«Jeder Milliardär ist ein Versagen des politischen Systems», sagte Yvon Chouinard, Gründer von Patagonia, im Jahr 2022 in einem Interview mit der New York Times. Die Aussage spiegelt seine Überzeugung wider, dass das gegenwärtige Wirtschaftssystem unweigerlich zu extremen Ungleichgewichten führt – indem sich Einzelne privat an den Erfolgen von Unternehmen bereichern, während die meisten Mitarbeitenden nur einen Bruchteil des Mehrwerts erhalten.

Ein Börsengang Patagonias war für Chouinard deshalb keine Option, denn nach diesem Prinzip funktionieren in seinen Augen die traditionellen Finanzmärkte: Unternehmen verkaufen ihre Anteile an Aktionär:innen, die nicht aktiv im Unternehmen tätig sind. Damit geben sie die Kontrolle über ihr Unternehmen aus der Hand, denn am Ende regiert das Geld. Durch einen Börsengang verschiebt sich der Fokus eines Unternehmens zwangsläufig auf die Interessen der Aktionär:innen und damit auf die Maximierung kurzfristiger Profite und die Steigerung des Aktienkurses.

Die Beziehung von Geld und Macht neu gedacht

Diesem Trend, der in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend zur Norm wurde, will das Steward-Ownership-Modell, im deutschsprachigen Raum auch Verantwortungseigentum genannt, ein Ende setzen. Annina Menzi ist Co-Initiantin von Purpose Schweiz, einer Organisation, die Unternehmen auf ihrem Weg zu Steward-Ownership begleitet. Sie sagt im Gespräch mit ellexx: «Mit Steward-Ownership wird eine Firma nicht mehr zum Spekulationsgut, das von A nach B gehandelt wird und an dem sich jede:r bereichern kann.»



Konkret verpflichten sich Firmen, die nach dem Steward-Ownership-Modell funktionieren, zu zwei Prinzipien:

1) Selbstbestimmung: «Steward-Ownership will die Macht zur Firma selbst zurückholen», sagt Menzi. «Häufig können Menschen über Firmen entscheiden, die dazu gar nicht befähigt sind, weil sie das Unternehmen nicht ausreichend kennen.» Bei Steward-Ownership-Firmen werden Aktien nicht pauschal mit Stimmrechten ausgestattet – damit werden also die Mitspracherechte im Unternehmen weitestgehend von den finanziellen Rechten getrennt. Für Menzi ist das naheliegend, denn das Prinzip, dass man mit Geld Macht kaufen kann, wurde bereits in vielen Rollen unserer Gesellschaft ausgemerzt: «Weder einen Regierungssitz noch einen CEO-Posten kann man sich erkaufen, weshalb sollte man sich dann Entscheidungsmacht über Firmen kaufen können?»

2) Vermögensbindung: Das zweite Grundprinzip hinter Steward-Ownership ist die Vermögensbindung. Der Unternehmenszweck soll bei Steward-Ownership-Firmen im Zentrum stehen. «Gewinne sind nur Mittel zu diesem Zweck und kein Selbstzweck», so Menzi. Gewinne werden bei Steward-Ownership-Firmen mehrheitlich in den Unternehmenszweck reinvestiert und nur limitiert an Investor:innen ausbezahlt. Eine faire und risikoadäquate Kompensation der Gründer:innen und Investor:innen sei dennoch vorgesehen, aber eben nicht eine unlimitierte. 

Annina Menzi
Steward-Ownership stellt sicher, dass der Unternehmenszweck im Fokus steht und die erwirtschafteten Mittel in diesen Zweck fliessen – auch wenn sich die Eigentümerschaft verändert.


Die beiden Prinzipien haben zur Folge, dass sich die Beziehung von Macht und Kapital in den Unternehmen verändert. Damit sei Steward-Ownership eine langfristige Überlebensstrategie, um den Fortbestand eines Unternehmens zu sichern, sagt Menzi. «Steward-Ownership stellt sicher, dass der Unternehmenszweck im Fokus steht und die erwirtschafteten Mittel in diesen Zweck fliessen – auch wenn sich die Eigentümerschaft verändert.»

Eine alte Bewegung erhält frischen Wind

Menzi beschreibt die Eigentumsstruktur als eine Art Gefäss der Firma. «Viele Strömungen, die eine nachhaltige oder zukunftsgerichtete Veränderung in der Wirtschaft erreichen wollen, zielen auf die Inhalte von Firmen ab. Bei Steward-Ownership geht es nicht um die Inhalte, sondern ums Gefäss darum herum.» Das Modell definiert nicht, was der Zweck eines Unternehmens sein soll, sondern mit welchen Strukturen er langfristig als oberstes Gebot fungieren kann.

In den vergangenen Jahren war Menzi mit ihrem Team von Purpose Schweiz mit zahlreichen Schweizer Unternehmen im Dialog. Dabei hat sie festgestellt, dass viele ältere Schweizer KMUs bereits nach den Prinzipien von Steward-Ownership handeln und diese sogar rechtlich verankert haben, den Begriff aber nicht kennen. Andere Familienunternehmen und KMU wiederum funktionieren zu gewissen Graden schon nach einem der beiden Prinzipien – der Selbstbestimmung oder der Vermögensbindung –, oft wird dies aber rechtlich nicht verankert.

