause ihren Arbeitsplatz verlassen haben. Oder dies in Erwägung ziehen.
Dazu passt ein Beispiel einer Freundin: «Ich kam mit 51 Jahren in die Wechseljahre. Da ich bereits durch die Erziehung kleiner Kinder erschöpft war, bemerkte ich keine Anzeichen der Perimenopause. Da ich immer stolz auf meine Professionalität gewesen war, war ich am Boden zerstört, weil ich nun regelmässig bei der Arbeit weinte, und die chronische Schlaflosigkeit war lähmend. Da es am Arbeitsplatz keine Sensibilisierung oder Unterstützung gab, beeinträchtigte diese Erfahrung meine frühen Fünfziger und trug definitiv dazu bei, dass ich eine Stelle aufgab.»
Um diese Phase zu überstehen, ohne die Karriere zu gefährden, ist es in einem ersten Schritt wichtig, sich der Veränderungen bewusst zu sein. Erst wenn wir uns als Gesellschaft der Veränderungen bewusst werden – und sie besser verstehen –, können wir proaktive Massnahmen ergreifen.
Tipps, die Symptome in den Griff zu bekommen und die berufliche Dynamik zu erhalten:
- Sprich mit Kolleg:innen offen über die Herausforderungen.
- Hole dir Unterstützung von Familie, Freund:innen und unterstützenden Netzwerken.
- Such (medizinischen oder ganzheitlichen) Expert:innenrat.
- Schau zu dir selbst (gesundes Essen, regelmässige Bewegung, Stressbewältigungstechniken).
In einem zweiten Schritt spielen auch hier wieder Arbeitgeber:innen eine entscheidende Rolle. Das können sie tun:
- Durch Information ein Bewusstsein für die hormonellen Veränderungen bei Frauen schärfen.
- Zugang zu Gesundheitsdienstleistern bieten, die sich auf die Wechseljahre spezialisiert haben.
- Richtlinien erlassen, die Frauen in dieser Phase unterstützen. Unternehmen wie Vodafone haben in diesem Bereich eine Vorreiterrolle übernommen, indem sie weltweite Schulungs- und Aufklärungsprogramme für Mitarbeitende zum Thema Wechseljahre ins Leben gerufen haben. Darunter etwa ein öffentlich zugängliches Toolkit, das das Verständnis für Wechseljahre verbessern soll.
Erfolgreichere Gründerinnen mit 50
Die traditionelle Karriereleiter kann sich für Frauen über 40 deshalb als kaum erklimmbar anfühlen. Es gibt jedoch zahlreiche erfüllende Karrierewege ausserhalb der traditionellen Unternehmensstruktur. Teilzeitarbeit oder Selbstständigkeit bieten Flexibilität und Autonomie. Und ermöglichen es, Führungsverantwortung und Familienleben (besser) miteinander zu vereinbaren.
Zunehmend mehr Frauen entscheiden sich dafür, nach 40 ihr eigenes Unternehmen zu gründen. Untersuchungen haben ergeben, dass Unternehmerinnen über 50 doppelt so häufig erfolgreich sind wie Unternehmerinnen in ihren 20ern.
Trotzdem erhalten von Frauen gegründete Unternehmen deutlich weniger Finanzmittel als von Männern gegründete Unternehmen. Um diese Ungleichheit zu beseitigen und Unternehmerinnen zu stärken, können Unternehmen und die Gesellschaft eine entscheidende Rolle spielen, indem sie flexible Arbeitsregelungen fördern, Coaches bereitstellen und Investitionen in von Frauen geführte Unternehmen unterstützen.
Einem BCG-Bericht zufolge würde das weltweite BIP um 3 bis 6 Prozent steigen und die Weltwirtschaft jährlich um bis zu 5 Billionen Dollar ankurbeln, wenn Unternehmerinnen die gleichen Investitionen erhielten wie männliche Unternehmer.
Das bedeutet nicht, dass Frauen über 40 ein Imperium aufbauen müssen, um eine erfolgreiche Karriere zu machen. Es gibt auch andere, nicht-traditionelle Wege, wie zum Beispiel das Konzept der sogenannten «fractional roles». Fractional Roles sind Teilzeitpositionen, die Mitglieder der C-Suite, also der Chief-Suite, einnehmen. Fractional Executives arbeiten in der Regel für mehrere verschiedene Unternehmen und widmen jedem einen Teil ihrer Zeit. Dieses Konzept ermöglicht es Frauen, ihre Zeit selbst zu planen. Zudem können sie berufliches Wachstum mit dem Privatleben verbinden und Kunden und Projekte auswählen, die ihren Werten und Zielen entsprechen. Ausserdem ist es ein Weg, sich von den noch immer oft (zu) starren Strukturen traditioneller Arbeitsplätze zu lösen.
Bestärkung und Zusammenarbeit
Zwar sind Veränderungen in den Unternehmen und in der Gesellschaft entscheidend für die Bewältigung der Herausforderungen, mit denen Frauen über 40 konfrontiert sind; doch ebenso wichtig ist die Befähigung der Einzelnen. Frauen haben die Macht, Veränderungen anzustossen, Hindernisse zu überwinden und sich eine erfüllende Karriere aufzubauen.
Wie eine Unternehmerin sagte, nachdem sie ihr eigenes Geschäft jenseits der 40 gegründet hatte: «Ich bin vielleicht nicht die CEO eines grossen Unternehmens, aber ich bin die CEO meiner eigenen Zeit.»
Erfolg wird nicht nur durch Beförderungen und hochrangige Positionen definiert. Erfolg umfasst persönliche und berufliche Erfüllung, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Berufs- und Privatleben und die Fähigkeit, einen bedeutenden Beitrag zu leisten. Nutz die Möglichkeiten, die sich mit dem Alter ergeben. Und glaub an das Potenzial, dich zu entfalten.
Es ist an der Zeit, Karriere und Führung neu zu definieren und mehr Möglichkeiten für Frauen zu schaffen, zu ihren eigenen Bedingungen zu führen. Zu wachsen. Zu inspirieren. Und gleichzeitig die Unternehmen dazu zu befähigen, dieses Talent für ihr Wachstum zu nutzen. Ansätze gibt es, etwa die oben erwähnten Fractional Roles – wir müssen sie «nur» endlich umsetzen.
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