Annina Menzi
Steward-Owned Firmen existieren, weil sie einen langfristigen Beitrag leisten wollen, und nicht, weil sie den Profit kurzfristig maximieren wollen.



International bekannte und offiziell nach Steward-Ownership aufgestellte Firmen sind beispielsweise Zeiss, Bosch oder Alnatura. Bei Bosch hält eine Stiftung die Mehrheit der Unternehmensanteile mit Gewinnbezugsrechten, diese hat aber keinen strategischen Einfluss auf das Unternehmen. Die Stimmrechte liegen hauptsächlich in den Händen von zehn sogenannten Stewards und können weder verkauft noch vererbt werden. Auf Anfrage von ellexx schreibt Bosch:  «Unsere gesellschaftsrechtliche Struktur sichert die unternehmerische Unabhängigkeit der Bosch Gruppe und ermöglicht uns, langfristig zu planen.» Bosch betont damit die beiden zugrunde liegenden Prinzipien der Selbstbestimmung und Vermögensbindung, die einen langfristigen Fortbestand des Unternehmens sichern sollen.

Gründerinnen sind häufiger purpose-orientiert

Menzi stellt fest, dass Steward-Ownership-Firmen vor allem eine Sache gemeinsam haben: «Diese Firmen existieren, weil sie einen langfristigen Beitrag leisten wollen, und nicht, weil sie den Profit kurzfristig maximieren wollen.» Steward-Ownership eignet sich damit für alle Unternehmen, die ihren Unternehmenszweck oder eben Purpose in den Mittelpunkt stellen wollen – das sind häufig sozial ausgerichtete Unternehmen, aber nicht ausschliesslich.



Gerade bei Gründerinnen steht der Unternehmenszweck häufig im Vordergrund. 63 Prozent der Gründerinnen starten ein Unternehmen, weil sie etwas verändern wollen – es geht ihnen nicht primär darum, ihr Unternehmen teuer zu verkaufen oder reich zu werden. Damit leben viele Unternehmerinnen das Konzept Steward-Ownership schon, sie kennen aber das Konzept auf der Eigentumsebene oft nicht. «Deshalb ist es uns wichtig, das Modell bekannter zu machen, damit Unternehmer:innen ihre Sinnorientierung auch rechtlich schützen können», so Menzi. 

Steward-Ownership rechtlich verankern – aber wie?

Aktuell setzen die meisten grösseren Steward-Ownership-Firmen wie Bosch, Alnatura oder Patagonia auf ein Stiftungsmodell, um die Grundprinzipien der Selbstbestimmung und Vermögensbindung langfristig sicherzustellen. Doch dieses Modell hat für kleinere Unternehmen einen Haken: Es ist komplex und häufig kostenintensiv.

In Deutschland – dort hat die Steward-Ownership Bewegung auch ihren Ursprung – und in den Niederlanden sind deshalb Prozesse im Gange für eine angepasste Rechtsform für Unternehmen, die das Steward-Ownership-Modell umsetzen wollen. 

Annina Menzi
Grundsätzlich setzt Steward-Ownership keine regulatorischen Veränderungen oder politischen Druck voraus. Die Unternehmen können aus eigener Kraft im jetzigen systemischen Rahmen unsere Wirtschaft nachhaltiger und sinnorientierter gestalten.


In der Schweiz ist die Debatte noch nicht so weit. Hierzulande steckt Steward-Ownership noch in den Kinderschuhen, und in der breiten Öffentlichkeit ist der Begriff kaum bekannt. Menzi ist jedoch überzeugt: «Die Bewegung wird auch hierzulande wachsen in den kommenden Jahren, international tut sich bereits viel.» Und obwohl sich die Rahmenbedingungen für die Umsetzung von Steward-Ownership noch verbessern könnten, betont Menzi: «Grundsätzlich setzt Steward-Ownership keine regulatorischen Veränderungen oder politischen Druck voraus. Die Unternehmen können aus eigener Kraft im jetzigen systemischen Rahmen unsere Wirtschaft nachhaltiger und sinnorientierter gestalten.»

Ein Umdenken und gleichzeitig eine Chance für Investor:innen

Neben Unternehmer:innen braucht es für den Erfolg des Steward-Ownership-Modells am Ende vor allem Geldgeber:innen, die für eine neue Form des Wirtschaftens offen sind. Und bereit, dafür auf einen Teil ihres Profits und ihre Mitspracherechte zu verzichten.

Studien aus Dänemark belegen, dass Steward-Ownership auch für Investor:innen interessante Vorteile bringt: So haben Firmen, die nach Steward-Ownership handeln, eine höhere Retention-Rate – Mitarbeitende bleiben also länger im Unternehmen. Zudem sind diese Firmen resilienter und innovativer aufgestellt – Steward-Ownership-Firmen leben erwiesenermassen länger.

«Kein Zufall», sagt Menzi, «denn Steward-Ownership kann enorm viel Vertrauen schaffen.» Eine Steward-Ownership-Firma kann garantieren, dass alle Energie, die in ein Unternehmen gegeben wird, auch bei der Sache bleibt und nicht von Privaten abgegriffen werden kann. Dies habe für Mitarbeitende, aber auch Investor:innen eine starke Signalwirkung und ziehe Menschen an, die ebenfalls hinter dem Unternehmenszweck stehen, so Menzi.

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